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Uni Istanbul: Ihre Akademiker machen es wie die Tauben vorm Haupttor. Sie fliegen davon.

Türkei

Der umgekehrte Exodus

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Türkische Akademiker suchen ihr Heil in der Fremde - Erdogan gibt sich erfreut darüber.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan will sein Land attraktiver für Wissenschaftler machen. Das dürfte nicht leicht werden. Denn immer mehr junge türkische Akademiker gehen auf der Suche nach mehr Freiheit und besseren Berufschancen ins Ausland.

„Wir werden die Türkei bald zu einem bedeutenden Anziehungspunkt für Wissenschaftler machen“, verkündete Erdogan vergangene Woche in Ankara. Die Realität sieht anders aus. Die Türkei leidet unter einem Exodus von Akademikern. Die erste große Auswanderungswelle kam 2013 nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste. 6021 Hochschullehrer hat Erdogan seit dem mutmaßlichen Putschversuch vom Juli 2016 per Dekret entlassen. 15 private Universitäten wurden geschlossen. Solche „Säuberungen“ zeigen Wirkung: 2017 verließen rund 250 000 junge Türken ihre Heimat – überwiegend waren das gut ausgebildete Fachkräfte, Computerspezialisten und Andere mit akademischen Graden. 2018 dürfte ihre Zahl nur weiter angestiegen sein.

Jeder Vierte will weg

Erdogan weint den Auswanderern – öffentlich – keine Träne nach: Man solle ihnen die Tickets bezahlen und sie ins Flugzeug setzen, denn „solche Bürger sind nichts als eine Last für unser Land“, schickte der Präsident ihnen hinterher.

Nach einer Mitte Mai veröffentlichten Studie der Oppositionspartei CHP trägt sich jeder vierte junge Türke mit dem Gedanken auszuwandern. Der Grund, so die Studie, ist nicht nur die hohe Jugendarbeitslosigkeit von fast 27 Prozent. Viele junge Menschen fliehen auch vor dem zunehmend repressiven Regime Erdogans und seines Gefolges.

Diese Talentflucht ist umso bestürzender, wenn man bedenkt, dass die Türkei während der Zeit der NS-Diktatur Zufluchtsort für viele verfolgte deutsche Akademiker war. Mehr als 80 namhafte Wissenschaftler fanden damals in der Türkei nicht nur Schutz vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, viele von ihnen halfen beim Aufbau türkischer Hochschulen und prägten so das Bildungswesen oder brachten ihre Kenntnisse in die öffentliche Verwaltung des erst 1923 durch Kemal Atatürk gegründeten Staates ein. Unter ihnen waren der Volkswirtschaftsprofessor Gerhard Kessler, der 1946 an der Gründung der ersten türkischen Gewerkschaft mitwirkte, der Ökonom Fritz Neumark, der die türkische Regierung in Wirtschaftsfragen beriet, und der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, der als Berater im türkischen Verkehrsministerium arbeitete.

Jetzt wird Deutschland zum Fluchtpunkt für viele Türken, die in ihrer Heimat keine Zukunft sehen. Wie Arife Vildan. Die zwölfjährige Schülerin sorgte jüngst für Aufsehen, als sie im Fernsehen auf die Frage der Moderatorin, was sie denn später mal machen wolle, sagte: „Ich möchte an der Universität Köln Medizin studieren und dann vielleicht Deutsche werden.“ Das Mädchen löste damit Hasstiraden türkischer Nationalisten aus. Man solle Arifes Eltern als „Verräter“ bestrafen, twitterte jemand. Das dürfte schwierig werden. Arife Vildan wuchs in einem Waisenhaus auf.

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