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Will in Manchester alle Vorwürfe weglächeln: Boris Johnson.

Brexit

Unappetitliches zur Johnson-Party

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Großbritanniens Premier hat mit gleich mehreren Affären zu kämpfen. Seine Parteifreunde stört das kaum, wie sich in Manchester zeigt.

Als Boris Johnson durch das Midland Hotel eilt, wird er von einem dumpfen Dröhnen begleitet. Die überwiegend männlichen Gäste röhren ihre Zustimmung in Richtung des Premiers. Ein paar nicken Johnson verschwörerisch zu. Der Regierungschef schaut kaum nach rechts und links. Und dann ist er schon wieder weg, nächster Termin vor jauchzenden Anhängern.

Empfänge, Diskussionsrunden, Reden, auf dem Parteitag der Konservativen in Manchester muss die Basis eingeheizt und auf Linie gebracht werden. „Get Brexit done!“ – den Brexit durchziehen, es ist das Motto dieser vier Tage, die Regierung hämmert den Menschen die Botschaft bei jeder Gelegenheit ein. Doch derzeit überschatten einige Affären die Selbstbeweihräucherung. Im Mittelpunkt steht Boris Johnsons Verhältnis zu Frauen. So wirft ihm die „Sunday Times“-Kolumnistin Charlotte Edwardes vor, sie bei einem Abendessen vor knapp 20 Jahren begrapscht zu haben. Johnson habe sie und eine weitere Frau ziemlich weit oben in die Oberschenkel gekniffen. Downing Street wies den Vorwurf zurück.

Es ist nicht die einzige Geschichte, die die Tory-Veranstaltung stört, die doch eigentlich zum Johnson-Jubel-Parteitag werden sollte. Bereits vergangene Woche hatte die „Sunday Times“ berichtet, Johnson habe in seiner Zeit als Bürgermeister Londons der US-Unternehmerin Jennifer Arcuri vorschriftswidrig mehr als 100 000 Pfund öffentlicher Fördermittel beschafft. Die beiden sollen auch ein Verhältnis miteinander gehabt haben. Beide wiesen die Anschuldigungen zurück.

Die Londoner Regionalregierung will dennoch prüfen lassen, ob es hinreichende Gründe für die Eröffnung eines Strafverfahrens gibt. Johnsons Anhänger lachen die Vorwürfe des Amtsmissbrauchs weg, als handele es sich um einen Lausbubenstreich. Ach, der Boris eben. „Er ist ein Mann mit Charisma und bietet die Führung, die wir nun so dringend brauchen“, sagt John, der seinen Nachnamen nicht nennt. Der europaskeptische Konservative wünscht sich vor allem, dass das Königreich endlich aus der EU ausscheidet. Dass die Anschuldigungen gegen Johnson genau jetzt aufkommen, schiebt der 51-Jährige auf den Plan der Pro-Europäer, das Projekt Brexit zu sabotieren. Voller Verachtung zeigt John auf den Abgeordneten Dominic Grieve.

Kritik prallt an ihm ab

Grieve gehört zu den Rebellen in der konservativen Partei, die mit der Opposition paktierten, um einen No-Deal-Brexit auszuschließen. Dabei geht es nach Ansicht des Parteimitglieds John um nichts weniger als um die Zukunft der Konservativen. Die Nervosität an der Basis ist spürbar in Manchester. „Wenn wir nicht am 31. Oktober die EU verlassen, ist es aus und vorbei mit der Tory-Partei“, sagt er. Umso schlimmer für ihn, dass das Parlament einen Brexit ohne Abkommen per Gesetz ausgeschlossen hat.

Die Kritik an Johnsons Kriegsmetaphern und seiner fantasievollen Sprache, die er zuletzt erntete, scheint an ihm abzuprallen. Vielmehr sei er „ein Vorbild an Zurückhaltung“ in Bezug auf seine Wortwahl, befand der Premier am Wochenende. Ein Hohn für seine Gegner, die darauf verweisen, dass insbesondere weibliche Abgeordnete Drohungen erhalten und das Klima gefährlich aufgeheizt sei. Der Regierungschef steht unter Druck. Umso mehr inszeniert er sich als einer, der gegen den Widerstand des Establishments den Willen des Volks umzusetzen versucht.

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