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Die Schwestern Blanche (Joan Crawford, rechts) und Jane Huston (Bette Davis).

Rivalität

Die unbarmherzigen Verwandten

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Warum Schwesternrivalität im Kino so fasziniert.

Man könnte eine Filmgeschichte über die Rivalitäten von Geschwistern schreiben. Sie sind ein unerschöpfliches Filmthema, wobei sich Schwestern- und Brüderfehden gleicher Beliebtheit erfreuen. Etwas seltener begegnet man gemischten Geschwisterpaaren auf der Leinwand, aber auch hier kommen einem rasch einige ausgesprochene Kultfilme in den Sinn, insbesondere im Teenie-Genre: „Eiskalte Engel“ oder „Ferris macht blau“. Hollywood steht im Ruf, seine dramatischsten Heldenrollen den Männern vorzubehalten – und doch erreichen Bruderfehden dort selten die psychologische Tiefe ihrer weiblichen Gegenstücke. Selbst der Zwist von Fredo und Michael Corleone in „Der Pate“ oder die auf Shakespeare’sche Dimensionen überhöhte Eifersucht der Raubkatze Scar auf Bruder Mufasa, den „König der Löwen“, erblassen gegen einen Schwestern-Klassiker wie „Was geschah wirklich mit Baby Jane“. 

Bette Davis spielt in Robert Aldrichs Drama den ehemaligen Kinderstar Jane, der sich im Alter mit der behinderten Schwester Blanche, die von Joan Crawford verkörpert wird, eine Hollywoodvilla teilt. Jane, deren Karriere mit der Kindheit endete, beneidet ihre Schwester, die bis zu ihrem Unfall ein umworbener Hollywoodstar war, noch immer. Nun serviert sie ihr den geliebten Kanarienvogel und später eine Ratte zum Frühstück. Dass mehr als ein makabrer Thriller daraus wurde, verdankt der Film seinen beiden Stars, die selbst eine Rechnung mit der Traumfabrik zu begleichen hatten: Ihr einstiger Arbeitgeber, Studioboss Jack Warner, hielt sie für „abgetakelte alte Schachteln“. Das intensive Kammerspiel schaffte es in den Wettbewerb von Cannes und öffnete weiteren Altstars die Türen zu unverhofften Charakterrollen. Sogar ein deutsches TV-Remake gab es 2002 mit Hannelore Elsner und Iris Berben, leider vom wenig geschmackssicheren Oskar Roehler inszeniert als „Fahr zur Hölle, Schwester!“.

Eifersucht auf sexuelle Attraktivität

Was die Schwesternrivalität für das Kino offensichtlich interessanter macht als die von Brüdern, ist ein spezieller Aspekt der Eifersucht auf sexuelle Attraktivität – auch wenn nirgendwo steht, dass dies bei Männern nicht vorkommt. In Ingmar Bergmans Psychodrama „Das Schweigen“ fühlt sich die von Gunnel Lindblom gespielte Anna von ihrer kränklichen Schwester Esther (Ingrid Thulin) gehasst und versucht sie zu schockieren, indem sie mit einem sexuellen Abenteuer prahlt. Bergman erarbeitete seine Drehbücher autobiografisch oder sammelte Erlebnisse seiner Darstellerinnen und Darsteller, die er dann oft Filmfiguren anderen Geschlechts zuordnete. Dies mag einer der Gründe sein, warum Geschlechterrollen in seinen Filmen auch nach Jahrzehnten noch so modern wirken. 

Im heutigen Mainstream-Kino ist das Motiv der Schwesternrivalität allerdings auch in märchenhafter Archaik überlebensfähig – denken wir nur an die regelmäßigen Neuverfilmungen des „Cinderella“-Motivs. Man muss die Titelfigur schon so frisch auffassen, wie es Vaclav Vorlicek im tschechoslowakischen Kultfilm „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ gelang, um nicht in die Fallen naiver Wohlstandsversprechen zu tappen, die das Einheiraten in den Adelsstand mit sich bringt. Hier lassen sich Gier und Missgunst der leiblichen Schwestern gegenüber der bescheiden auftretenden Titelfigur durchaus als Kapitalismuskritik verstehen. 

Auch das Drama „In den Schuhen meiner Schwester“ ist in diesem Sinne durchaus wertkonservativ. Einmal mehr geht es um die klassische Dualität ungleicher Schwestern zwischen der chaotischen Maggie (Cameron Diaz) und der disziplinierten Rose (Toni Collette). Doch in der Erweiterung des Fokus auf weitere Frauen in der Familie wird es differenzierter: Unter den Fittichen der patenten, von Shirley MacLaine gespielten Oma, begreift Maggie, wie sehr sie und ihre Schwester unter einer manisch-depressiven Mutter gelitten haben. Die psychologische Aufarbeitung rettet auch die Geschwisterliebe. 

Die deutsche Autorenfilmerin Margarethe von Trotta erfuhr erst mit 40 Jahren, nach dem Tod der Mutter, dass sie eine Schwester hatte. Nach einer Fernsehdokumentation meldete sich bei ihr eine 15 Jahre ältere Frau; später wurde aus diesem Erlebnis der Trotta-Film „Die abhandene Welt“. Kurz vor der Begegnung hatte sie ihren bedeutenden Film „Schwestern oder die Balance des Glücks“ (1979) beendet. Jutta Lampe spielt darin eine erfolgreiche Chefsekretärin, die ihre sensible jüngere Schwester (Gudrun Gabriel) unterstützt, ohne sie wirklich zu verstehen. Nach deren Suizid ersetzt sie ihren Platz durch eine fremde Frau. Erst spät lässt sie Trauerarbeit zu. 

Trotta hatte sich von Ingmar Bergmans Filmsprache inspirieren lassen, der wiederum ihre nächste Filmarbeit zu seinen Lieblingsfilmen zählen sollte. „Die bleierne Zeit“ (1981) verarbeitet die Biografien der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin zu einem individuellen Diskurs über Identitätsfindung in der Politisierung und gesellschaftliche Veränderungen. Mit dem Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig fand von Trotta mit ihrem Schwesterndrama größere Anerkennung als jede Regisseurin zuvor. Auch in der Geschichte der Schwestern-Dramen sind ihre Filme große Ausnahmen, denn die für Hollywood so typische, auf materialistische oder körperliche Aspekte abzielende Eifersucht spielt in ihnen keine Rolle.

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