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Umkämpftes Donbass: Haustiere im Park und in den Straßen Leere

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Von: Dmitri Durnjew

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Das Nötigste besorgen zwischen zwei Luftalarmen: Menschen in Kramatorsk.
Das Nötigste besorgen zwischen zwei Luftalarmen: Menschen in Kramatorsk. © AFP

Die russische Offensive in der Ostukraine ist in vollem Gange. In Kramatorsk warten die Menschen voller Angst, was noch kommt - ein Besuch im Kriegsgebiet

Kramatorsk empfängt uns mit Luftalarm. Aber der schwarz uniformierte Einsatzpolizist an der Straßensperre schaut gelangweilt, auch der grauhaarige Rennradfahrer auf der Gegenfahrbahn tritt nicht hastiger in die Pedale. Alarm gibt es hier immer wieder, jedes Mal, wenn feindliche Flieger oder Raketen in den noch ukrainisch kontrollierten Luftraum der Region Donezk eindringen, ob über dem umkämpften Städtchen Liman 30 Kilometer nördlich oder über den Ruinen von Mariupol 180 Kilometer südlich. „Parole?“ fragt der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Ordnungshüter. „Leeres Gerede“, lautet die Antwort. Er nickt befriedigt.

Die Schlacht um das Donbass-Gebiet ist im vollen Gang. Seit dem 18. April attackieren russische Truppen den ukrainischen Frontbogen zwischen Charkiw und Saporischschja mit dem erklärten Ziel, dort die Hauptstreitmacht der Ukrainer einzukesseln und zu vernichten. Eine Offensive, die Expert:innen in Kiew, Moskau oder London mit der Schlacht um den Kursker Bogen 1943 vergleichen.

Donbass: Russischer Zangenangriff mit Ansage

Damals scheiterte der letzte große Angriff der deutschen Wehrmacht an der Ostfront am hartnäckigen Widerstand einer sowjetischen Übermacht. Auch jetzt verbreiten Russlands Staatsmedien schon Vorfreude auf einen großen Sieg. „Jeder zweite ukrainische Soldat mag nicht nach Hause zurückkehren“, prophezeit die Zeitung Komsomolskaja Prawda. Die Vernichtung der stärksten ukrainischen Gruppierung werde auch für Kiews Verbündete eine bittere Niederlage sein.

Andererseits veranstaltet Russland einen Zangenangriff mit Ansage, wie Deutschland vor Kursk 1943. Und die Gegenseite erinnert daran, dass die phantasielose Offensive der Wehrmacht nach nur eineinhalb Wochen Kampf blutig scheiterte. Jetzt aber könnte eine viel längere Abnutzungsschlacht daraus werden.

Kramatorsk: Nur noch wenige sind da

In Kramatorsk sind die Fenster vieler Geschäfte mit exakt zugeschnittenen Sperrholzplatten vernagelt. Auf dem leeren Platz vor dem geschlossenen Bahnhof stehen zwei Lada-Kleinwagen, der eine mit platten Reifen, der andere auf nackten Felgen. Die offene Kunststofftür eines Dixiklos klappert im Wind. Es ist ein Platz geballter Leere, seit auf dem Bahnhof am 9. April zwei Totschka-U-Raketen einschlugen. Hunderte Flüchtende warteten dort auf den nächsten Evakuierungszug, 52 wurden getötet. „Die Flammen waren zehn Meter hoch“, sagt die Rentnerin Irina, die damals im nahen Postamt ihre Stromrechnung bezahlte. Die jungen Mädchen hinter den Schaltern seien in hysterisches Lachen ausgebrochen.

Kramatorsk, vor dem Krieg noch eine 160 000-Seelen-Stadt, hat sich geleert wie die ganze Region. Von den knapp 1,7 Millionen Ukrainern und Ukrainerinnen, die bis Mitte Februar im Donbass lebten, sind laut Regionalverwaltung noch etwa 400 000 da. Irina, 75, lebt mit ihrem Mann, 79, in einem kleinen Holzhaus am Stadtrand. Ob sie nicht auch wegwollen? „Wo sollen wir denn noch hin?“ Sie fängt an, die Geschichte ihrer Herzbeschwerden zu erzählen. Und dann die der Herzbeschwerden ihres Mannes. Hinter den Hügeln im Nordosten rumpeln die Salven eines ukrainischen Raketenwerfers.

Kramatorsk: Zurückgelassene Meerschweinchen und Hamster im Park

Kramatorsk ist die größte Stadt im Frontbogen, liegt in seinem Mittelabschnitt. Sollte es Russland wirklich gelingen, die Ukrainer einzukreisen, könnte Kramatorsk deren letzte Bastion werden. Und so leer die Stadt ist, sie scheint auf etwas Böses zu warten, mögen es weitere Raketentreffer sein oder das Grauen monatelanger Häuserkämpfe wie in Mariupol.

Die neu montierten Fitnessgeräte im Wernadski-Park warten. Auch Jelena Ksenschuk wartet. Und die Haustiere der aus der Stadt Geflohenen warten, die die Biologielehrerin im Zoologiekabinett des Pionierhauses aufgenommen hat. Aquarien mit Zierfischen, Hamster, Chinchillas, eine ausgewachsene Python-Schlange. Oder Meerschweinchen. „Alka ist das Graue, Tschara das Schwarze“, steht auf einem Zettel am Käfiggitter. Jelena weiß nicht, wie lange das Futter für ihre Schützlinge reicht, wann die Besitzer:innen wiederkommen und wann ihre Schulkinder. „Ich wollte sie immer für die Tierwelt begeistern“, erzählt sie. „Jetzt bleibt mir nur die Hoffnung, dass den Tieren und mir nicht das Dach über dem Kopf weggeschossen wird.“

Immer wieder Artillerielärm, immer wieder Einschläge

An der Hauptverkehrsstraße Richtung Süden hängt ein mit großen Buchstaben bemaltes Holzbrett über einem Straßenschild: „Leck uns am Arsch, russischer Soldat!“ Die Front im Nordosten dröhnt wieder. „Ausgehendes Feuer, unsere Haubitzen“, erklärt Konstantin Batoski fachmännisch. Konstantin, Volontär und nebenher ein bekannter Kiewer Politologe, steuert unseren alten Toyota-Jeep. Der ist vollgepackt mit Hilfsgütern für die Front.

Es knallt wieder, fern, aber ungut, sekundenlang böse Stille, dann rumst ein Einschlag in den Wiesen südwestlich von uns, schwarzer Rauch steigt auf, noch ein Einschlag, noch eine Rauchfahne, feindliche Geschosse. Dann wird es still. Auch auf der Hauptstraße ballt sich plötzlich Leere.

Bei Isjum versuchen Russen mit aller Macht den Durchbruch

Vor einer geschlossenen Tankstelle am Standrand wartet ein einsamer Mann in hellgrüner Montur, er trägt ein Sturmgewehr. Seinen Namen verrät er nicht. „Nennt mich ,Italiener 2014‘“, er grinst kurz, „das ist mein Codename.“ Der „Italiener“, Frontkommandeur und Veteran des Abwehrkampfes um den Donezker Flughafen 2014, kommt aus dem „Tal“. So nennen die Soldaten die waldreiche Senke zwischen Isjum und Slawjansk nordöstlich von Kramatorsk, wo die Russen mit aller Macht versuchen, in die offene, nur schwer zu verteidigende Steppenlandschaft des Donbass durchzubrechen und die Truppen der Ukraine im Kramatorsker Bogen in die Zange zu nehmen.

Die ukrainischen Telegram-Kanäle liefern heute siegreiche Videos: Der vor Aufregung brüllende Richtschütze eines tragbaren Stugna-Panzerabwehrsystems schießt am Waldrand vier russische Schützenpanzer in Brand. Aber tatsächlich haben die ukrainischen Kräfte mit ihrer Partisanentaktik einen schwereren Stand als zu Beginn des Krieges. Die Russen können ihre Front zwar nicht aufreißen, gewinnen aber Gelände.

Der Gott des Krieges, also die Artillerie, beherrsche diese Schlacht, sagt der Italiener. „Die Russen greifen nicht mit Panzern an, weil wir die in den Feldern abschießen, sie stürmen auch nicht mit Infanterie. Sie überschütten uns mit Geschossen.“ Sein Gesicht ist finsterer geworden. „Aber wir halten stand. Und wir werden kämpfen bis zum Letzten.“

Russlands Armee hat mehr Waffen und Soldaten

Nach verschiedenen Angaben wehren sich 50 000 bis 120 000 Ukrainer gegen 120 000 bis 200 000 Russen. Letztere haben mehr schwere Geschütze, Raketenwerfer und Feuerkraft. Und die wird von gut funktionierenden Orlan-Aufklärungsdrohnen gelenkt, wie uns zwei ukrainische Luftüberwachungssoldaten erzählen, mit denen wir an einer anderen Tankstelle Kaffee trinken. „Zu behaupten, die Russen seien Deppen, ist ein Schuss ins eigene Knie.“

Konstantin hat in seinem Toyota außer Funkgeräten und einem Quadrokopter auch 40 Schutzwesten aus Kiew mitgebracht. Die Westen sind für die Territorialverteidigung der südlichen Frontstadt Torezk. Die Kämpfer holen sie in einem weißen Kleintransporter ab, der eine deutschsprachige Aufschrift trägt: “... alles für Bäcker und Konditoren“. Ihr Kommandeur Ruslan erzählt, sie hätten sich anfangs Panzerwesten aus Autoblechteilen zusammengelötet.

Spenden für Nachtsichtgeräte und Zielfernrohre

Konstantin sagt, jeder reguläre Soldat habe inzwischen eine Schutzweste. Jetzt gebe es viele Bitten um Nachtsichtgeräte, Aufklärungsdrohnen oder Zielfernrohre, auch um Sommerschuhe und ganz banal um Kraftwagen. Die Sergij-Pritula-Stiftung, für die Konstantin aktiv ist, und andere Hilfsorganisationen versuchen, diese militärischen Mangelwaren mit Spenden zu beschaffen und nach vorne zu bringen. Auch in dieser Schlacht lebt die ukrainische Armee von der Hand in den Mund.

Auf der Rückfahrt holpert ein Militärjeep vorbei, Richtung Kramatorsk, Richtung Front, danach ein VW-Bus, grün-bunt wie ein von Kindern bemaltes Osterei. Zwei schwere Laster mit schmutzig grauen Frachtcontainern folgen und sechs, sieben Pkws, die aussehen, als stammten sie von einem rumänischen Gebrauchtwagenmarkt. Eine ärmliche Kolonne, drinnen sitzen junge Soldaten mit Kalaschnikows.

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