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Ein traditioneller Totem in Kuto Bay auf der Ile Des Pins im Neukaledonien-Archipel.
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Ein traditioneller Totem in Kuto Bay auf der Ile Des Pins im Neukaledonien-Archipel.

Frankreich

Umworbener Kiesel im Pazifik

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Neukaledonien weit weg in der Südsee könnte am Sonntag per Referendum von Paris unabhängig werden. Aber Corona macht der Freiheitsbewegung einen Strich durch die Rechnung.

Nouvelle-Calédonie – wo liegt das schon wieder, fragen sich derzeit viele in Frankreich, wenn sie hören, dass in einem weit entfernten Winkel der Nation eine Volksabstimmung stattfindet. Richtige Antwort: im Pazifik, östlich von Australien, 18 000 Kilometer vom „Mutterland“ entfernt. „Le Caillou“, der Kieselstein, wie der langgestreckte Archipel oft genannt wird, besteht aus blauen Lagunen voller Korallen, Sandstrände und Palmenhainen. Die 270 000 Menschen dort – je zur Hälfte kanakische Urbevölkerung und Ex-Kolonist:innen aus Frankreich, dazu immer mehr Eingewanderte aus Asien – leben großenteils vom Abbau von Nickelerz, das für Batterien gebraucht wird. Man isst Baguette und importiert Camembert von der anderen Seite der Erde.

Trotzdem würden die Kanaken (hier ist das keine rassistische Schmähung, sondern die korrekte Volksbezeichnung) gerne weg von Frankreich. Wie ihr legendärer, 1989 ermordeter Anführer Jean-Marie Tjibaou einst sagte: „Solange es einen Kanaken auf dieser Erde gibt, wird er die Unabhängigkeit verlangen.“

Aller Voraussicht nach wird die Unabhängigkeit abgelehnt

Ein Jahr zuvor hatte schon eine Geiselnahme durch Kanaken mit mehreren Toten geendet. Seither suchen alle auf der ehemaligen Sträflingsinsel eine möglichst friedliche Koexistenz. Ein gestaffelter Autonomieprozess sollte in drei Wahlen zur Unabhängigkeit münden. Der erste fand 2018 statt, und 43,3 Prozent – fast nur Kanaken – stimmen für die Loslösung. 2020 waren es 46,7 Prozent. An diesem Sonntag ist die dritte Abstimmung angesetzt. Die 50-Prozent-Schwelle rückt immer näher – zum einen wegen der demografischen Entwicklung, aber auch wegen des politischen Reifungsprozesses der kanakischen Befreiungsfront (FLNKS).

Doch jetzt kommt alles ganz anders. Aller Voraussicht nach nämlich wird die Unabhängigkeit abgelehnt. Die FLNKS boykottiert die Abstimmung, nachdem sie vergeblich und mit Nachdruck eine Verschiebung verlangt hatte. Der Grund entzieht sich, wie so vieles in Neukaledonien, westlichem Denken.

„Die Abstimmung würde die Würde eines ganzen Volkes verletzen“

Das Malheur begann mit dem Coronavirus. Es forderte unter den oft ungeimpften, in Armut lebenden Kanaken Hunderte von Opfern. Viele Verkehrswege inklusive Flughäfen wurden geschlossen. Das hält die Menschen unter anderem davon ab, der Beerdigung von Familienangehörigen beizuwohnen. Ein Trauma für die Kanaken, die sehr intensiv und vereint trauern. Yvette Yeiwene etwa, eine ältere Frau aus dem Inselnorden, verlor ihre Schwägerin. „Wenn bei uns Kanaken jemand stirbt, bleibt man eine Woche zusammen, etwa 150 bis 200 Personen. Die Trauer dauert ein Jahr. Und ein Jahr später trifft man sich wieder“, klärte sie eine aus Paris eingeflogene Journalistin auf. „Verstehen Sie? Abstimmen zu gehen, obwohl die Trauer für meine Schwägerin nicht möglich war, das geht nicht.“

Wie Yvette Yeiwene denken viele. Die FLNKS ließ verlauten: „Die Abstimmung würde die Gefühle, Befindlichkeit und Würde eines ganzen Volkes verletzen.“ Und das zählt in Neukaledonien. Drei Jahrzehnte brauchte der geordnete und vor allem friedliche Ablösungsprozess bis zur Ziellinie. Und jetzt weiß niemand weiter, falls die Unabhängigkeit wie erwartet keine Mehrheit findet.

Die Südseeinsel birgt ein Viertel der weltweiten Nickelerzvorkommen

Der französische Präsident Emmanuel Macron lässt den Dingen ihren Lauf. Er gibt sich als neutraler Macher der Abstimmung. In Absprache mit den UN lässt er sogar 260 Wahlbeobachter:innen einfliegen. Frankreich will nicht, dass sein schöner Inselarchipel länger auf der schwarzen UN-Liste der „noch zu entkolonisierenden Länder“ steht. Deshalb verspricht Macron, dass die sozialen Anliegen der Kanaken auf jeden Fall erhört würden. Schon heute subventioniert Frankreich seine Überseebesitzungen mit jährlich 1,5 Milliarden Euro. Das ist vielleicht kein offizielles, aber ein trifftiges Argument gegen die Unabhängigkeit.

Denn in Wahrheit setzt Paris alles daran, dass Nouvelle-Calédonie bleibt. Die Südseeinsel birgt ein Viertel der weltweiten Nickelerzvorkommen; der US-Unternehmer Elon Musk hat im vergangenen März in ein großes Bergwerk investiert, um über Rohstoffe für seine Tesla-Batterien zu verfügen.

Bollwerk gegen China

Noch wichtiger ist die strategische Lage des „Kieselsteins“ als Bollwerk gegen Chinas Vordringen in den Südpazifik und nach Australien. Peking umgarnt die Kanaken, nachdem es schon andere Inselstaaten wirtschaftlich an sich gebunden hat.

Macron will außerdem Australien aufzeigen, dass Frankreich im Südpazifik noch ein paar Trümpfe hat, auch wenn es im September von der anglophonen „Aukus“-Allianz und dem U-Boot-Deal ausgeschlossen wurde. Einer dieser Trümpfe ist der Militärstützpunkt Nouméa, die Hauptstadt Neukaledoniens; dessen fast 2000 Soldat:innen müssten womöglich abziehen, wenn die Insel ihre eigene blau-rot-grüne Flagge mit dem gelben Kreis hissen würde.

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