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Um Mitternacht stoppt die Uhr

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Von: Joachim Wille

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Schon 2001 war das „Kyoto-Protokoll“, noch vor Ratifizierung, in Gefahr: Ein mit einer George Bush-Maske verkleideter Demonstrant zerriss symbolisch das Protokoll. Aktivisten der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ protestierten mit dieser Aktion vor dem amerikanischen Generalkonsulat gegen die die Klimapolitik der Vereinigten Staaten.
Schon 2001 war das „Kyoto-Protokoll“, noch vor Ratifizierung, in Gefahr: Ein mit einer George Bush-Maske verkleideter Demonstrant zerriss symbolisch das Protokoll. Aktivisten der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ protestierten mit dieser Aktion vor dem amerikanischen Generalkonsulat gegen die die Klimapolitik der Vereinigten Staaten. © dpa/(Archivbild)

Vor einem Vierteljahrhundert wurde das Kyoto-Protokoll verabschiedet. Es hätte das Klima retten können. Hätte ... / Eine Analyse.

Die Uhr tickte unerbittlich. Dabei war schon Mittwoch, der letzte Tag der Konferenz, und es ging stark auf Mitternacht zu. Eigentlich hätte der Gipfel in der alten japanischen Kaiserstadt schon zu Ende sein sollen. Aber Fehlanzeige. Die Delegierten aus fast 200 Staaten hatten sich in den Details des Vertrags gewaltig verhakt. Eine Einigung war nach zehn Tagen mit Verhandlungen immer noch nicht in Sicht. Da griff Konferenzpräsident Raul Estrada zu einem Trick, der dann auf fast allen kommenden Klimagipfeln Schule machen sollte. Um 24 Uhr ließ er die Konferenz-Uhren anhalten – und die Streithähne weiter miteinander fighten, bis sie übermüdet und entnervt einen Kompromiss finden würden. So sein Kalkül.

Fast genau 25 Jahre ist das her. Estrada riskierte damals, dass der Klimagipfel in Kyoto platzen würde, der erstmals die Industriestaaten zu konkreten CO2-Einsparregelungen verpflichten sollte. Es war surreal: Am Donnerstagmorgen rückten schon die Putzkolonnen an, um das Konferenzzentrum für die nächste Veranstaltung herzurichten, kurvten mit ihren Staubsaugern durch die Gänge und um die rund 10 000 Klimadelegierten herum. Doch die machten einfach weiter. Und die Sache ging am Ende gut aus. Nach einer dramatischen Verhandlungsnacht schwang der UN-Unterhändler im Plenum um 10.13 Uhr am 11. Dezember 1997 zum letzten Mal den Konferenzhammer. Das „Kyoto-Protokoll“ zur Konvention war beschlossen. Die Erleichterung war groß.

Der globale Klimaschutz schien auf gutem Weg. Fünf Jahre vorher, 1992, hatte die Weltgemeinschaft auf dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro die Weltklima-Konvention verabschiedet. Deren Ziel: Die Treibhausgas-Konzentration auf einem Niveau zu stabilisieren, das eine „gefährliche Beeinflussung des Klimasystems durch den Menschen vermeidet“. Nun lag nach der „COP 3“ in Kyoto der erste konkrete Vertrag dazu vor. Die Industriestaaten, von Australien über die EU und Russland bis USA, verpflichteten sich, ihren CO2-Ausstoß bis 2012 um im Schnitt 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Dabei lagen die Anforderungen für einige Länder höher, die EU musste acht Prozent runter, die USA sieben, Japan sechs.

Die Rechnung der Klimadiplomat:innen ging damals so: Die Industrieländer würden ihre CO2-Frachten senken, und die Entwicklungsländer ihre nur moderat ansteigen lassen, auch dank finanzieller und technologischer Hilfen aus den reichen Staaten. Die Kurve des globalen Treibhausgas-Ausstoßes würde bald ihren Höhepunkt erreichen und dann nach unten tendieren. Die „gefährliche Störung“ könnte vermieden werden.

Heute weiß man: Das war blauäugig. Formal wurde das Kyoto-Protokoll zwar sogar übererfüllt, doch die globalen Emissionen stiegen weiter stark an. Sie liegen heute um zwei Drittel höher als 1990. Das hat zwei Gründe. Erstens reichte der Minderungspfad der Industrieländer für die Klimastabilisierung nicht aus, da die Schwergewichte USA und Kanada später aus Kyoto wieder austraten. US-Präsident George Bush jr. begründete das damals damit, dass das Protokoll mit dem „American Way of Life“ nicht kompatibel sei. Zweitens explodierte der CO2-Ausstoß der Schwellen- und Entwicklungsländer förmlich. Heute sind nicht mehr die USA der größte globale Einheizer, China hat diese Position längst übernommen, die Nummer drei ist Indien.

Immerhin: Die Industriestaaten, die sich dauerhaft zu den Kyoto-Zielen verpflichten, konnten gute Erfolge verbuchen. Ihre Emissionen gingen bis 2012 sogar um mehr als 20 Prozent zurück. Deutschland zum Beispiel schaffte 23,6 Prozent. Das lag an Projekten, die gezielt zur Senkung der Emissionen angegangen wurden, etwa der Ausbau von Wind- und Solarenergie, den größten Unterschied aber machte der Zusammenbruch der Volkswirtschaften in Osteuropa und Russland nach dem Zerfall des Ostblocks. Er verwandelte diese Länder – allerdings eher unfreiwillig – zu Klimaschützern. Hinzu kam die Weltfinanzkrise nach der Lehman-Pleite 2007, die die Wirtschaften hatte abstürzen lassen.

Den UN-Klimaverhandler:innen wurde in den 2000er Jahren schnell klar, dass ein Protokoll, das nur die Industriestaaten zum CO2-Sparen verpflichtet, das Weltklima nicht retten würde. Sie bereiteten ein neues Abkommen vor, das alle Staaten, also auch die Entwicklungs- und Schwellenländer, auf eine Begrenzung der Emissionen festlegen würde. Die geplante Verabschiedung 2009 auf der COP 15 in Kopenhagen geriet freilich zum größten Flop in der Geschichte der Klimagipfel. Die Staats- und Regierungschefs, von Obama über Sarkozy und Singh bis Merkel, verließen den Ort ohne Ergebnis. Und es dauerte sechs weitere Jahre, bis in Paris dann ein Weltklimavertrag verabschiedet werden konnte, mit Startjahr 2020. Das wiederum führte zu einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls. Denn um eine Regelungslücke zu verhindern, wurde eine zweite Verpflichtungsperiode bis 2020 mit ambitionierten CO2-Zielen beschlossen, freilich nur für die Industrieländer, die bei dem Vertrag überhaupt noch mitmachten.

Um den halben Flop von Kyoto und den kompletten in Kopenhagen nicht zu wiederholen, verfiel man für den Paris-Vertrag auf das „Prinzip Klingelbeutel“, wie der renommierte Forscher Hans Joachim Schellnhuber das nannte. Das heißt: Die Staaten werden nicht auf konkrete Emissionsminderungsziele verpflichtet, sondern steuern nur freiwillig ihre von den Parlamenten zuhause beschlossenen nationalen Pläne bei.

Heute weiß man, dass diese Ziele nicht ausreichen, um das 1,5-Grad-Limit zu halten. Die Welt steuert auf einem Drei-Grad-Pfad, was, wenn es nicht korrigiert wird, katastrophale Folgen haben wird. Hätte das Kyoto-Protokoll richtig funktioniert, die Weltgeschichte wäre sicher anders verlaufen. Die Politiker:innen allerdings, die das hätten durchsetzen können, knickten vor den mächtigen fossilen Wirtschaftslobbys ein.

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