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Aktiver Lebenskünstler: Der 76-jährige Klaus Traube lebt heute, umgeben von Kunst und Flohmarktmöbeln, im Taunus.

Umschalten, abschalten

Klaus Traube, gewandelt vom Atom-Saulus zum Umwelt-Paulus, streitet auch als Rentner weiter gegen die Kernenergie

Von PETRA MIES

Umschalten. Das Wort steht für die dramatische Wende zwischen seinen beiden zentralen Lebensabschnitten ebenso wie für das Thema, das ihn stets beschäftigt hat. Als Atom-Manager fing er an, als scharfer Kritiker der Atom-Industrie hört er noch lange nicht auf. Dazwischen: war er für Monate im Mittelpunkt einer Abhör-Affäre, die zur Zeitgeschichte der Republik gehört. Er selbst nennt sie längst "eine Kette von Absurditäten des Verfassungsschutzes".

Er weiß sicher aufzutreten und präzise zu sprechen, der 76-Jährige mit den blauen Augen und der sonoren Stimme. Nicht nur als Laienschauspieler im Film oder Darsteller der Städtischen Bühnen in Frankfurt, wo er gerade den König in "Leonce und Lena" gibt. Auch in Oberursel, wo er in seinem alten Haus hoch oben am Waldrand empfängt, breitet er Vita wie Ansichten entschieden aus. Erprobt. Nachdem ihn das Berufsleben immer wieder an andere Orte verschlagen hatte, ließ er sich vor sieben Jahren endgültig im Taunus nieder. Viel Kunst, viele auf Flohmärkten entdeckte Möbel, frische Blumen in den Vasen und Johnny Cash wie auch Stevie Wonder neben Brahms und Beethoven im CD-Regal: Traube, der sich mit Tennis, Schwimmen, Spaziergängen, langen Aufenthalten in seinem ligurischen Ferien-Domizil und vor allem mit seiner Arbeit fit hält, empfängt als betagter Lebenskünstler.

Gleichwohl Intellektueller, war Traube professionell alles andere als ein Kulturmensch. Auch als Rentner übt er etliche Funktionen seines ursprünglichen Faches aus, sei es als energiepolitischer Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland oder als Vizepräsident des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung. Da sitzt er im Arbeitszimmer im ersten Stock, erarbeitet Vorträge und Resolutionen, telefoniert herum. Lobby-Arbeit, immer noch.

Das Wort Reaktor barg Strahlkraft

Schneller Brüter, Biblis und Wackersdorf, Kalkar, Anti-AKW und Demos. Der Name Klaus Robert Traube ruft Erinnerungen an Orte, Szenen und öffentliche Zustände hervor, die zwar bis heute, da er wider die herbeigeredete "Renaissance der Atomenergie" streitet, aktuell sind. Aber vor mehr als drei Jahrzehnten, zu Beginn der zivilen Nutzung der Kernenergie und dem Bau erster Atomkraftwerke, barg das junge Wort Reaktor noch viel "Strahlkraft". Atomkraft galt unangefochten von rechts bis links als die Zukunftstechnologie par Excellence In den Jahren zuvor war sie das "große Versprechen, aber auch eine technische Schimäre gewesen". Die wenigen kritischen Stimmen fanden kaum Resonanz. Widerstand formierte sich in Deutschland und anderen nördlichen Industrieländern erst Mitte der siebziger Jahre - in der Bundesrepublik war die Bauplatzbesetzung in wohl der Auftakt.

Das Interesse an Atomenergie und Umweltschutz hat seither nachgelassen. Aber angesichts der "ganz bedrohlichen umweltpolitischen Krisenlagen globaler Art und der drohenden Klima-Katastrophe" lässt Traube die Entschuldigung nicht gelten, dass auch in Deutschland mit seinen "nur" zwanzig Atomkraftwerken die Angst um den Arbeitsplatz den Einsatz gegen das weltweite Artensterben und die Abholzung der Treibhauswälder verdrängt. "Auch wenn die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter aufgeht, was wir schon seit Anfang der siebziger Jahre wissen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Nation insgesamt immer reicher wird", sagt er. "Natürlich gibt es auch viele engagierte junge deutsche Umweltschützer, aber es ist eine statistische Größe, dass der Einsatz für Umweltpolitik bei der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen zurückgegangen ist." Er blickt traurig. "Das bedrückt mich, denn es geht um das Gemeinwohl und den ganzen Planeten."

Vielleicht ist deshalb auch der Bekanntheitsgrad Traubes eine Generationenfrage. Die Atom-und-Anti-Atom-Abhör-Skandal-Ikone ist jüngeren Menschen nur selten ein Begriff. Sein Leben, in dem er nach eigener Auffassung "eine ganze Menge zustande gebracht hat", hatte einen schweren Start. Der Vater, ein jüdischer Zahnarzt in Peine bei Hannover, "nahm sich unter den Pressionen der Nazis 1936 das Leben". Der Sohn war "als Halbjude keine erwünschte Person" und kam kurz vor Kriegsende ein Dreivierteljahr ins Arbeitslager für "jüdische Mischlinge". Traube, dadurch "früh politisch links infiziert" und seit Bundeskanzler Willy Brandts Diktum vom "mehr Demokratie wagen" 1972 SPD-Mitglied, schiebt entschieden nach: "Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich mich trotz des Dritten Reiches in Deutschland wohl fühle, weil dieses Land seither eine respektable Entwicklung durchgemacht und die Schatten der Nazizeit gut getilgt hat."

Eine Orchidee in der Branche

Maschinenbau in Braunschweig, Romanistik in Madrid, wissenschaftliche Assistenz am Institut für Thermodynamik in München bis zur Promotion - schon seine Studienjahre dokumentieren, dass er als "Orchidee" in eine Branche einstieg, in der er dennoch flott Karriere machte. Der Ingenieur ging zur AEG-Telefunken in Frankfurt, zuletzt als Direktor des Fachgebietes Kernreaktoren, arbeitete außerdem in San Diego und Zürich für General Dynamics und war von 1972 an als geschäftsführender Direktor von Interatom in Bensberg bei Köln unter anderem für den Bau des Brüterkraftwerks in Kalkar zuständig. "Das war eine Entwicklung, die parallel unter den großen Industriestaaten vorangetrieben wurde, weil Brüter aus Uran bis zu sechzig Mal mehr Energie rausholen können als Leichtwasserreaktoren." Traube nippt am Kaffee. "Das ist letztlich nach riesenhaften Anstrengungen weltweit gescheitert bis auf den letzten laufenden Brüter in Bjelojarsk." In der unsichtbaren Sprechblase über den grauen Haaren prangt: "zum Glück!"

Warum Traube 1976 bei Interatom ausschied, "erfuhr die Welt 1977, da druckte Der Spiegel einen Text über ihm zugespielte Akten des Verfassungsschutzes, nach denen ich über lange Zeit und rund um die Uhr beschattet worden war". Er erzählt den erlebten Krimi wie eine Komödie. "Sogar mein Haus in Marialinden bei Köln hatte der Verfassungsschutz aufgebrochen, um eine Wanze zu platzieren." Der Verdacht: Traube habe Terroristen Zugang zu Atomkraftwerken verschafft mit der Gefahr, dass diese die Nation mit der Drohung unter Druck setzen könnten, "die Anlagen in die Luft zu jagen".

"Fantastisch" sei gewesen, was da überwachtermaßen alles "zusammengebraut" wurde. Die Postkarte eines polyglotten, fünfsprachigen Freundes galt selbstredend als terroristischer "Code". Eine verlorene Brieftasche Traubes galt als Indiz dafür, dass er seine Papiere in Wirklichkeit in RAF-Reihen schmuggeln wollte. Und ein Geschäftsgespräch über eine Umorganisation der Interatom am Frankfurter Flughafen deklarierte der Verfassungsschutz als "subversiv": "Es war absurd." Die Aktionen, persönlich gedeckt vom damaligen Innenminister Werner Maihofer (FDP), der sich während einer Bundestagssitzung bei Traube entschuldigen und am Ende angeschlagen seinen Stuhl räumen musste, waren lange das große innenpolitische Thema. Traubes Freundschaft zu Inge Hornischer aus der Frankfurter Alt-68er-Szene hatte die Affäre ausgelöst. Die Anwältin war mit dem späteren RAF-Terroristen Hans-Joachim Klein liiert, beide besuchten den Atom-Manager an verschiedenen Orten. Am Ende des Skandals war Traube vollends rehabilitiert, "ein Freispruch erster Klasse", wenn auch mit den Narben dessen, der gelernt hat, was es heißt, grundlos öffentlich angegriffen zu werden. Aber das Ergebnis bedeutete für ihn auch, dass er aus der Atom-Industrie draußen war. Er lächelt zufrieden. "Und ich bin nie wieder zurückgekehrt."

Anschließend arbeitete Traube als Wissenschaftspublizist, ein Kritiker, kenntnisreich, technisch Experte, scharfsinnig. Die Wende. Platt gesagt: Der Atom-Saulus wurde zum Umwelt-Paulus. Gast- und Honorarprofessuren in Berlin und Kassel folgten, zuletzt war er Direktor des Instituts für Kommunale Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Universität Bremen. Heute lebt er aktiv im Alter. Privat ist der geschiedene und kinderlose Mann seit fünfzehn Jahren "in festen weiblichen Händen ohne Eheschein" der Frankfurter ehrenamtlichen Grünen-Stadträtin Katrin von Plottnitz und setzt sich ehrenamtlich für seine Sache ein. Umschalten, abschalten.

"Es geht nicht um Luxusprobleme"

Traube beugt sich vor, als er sagt: "Im Grunde war ich schon lange von meinem industriellen Job entfremdet gewesen, so gesehen kam mir die Kündigung ganz entgegen." Der massenhaft gelesene Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums von 1972 etwa, der die Industriegesellschaft auseinander nahm, hatte auch Traube zu denken gegeben. Nach dem Ende seiner Management-Karriere "musste ich nicht lange überlegen, sondern habe gleich angefangen zu recherchieren und schon bald mein erstes Buch veröffentlicht". Aus seinem großen SPD-Engagement bis Mitte der neunziger Jahre auf Bundesebene zog sich Traube schließlich "zugunsten der Umweltbewegungen" zurück. "Weil es hier nicht um Luxusprobleme geht." Nach Tschernobyl reiste er - auch nach der Katastrophe. Klimawandel, Energiewirtschaft und ihre Grenzen wie auch Alternativen - das bleiben Traubes Themen. Sie führen immer wieder zu einer Seinsfrage, die er nicht nur als seine begreift: Umschalten.

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