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Tausende Trauernde folgen den Särgen von Präsident Lech Kaczynski und seiner Frau.
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Tausende Trauernde folgen den Särgen von Präsident Lech Kaczynski und seiner Frau.

Abschied von Kaczynski

Das Unbegreifliche begreifen

Polen nimmt Abschied vom Präsidentenpaar und den vielen Opfern des Flugzeugabsturzes von Katyn - doch die meisten internationalen Trauergäste müssen wegen der Aschewolke absagen. Doch der Kreml-Chef setzt ein Zeichen. Von Knut Krohn

Von Knut Krohn

Krakau. Von Stunde zu Stunde wurde die Liste länger. Gegen Mitternacht hatte Barack Obama abgesagt. Der US-Präsident konnte wegen der Aschewolke über Europa nicht nach Krakau zum Begräbnis für Lech und Maria Kaczynski fliegen. Gestern am frühen Morgen dann die nächsten Absagen: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französischen Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer, EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und der ständige Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy.

Irgendwann hörten sogar die polnischen Nachrichtenagenturen auf, jeden neuen Fehlenden zu vermelden. "Alle Trauergäste, die nicht kommen konnten, sind im Geiste bei uns", fand Kardinal Stanislaw Dziwisz zu Beginn der Messe in der Krakauer Marienkathedrale tröstende Worte.

Bereits am Vormittag waren die Särge von Lech und Maria Kaczynski zu dem Gotteshaus am Hauptmarkt von Krakau gebracht worden. Langsam schob sich die Kolonne durch die engen Gassen der Altstadt. An der gesamten Strecke standen Menschen, spendeten Beifall und warfen gelbe und rote Nelken auf den vorbeifahrenden Leichenwagen, die Lieblingsblumen von Maria Kaczynski. Die Särge wurden dann unter Glockengeläut von Soldaten für die Trauermesse in die Kirche gebracht. Rund 50 000 Menschen drängten sich auf dem Marktplatz, um der Zeremonie zu folgen oder einen letzten Blick auf die Särge zu werfen. An vielen Stellen waren große Leinwände aufgestellt, wo das Volk die Trauermesse verfolgen konnte.

Aus allen Landesteilen waren die Menschen nach Krakau geströmt. Kohlekumpel aus dem Revier in Niederschlesien, Widerstandskämpfer aus Warschau, Solidarnosc-Anhänger und Werftarbeiter aus Danzig. Viele Menschen trugen polnische Flaggen und Bilder Lech und Maria Kaczynski bei sich. Pfadfinder verteilten Wasser an die Wartenden. Die Stadtverwaltung hatte sich die ganze vergangene Woche auf einen nie dagewesenen Ansturm eingestellt. Die Beerdigung werde das größte Ereignis sein, dass die Stadt seit Hunderten Jahren gesehen habe, sagte Stadtsprecher Filip Szatanik.

Mit einer Schweigeminute begann schließlich um 14 Uhr die Trauermesse. Unter den Klängen des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart zogen die polnischen Bischöfe in die gothische Basilika ein, wo die von polnischen Flaggen bedeckten Särge des Präsidentenpaares standen. "Es ist schade, dass nicht alle kommen konnten", bedauerte Anna Waszkiewicz das Fehlen der vielen hochrangingen Trauergästen. "Das Schicksal meint es wieder einmal nicht gut mit Polen", sagt die Rentnerin. Wichtig sei aber sei der Wille und die Politiker in aller Welt hätten gezeigt, dass sie in diesen schweren Stunden mit Polen fühlten. "Aber der Russe ist gekommen", schiebt Anna Waszkiewicz noch schnell hinterher. "Der Russe", damit meint die alte Dame den Präsidenten Dimitri Medwedew.

Zeichen des Kreml-Chefs

Angesichts des Fehlens vieler anderer hochrangiger Staatsgäste, setzte der Kreml-Chef mit seinem Kommen - trotz Flugverbot - ein deutliches Zeichen der Solidarität mit Polen. Ihm schien es besonders wichtig, an der Trauerfeier teilzunehmen und damit die Annäherung der beiden Staaten voranzutreiben. Kurz vor der Messe fand Medwedew auch Zeit, sich kurz mit dem polnischen Premier Donald Tusk zu treffen und er erklärte demonstrativ, dass die Trauer beide Nationen verbinde. Der russische Präsident legte in der Marienkirche einen Strauß scharlachroter Rosen nieder und zündete eine Kerze an. Das russische Staatsfernsehen übertrug das Staatsbegräbnis direkt.

Bereits am Vortag bei der zentralen Trauerfeier in Warschau für die insgesamt 96 Opfer des Absturzes hatte der polnische Premierminister Donald Tusk erklärt, dass das Land noch immer unter Schock stehe. "Es übersteigt noch immer unsere Möglichkeiten, das Ausmaß dieser Tragödie zu begreifen, der größten in der Geschichte Nachkriegspolens", sagte der Premierminister. Die Liste der Opfer symbolisiere die ganze Nation, erklärte der sichtlich bewegte polnische Premier Donald Tusk in seiner Trauerrede. "Vom 91 Jahre alten Ryszard Kaczorowski bis zur 23 Jahre alten Natalia Januszko." Der greise Präsident habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt, den Stalinismus, das kommunistische Regime in Polen, erinnert Tusk. Die junge Stewardess hingegen sei in einem unabhängigen Polen aufgewachsen und konnte die Freiheit in vollen Zügen genießen.

Bei den Feierlichkeiten in Warschau standen Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw und Marta, die Tochter des verunglückten Präsidentenpaares, gefasst vor einer Bühne, auf der ein Altar im Stadtzentrum aufgebaut war. Bereits am Morgen um 8.56 Uhr waren zwei Minuten lang die Glocken und Alarmsirenen ertönten - genau zu der Zeit, als die Maschine bei Smolensk in Westrussland bei dichtem Nebel in einem Waldstück zerschellt war. Die Delegation war auf dem Weg zu Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Hinrichtungen in Katyn gewesen. Der sowjetische Geheimdienst hatte damals 22 000 polnische Offiziere und andere Mitglieder der Eelite rund um Katyn umgebracht.

"Diese beiden Särge sind ein Symbol für die Erinnerung an Katyn", rief deshalb Kardinal Stanislaw Dziwisz den Trauernden ins Gedächtnis. Damit versuchte er auch zu erklären, weshalb Lech und Maria Kaczynski auf dem Wawel-Hügel begraben werden, der ehemaligen Königsresidenz in Krakau. Sie ruhen dort in der Gruft neben Königen und Nationalhelden, was in Polen in den vergangenen Tagen zu heftigen Verwerfungen geführt hat.

Inzwischen ist geplant, über dem Sarkophag eine Gedenktafel mit den Namen aller Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk anzubringen. Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass die Kritiker damit Milde gestimmt werden können. Sie haben angekündigt, aus Gründen der Pietät, bis zur Beisetzung des Paares in der Krypta der Wawel-Kathedrale keine Kritik an der Entscheidung zu üben. So hallten gestern am Abend die Salutschüsse für das Präsidentenpaar über die Altstadt von Krakau - und für manche klangen sie wie die Startschüsse zu einem unschönen Streit.

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