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„Z“ in Auto gekratzt: Ukrainische Geflüchtete im Interview – „Es war mir wichtig, das öffentlich zu machen“

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Von: Jana Stäbener

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Ksenia aus der Ukraine und das Auto, mit dem sie im März 2022 vor dem Ukraine-Krieg floh. Es wurde von Unbekannten am 6. Juni zerkratzt.
Ksenia (rechts) postet am 6. Juni ein Bild von ihrem zerkratzten Auto auf Instagram und macht damit auf Hass gegen Ukrainer:innen in Deutschland aufmerksam. © Privat @kseniya_levadna

Das Auto einer ukrainischen Geflüchteten wurde mit dem Buchstaben „Z“ verkratzt. Sie erzählt im Interview, warum sie den Vorfall öffentlich machte.

Nach Angaben des Mediendienstes Integration sind seit Beginn des Ukraine-Kriegs mehr als 800.000 Personen aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Ungefähr 67 Prozent von ihnen sind Frauen, so wie die 28-jährige Ksenia, die seit Anfang März in der kleinen Stadt Mengen nahe Ravensburg am Bodensee lebt. Gemeinsam mit einer Freundin und ihrer Mutter fuhr sie in einem blauen Kleinwagen erst von Charkiw in die Slowakei zu Bekannten und dann nach Deutschland in die schwäbische Kleinstadt. Alles, um dem Angriffskrieg zu entkommen, der seit dem 24. Februar das Leben vieler in der Ukraine auf den Kopf stellt.

Etwa drei Monate lebt die 28-jährige Ksenia aus Charkiw nun schon in Deutschland und fühlte sich hier immer sicher. Zumindest bis vergangene Woche. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni ritzten Unbekannte den Buchstaben „Z“ in den blauen Kleinwagen von Ksenias Freundin, mit dem die beiden gemeinsam mit ihrer Mutter im März 2022 aus der Ukraine geflüchtet waren.

Ukraine-Krieg: Geflüchtete berichtet von zerkratztem Auto

Ksenia teilte noch am selben Tag ein Bild vom zerkratzten Wagen auf Instagram und schrieb dazu: „Gestern wurde unsere Heimatstadt Charkiw zerbombt, heute sieht unser Auto so aus. Was können wir tun, damit dieser Sch*** aufhört?“ Der Post ging viral, mehr als 5000 Personen likten das Bild. BuzzFeed News von IPPEN.MEDIA hat die junge Ukrainerin gefragt, warum sie den Vorfall überhaupt öffentlich gemacht hat, und wie ihre Fluchterfahrungen in Deutschland bisher waren.

Ukrainische Flüchtlinge in Deutschland: „Wir haben uns eigentlich immer komplett sicher gefühlt“

In einem Interview mit Bild-TV am Montag, 13. Juni 2022, sagte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk: „Viele ukrainische Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland nicht willkommen“. Er kritisierte auch die Ukraine-Politik der Regierung, bekam für seine harten Worte jedoch auch viel Kritik. Viele Ukrainer:innen würden sich willkommen fühlen, widersprachen Nutzer:innen auf Twitter.

Dem würde Ksenia sicher zustimmen. „Seit wir im März nach Deutschland gekommen sind, hatte ich in Mengen eigentlich immer das Gefühl, dass uns ganz viel Unterstützung entgegenschlägt. Die Menschen haben uns so sehr geholfen, anzukommen und zum Beispiel eine Wohnung zu finden“, erzählt die 28-Jährige BuzzFeed News Deutschland. Dass auf einmal jemand ihr Auto zerkratzen würde – damit hätte sie nie gerechnet. „Wir waren schon ein bisschen geschockt, ehrlich gesagt“, sagt sie.

Auto von ukrainischen Flüchtlingen zerkratzt – Polizei ermittelt gegen Unbekannt

Sofort nach dem Vorfall hatten sie die Polizei gerufen: „Viele Menschen erleben solche Dinge nach ihrer Flucht und haben zu viel Angst, darüber zu sprechen. Ich glaube, das ist falsch, weil man dann die gewinnen lässt, die solche Dinge tun. Deswegen war es mir wichtig, öffentlich zu machen, was uns mit dem Auto passiert ist“, sagt sie im Interview mit unserer Redaktion. Die Polizei ermittelt nun gegen Unbekannt und sucht den oder die, die das Auto beschädigt haben.

Auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland am 8. Juni bestätigte das Polizeipräsidium Ravensburg den Vorfall. In einer Pressemitteilung vom 7. Juni heißt es: „Unbekannte haben in der Nacht von Sonntag auf Montag ein Fahrzeug in der Zeppelinstraße beschmiert. Mittels weißer Farbe malten die Täter Buchstaben und Linien auf den Lack des Wagens. Es entstand Sachschaden in Höhe mehrerer hundert Euro. Zeugen der Tat werden gebeten, sich unter Tel. 07581/482-0 mit dem Polizeirevier Bad Saulgau in Verbindung zu setzen.“

Dass in der Pressemitteilung nicht von Kratzern die Rede sei (wie Ksenia es mehrmals betont), sondern von „Beschmierungen“, erklärt ein Pressesprecher des Polizeipräsidiums gegenüber BuzzFeed News so: Es müsse beides gewesen sein, weil sowohl weiße Farbe als auch Kratzer aufgefunden wurden. Ein spitzer Edding oder ähnliches käme als Tatwerkzeug also infrage. Er teilt auch mit, dass die Kriminalpolizei die Ermittlungen übernommen habe, da es sich „offensichtlich um einen Fall von politisch motivierter Kriminalität handelt“. Gerade politisch motivierte Gewalt geht oft mit Extremismus einher. Ein Bericht des Verfassungsschutzes zeigte erst kürzlich, dass immer mehr Menschen in Deutschland extremistisch sind.

Ukrainer:innen in Deutschland: „Hass und Rassismus haben keinen Platz in der Gesellschaft“

Wer es war, darüber kann man nur spekulieren. „Was ich seltsam finde: Das Z auf unserem Auto hat einen Strich in der Mitte“, sagt Ksenia. Das typische russische Symbol, das auch auf Panzern zu sehen ist, habe keinen Strich. Sie vermutet deswegen, dass die Täter:innen zumindest in einer deutschen Schule gewesen sein müssen. „Aber natürlich ist es auf unserem Auto ein Symbol russischer, bewaffneter Aggression.“ Putin-Treue zeigen sich im Netz mit der mysteriösen Markierung „Z“ – hier erklären wir, was es bedeutet.

Ksenia betont noch einmal, wie wichtig es ihr sei, dass diese Tat öffentlich gemacht wird. „Die Person, die das gemacht hat, soll verstehen, dass Hass und Rassismus keinen Platz in der Gesellschaft haben“, sagt sie gegenüber BuzzFeed News. Sie erzählt, dass sie viele Nachrichten von Deutschen bekomme, die gar nicht glauben können, dass so etwas passiert. Sie habe viel Hilfsbereitschaft erlebt. „Ich bekam aber auch viele Nachrichten von Ukrainer:innen aus verschiedenen Ländern, denen ähnliches passiert ist.“ Viele von ihnen würden sich nicht trauen, die Polizei zu rufen, erzählt Ksenia – und genau für die möchte sie als ein gutes Beispiel vorangehen.

Flucht aus der Ukraine: „Dass wir jetzt noch einmal unsere Heimat verlassen mussten, ist schon hart“

Geboren wurde Ksenia in der Stadt Swerdlowsk in der ukrainischen Region Luhansk, in der schon seit 2014 Krieg herrscht. 2011 kam sie nach Charkiw und begann dort ihr Studium. Ihre Mutter zog dann 2014 nach. „Dass wir jetzt noch einmal unsere Heimat verlassen mussten, ist schon hart. Aber Charkiw ist sehr gefährlich – man kann dort momentan nicht mehr leben.“ In der Ukraine arbeitete sie in einer Kommunikations-Agentur – die hatte mit Kriegsbeginn jedoch nicht mehr viele Aufträge. Hier in Deutschland ist sie nun in zwei Schulen als Klavierlehrerin tätig und hilft ukrainischen Kindern dabei, gut in Deutschland anzukommen.

In einem Instagram-Post am Samstag, 11. Juni, lässt Ksenia den Vorfall noch einmal Revue passieren und macht Mut, offen mit Hasskriminalität umzugehen: „Unser Fall bezüglich der Z-Aufschriften auf dem Auto wurde an die Kriminalpolizei übergeben. Wir haben wiederholt betont, dass dies nicht nur Rowdytum ist, sondern Hasskriminalität und Rassismus.“ Sie habe viele Nachrichten von Menschen bekommen, denen Ähnliches passiert sei: „Viele dieser Menschen wandten sich nicht an die Polizei, weil sie sich unsicher fühlten oder einfach Angst hatten, nicht unterstützt zu werden [...] werdet laut!“

(Jana Stäbener)

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