Obamas Befreiungsschlag

Umjubelte Rede über Rassismus in den USA

Washington. Barack Obamas Umfragewerte im US-Präsidentschaftswahlkampf sind eingebrochen. Im Rennen um die Kandidatur der Demokraten büßte der Senator aus

Von MARKUS GÜNTHER

Washington. Barack Obamas Umfragewerte im US-Präsidentschaftswahlkampf sind eingebrochen. Im Rennen um die Kandidatur der Demokraten büßte der Senator aus Illinois seinen Vorsprung von 14 Prozentpunkten auf seine innerparteiliche Rivalin Hillary Clinton bis auf drei Punkte ein. Im direkten Vergleich mit dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, geriet er zudem nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage von Reuters und Zogby erstmals in Rückstand, nachdem er im Februar noch klar in Führung lag: 46 Prozent der Befragten gaben nun an, McCain zu bevorzugen, nur noch 40 Prozent nannten Obama. Allerdings sorgte letzterer zugleich mit einer als "historisch" umjubelten Rede über Rasse und Rassismus in Amerika landesweit für Aufsehen.

Erwartet worden war das Übliche: Dementieren und distanzieren. Vorausgegangen waren die aggressiven Predigten seines Pastors Jeremiah Wright, die ihn in die Defensive getrieben hatten. Doch zum Erstaunen des politischen Publikums verweigerte sich Obama in Philadelphia dem Ritual amerikanischer Wahlkämpfer, den in die Kritik geratenen Freund fallen zu lassen. Statt dessen hielt Obama eine unerhört offene Ansprache, die von den Zuhörern mit Beifall und Tränen bedacht und von Leitartiklern gefeiert wurde.

Seit einer Woche kennt ganz Amerika den inzwischen pensionierten Pastor der Trinity Church in Chicago, in der prominente Schwarze wie Obama und Oprah Winfrey zuhause sind. Archivaufnahmen zeigen Wright, der die Obamas getraut hat und als enger Freund des Präsidentschaftsaspiranten gilt, wie er auf der Kanzel tobt und den Himmel anfleht, dieses Amerika seines Rassismus wegen zu verdammen: "God damn America!" schreit Wright, und die schwarze Gemeinde jubelt. Politiker, die solche Freunde haben, brauchen keine Feinde mehr.

Dennoch widerstand Obama der Versuchung, Wright einfach in die Ecke zu stellen. Er sagte etwas ganz Ungewöhnliches: "Ich kann mich von Pastor Wright genauso wenig lossagen wie von der Black Community. Ich kann mich von ihm so wenig lossagen wie von meiner eigenen weißen Großmutter, (...) die mir einmal gestanden hat, dass sie jedesmal Angst hat, wenn ein schwarzer Mann auf der Straße an ihr vorbeigeht, eine Frau, die mehr als einmal rassistische Vorurteile geäußert hat."

Natürlich stellte Obama klar, dass er weder mit Pastor Wright noch mit seiner Großmutter übereinstimmt. Wichtiger war, dass er niemanden verteufelte, sondern Verständnis für die vielen unterschiedlichen Erfahrungen zwischen Schwarzen und Weißen äußerte. Erfahrungen, die jeder Amerikaner kennt, die aber politisch totgeschwiegen werden.

Obama dagegen ging sogar so weit, Verständnis für Weiße zu äußern, die sich benachteiligt fühlen: "Die meisten weißen Arbeiter- und Mittelschicht-Familien haben nicht das Gefühl, dass sie durch ihre Hautfarbe privilegiert sind." Im Gegenteil, sie hätten manchmal das Gefühl, dass Schwarze aufgrund der Sünden der Vergangenheit nun bevorzugt würden, wenn etwa ein Schwarzer durch eine Quotenregelung den Studienplatz bekommt, der dann für einen weißen Studenten nicht mehr zur Verfügung steht. Es habe keinen Sinn, so Obama, diese Gefühle "wegzuwünschen". Man müsse sie verstehen und die "berechtigten Sorgen" auch der Weißen erkennen. Die Schwarzen rief er auf, "nicht in Verzweiflung und Zynismus" zu verfallen, sondern, die "Erstarrung" im Verhältnis der Rassen zu überwinden.

Die Reaktionen auf Obamas Rede waren schon im Publikum extrem: Viele Schwarze fingen an zu weinen, als Obama von seiner Familie und seinen eigenen Erfahrungen als Schwarzer erzählte. "Es ist schwer vorstellbar, wie er es besser hätte machen können", schrieb die New York Times in einem euphorischen Leitartikel. Er habe die Debatte der letzten Tage "auf ein höheres Niveau" gehoben. Obwohl die Zeitung offiziell Hillary Clinton unterstützt hat, beschrieben die Kommentatoren die Rede als bedeutenden Moment in der US-Geschichte. Obama nannten sie in einem Atemzug mit den großen Präsidenten Lincoln, Franklin Roosevelt und Kennedy. Martin Medhurst, ein Rhetorik-Professor, der vor allem die Reden berühmter Präsidenten erforscht hat, war überzeugt: "Wenn Obama Präsident wird, wird man auf diese Rede zurückblicken und sagen, dass sie ein wichtiger Baustein seiner Präsidentschaft war."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion