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Demonstrierende helfen einer Verletzten während der Ausschreitungen in Beirut. Links kickt ein Mann eine Tränengasgrante fort.

Libanon

Unbändige Wut in Beirut

Die internationale Gemeinschaft versucht, dem Libanon zu helfen – der aber versinkt in Gewalt.

Die halbe Welt scheint alles dafür tun zu wollen, dass das Leid im Libanon gelindert wird. Zumindest vermittelte die ehemalige Schutzmacht Frankreich (es verwaltete die ex-osmanische Provinz als Mandat des Völkerbunds bis 1945) anlässlich ihrer Nothilfe-Konferenz am Sonntag diesen Eindruck. Und tatsächlich versuchen schon seit kurz nach der Explosion einer Ladung Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen am Dienstag viele Nationen mit Geld, Ausrüstung, Medizinern und Katastrophenhelfern, den maroden staatlichen Institutionen des Nahost-Landes zu helfen.

Die von Franzosen und Vereinten Nationen mit Unterstützung der Europäischen Union ausgerichtete Konferenz war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet, aber schon Deutschland allein hat in der Person von Außenminister Heiko Maas zehn Millionen Euro an Soforthilfe versprochen: „Die Menschen in Beirut brauchen unsere Hilfe, und sie brauchen Anlass zur Hoffnung“, sagte er am Sonntag der „Bild“. Kaum eine der anderen gut drei Dutzend beteiligten Organisationen und Nationen wird sich da lumpen lassen.

US-Präsident Donald Trump habe bereits mitgeteilt, dass er teilnehme, hieß es in Paris. Auch der jordanische König Abdullah II., Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und der britische Premier Boris Johnson haben demnach zugesagt, ebenso wie EU-Ratspräsident Charles Michel. „Wir sind alle bereit, zu helfen“, sagte Michel am Samstag bei einem Treffen mit dem libanesischen Staatschef Michel Aoun.

Die Libanesen werden das sicher zu schätzen wissen – aber für sie zählt zur Stunde neben der Hilfe für die mehr als 6000 Verletzten und die Beerdigung der zumindest 158 Toten vor allem die Abrechnung mit ihrer Regierung: Chaos und Gewalt zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten haben die Spannungen in Beirut am Wochenende weiter erhöht. Bei den Zusammenstößen wurde nach staatlichen Angaben ein Polizist getötet. Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden, meldeten Rettungsdienste. Tausende Demonstranten hatten im Zentrum Beiruts zunächst friedlich demonstriert. Dann schlug der Protest jedoch in Gewalt um. Einige Demonstranten versuchten, Absperrungen zum Parlament zu durchbrechen und warfen Steine. Die Sicherheitskräfte setzten verstärkt Tränengas ein. Augenzeugen berichteten auch, sie hätten Schüsse gehört.

Ein Trupp von Demonstranten stürmte sodann das Gebäude der Bankenvereinigung. Andere drangen in das Außen-, das Wirtschaft- und das Energieministerium ein, wie lokale Medien meldeten. Der getötete Polizist habe Menschen helfen wollen, die in einem Hotel im Stadtzentrum festgesessen hätten, teilten die Behörden mit. Dabei sei er von „randalierenden Mördern“ angegriffen worden.

Der Rücktritt von Informationsministerin Manal Abdel Samad tat genauso wenig dazu, die Lage zu entschärfen wie die Ankündigung von Premier Hassan Diab, dem Kabinett vorgezogenen Neuwahlen vorzuschlagen. Diese wird im besten Fall als zu wenig, zu spät abgetan. Tatsächlich bringen Neuwahlen auch kaum Veränderung, weil das Wahlrecht unabhängigen Kandidaten jenseits der verkrusteten Parteienstruktur praktisch kaum Zugang zum politischen Prozess ermöglicht.

Um dieses Manko weiß auch Macron, der darum – und um Frankreich in eine stärkere Machtposition im östlichen Mittelmeerraum zu manövrieren – mehr darauf gibt, der Bevölkerung zu helfen, als die bedrängte Regierung in Beirut zu stützen. Der Franzose hatte am Donnerstag bei einem Besuch in der libanesischen Hauptstadt internationale Hilfe in Aussicht gestellt, gleichzeitig aber auch Reformen in dem Mittelmeerstaat gefordert.

Seit dem vergangenen Oktober erlebt der Libanon chronische Massenproteste gegen die Regierung. Die Menschen fordern weitgehende politische Reformen. Sie werfen der politischen Elite Korruption vor und beschuldigen sie, das Land rücksichtslos auszuplündern. Hinzu kommen der soziale und ökonomische Druck durch eine Million Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien und die fortwährende Beeinflussung der libanesischen Politik beispielsweise durch Syrien und den Iran. Dies läuft praktisch so seit Beginn der 80er Jahre.

In Beirut untersuchen derzeit französische Experten die Unglücksstelle, wo am Dienstag 2750 Tonnen von jahrelang nicht sachgemäß gelagertem Ammoniumnitrat explodierten. Die US-Erdbebenwarte USGS registrierte eine Explosion von der Erdbebenstärke 3,3. Im Hafen wurde ein 43 Meter tiefer Krater in den Boden gerissen. Rettungskräfte suchen immer noch nach 21 vermisst gemeldeten Menschen. Da es sich aber um zwei aufeinanderfolgende Explosionen handelte, sind Ursache und Hergang des Unglücks weiterhin unklar. Und damit kochen die Gerüchteküche und die Wut weiter. (FR/afp/dpa) Chaos und Gewalt: Maas reist nach Beirut – Wie stabil bleibt der Libanon?

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