Coronavirus - Testcenter in Frankfurt/Main
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Kleinere Zahlen sind Trumpf: Ein Mitarbeiter verteilt Wartenummern an die Menschen vor dem Corona-Testcenter des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes in Frankfurt.

Fallzahlen

Die unbarmherzige Mathematik der Krise

  • vonMatthias Koch
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Bringt das exponentielle Wachstum der Zahlen von Corona-Opfern Staaten oder gar ganze Systeme ins Wanken?

Bei Angela Merkel passiert nichts zufällig. Sogar wenn sie emotional wird, gibt es dafür einen logischen Grund. So war es auch diese Woche bei ihrer Fernsehansprache zur Coronakrise. Nie hat ein bundesdeutscher Regierungschef sich mit so feierlichem Ernst und zugleich so betont menschlich und mitfühlend an die Deutschen gewandt. Der Zeitpunkt allerdings war im Kanzleramt kühl berechnet worden. Hätte die Chefin die Rede vor zwei Wochen gehalten, hätten die Leute ihr einen Vogel gezeigt und gesagt, sie übertreibe es. Hätte sie sie erst im April gehalten, wäre es zu spät gewesen.

Merkels Rede ist der Versuch des harten Gegensteuerns in einem mathematisch wie politisch prekären Moment. Ob das Abflachen der Kurve in Deutschland gelingt, entscheidet sich nicht irgendwann, sondern exakt in diesen Tagen.

„Flatten the curve“ – dieses Ziel verfolgen inzwischen alle Regierungen der Welt: Weil ein Gegenmittel immer noch fehlt, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als die langfristig unabwendbare Infektion von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung zumindest zeitlich so sehr zu strecken, dass allen medizinisch schwer erkrankten Menschen trotzdem optimal geholfen werden kann. Die Chance auf einen solchen Verlauf hat Deutschland offenbar noch nicht verspielt, trotz eines langsamen und nur stufenweisen Beginns von Gegenmaßnahmen.

Derzeit sind in Deutschland 13 093 Infizierte registriert – und nur 31 Tote. Die Tendenz aber ist an beiden Stellen sehr stark steigend. Bund, Länder und Gemeinden arbeiten jetzt mit aller Macht daran, die Kurve etwas zu biegen. Für Anfang April erhofft man sich im Kanzleramt erste Zeichen einer Wirksamkeit. „Die Zahlen werden auch dann noch weiter steigen“, sagt Kanzleramtschef Helge Braun. „Aber nicht mehr so steil.“

Am Ende jedenfalls wird alles zu einer Zahl. Klappt es mit dem Bremsen der Infektionen? Muss noch eine Ausgangssperre her? Wie verläuft der Ausbau der intensivmedizinischen Kapazitäten? Und, politisch besonders wichtig: Wie viele Todesopfer gibt es?

Nie lagen weltweit die Erfolge oder Misserfolge von Regierungen so offen zutage wie jetzt, rund um die Uhr einsehbar.

Noch bevor etwa Italien auch nur die Zeit fand, sich eine Strategie zu überlegen, wurde das Land von der Viruswelle erwischt wie von einem Tsunami. 2978 Menschen starben bislang den Angaben zufolge, zuletzt zählte Italien 475 Tote an einem einzigen Tag. Die Mathematik der Krise hat etwas Makabres. Aber sie schafft immerhin Klarheit, auch über sonst so diffus klingende Kategorien wie Betroffenheit.

„Liebe Kollegen, hört bitte auf, China als das am stärksten betroffene Land zu bezeichnen“, bat dieser Tage auf internen Kanälen ein Zeitungsredakteur aus Köln die Zentrale der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Tatsächlich dürfte allein in Italien die Zahl der Toten schon in Kürze sogar größer sein als in China. Von Bedeutung ist aber auch, politisch wie emotional, das rechnerische Verhältnis zwischen Todesopfern und Gesamtbevölkerung. In Italien leben 60 Millionen Menschen, in China 1,3 Milliarden.

Das Schicksal der Italiener hat eine Glocke geläutet, weltweit. Sogar die USA, wo Donald Trump wochenlang jene anführte, die über das Virus nur lächelten, gehen jetzt in die Kurve. Es könnte allerdings sein, dass dort viele Maßnahmen viel zu spät kommen. Vor allem in den USA verheißen die jüngsten Kurvenverläufe nichts Gutes. Die Supermacht wirkt, als sei sie auf dem besten Weg, vom Virus überwältigt zu werden. Noch vor zwei Wochen höhnte Präsident Trump, es gehe ja nun wirklich um „sehr kleine Zahlen“ von Infizierten, um „15 Leute in dieser riesigen Nation“. Inzwischen aber scheinen die Zahlen quer durchs Land zu explodieren, mit einem Schwerpunkt in der Millionenmetropole New York. Frappierend ist in den USA vor allem der schnelle Anstieg der Totenzahlen. In der Nacht zum Mittwoch meldete der Sender CNN erstmals mehr als 100 Tote. Schon am Donnerstag waren es 150.

Die Studenten in den USA hocken derzeit in den Ferien, beim alljährlichen „spring break“, bei Partys zusammen. Wissenschaftler warnen, gerade die Jüngeren könnten „Super-Spreader“ werden und das Virus massiv verteilen.

„Die größte Unzulänglichkeit der Menschheit ist ihre Unfähigkeit, exponentielles Wachstum zu verstehen“ – mit diesem Lehrsatz zog der amerikanische Mathematiker Albert Bartlett (1923–2013) zeitlebens durch die Lehrsäle. Dass Viren sich exponentiell ausbreiten, macht sie doppelt gefährlich: Am Anfang unterschätzt man sie – und dann kommt eine Welle, die alles überwältigt. Das bei Mathematikern beliebte Algen-Beispiel zeigt die Dynamik. Würden Algen sich jeden Tag verdoppeln und nach 30 Tagen einen See komplett bedecken, wäre an Tag 29 der See halb bedeckt, an Tag 28 nur zu einem Viertel. Geht man zurück zu Tag 25, wären nur 3,125 Prozent des Sees bedeckt. Wer würde in diesem Moment schon Alarm geben? Vor allem die Demokratien, stets an Stimmungen der Mehrheit orientiert, tun sich da schwer.

Doch die Mathematik der Viruskrise ist unbarmherzig. Werden tagelang Chancen verpasst, wächst der Preis, den eine Gesellschaft zahlt. In Großbritannien, wo anfangs ein laxer Kurs eingeschlagen wurde, warnten Wissenschaftler vom Imperial College in einem geheimen Bericht ans Nationale Gesundheitssystem NHS vor 260 000 Toten. In den USA kursieren Modellrechnungen, die auf bis zu zwei Millionen Tote deuten.

In beiden Fällen würde die Macht der Zahlen nicht nur die Regierenden stürzen. Die kompletten Systeme würden wackeln.

China dagegen meldete, dass in seiner Krisenregion am Donnerstag kein neuer Infizierter registriert wurde. So häufen sich die Hinweise auf eine möglicherweise weltverändernde Wirkung dieser Krise.

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