Ukraine

Ukraine: Veteranen gegen Wolodymyr Selenskyj

  • schließen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj streitet mit Kämpfern aus dem Donbass.

Die Veteranen bleiben in Solote, das ist ihr Recht“, verkündete Andrij Bilezkyj, Chef der rechtsradikalen ukrainisches Partei „Nationalkorpus“ auf Youtube. „Sie haben sich dieses Recht mit ihrem Blut verdient.“ Wenn Selenskyj sie unter Zwang entwaffne, tauchten dort statt ein paar Dutzend Zehntausende Leute auf.

Die Proteste gegen den Verhandlungskurs im Donbass-Konflikt von Präsident Wolodymyr Selenskyj haben die Front im Donbass erreicht. Seit Anfang Oktober kampieren über ein Dutzend Kriegsveteranen in dem Frontstädtchen Solote im ostukrainischen Kampfgebiet. Die ukrainischen Truppen haben Anfang der Woche begonnen, einen Ortsteil im Rahmen der von der Donbass-Gruppe in Minsk ausgehandelten Truppenentflechtung zu räumen, die Veteranen protestieren dagegen. Ebenso wie gegen die Lokalwahlen im Rebellengebiet, die Präsident Selenskyj gemäß dem Minsker Friedensplan anstrebt.

Solote gehört zu den vorerst zwei Frontabschnitten, in denen beide Seiten ihre Soldaten um zwei Kilometer zurückziehen wollen. Später soll die Entflechtung auf die gesamte Frontlinie ausgeweitet werden.

Artilleriebeschuss verhinderte bisher jeden Abzug. Und die Protestfrontkämpfer fielen in Solote nicht weiter auf. Dass Freiwilligentrupps im Niemandsland unterwegs sind, gehört zum ukrainischen Kriegsalltag. Aber am Wochenende tauchte Präsident Selenskyj selbst zum Frontbesuch auf. Er traf auch die Veteranen, es kam zu einem heftigen Wortwechsel. „Hör mir zu, ich bin der Präsident dieses Landes“, belehrte Selenskyj einen Mann. „Ich bin 42 Jahre alt. Ich bin nicht irgendein Depp.“

Die meisten Kiewer Medien zeigten nur den schimpfenden Selenskyj. Dass er vorher mit den Veteranen über eine halbe Stunde spricht, ihnen selbst das Du angeboten und Fehler eingestanden hatte, blieb außen vor. Ebenso zwei Frauen aus Solote, die von den Kämpfern mehr Friedensbereitschaft forderten: „Wir sitzen sonst noch zehn Jahre unter Beschuss.“ Auch die Szene, die Selenskyjs Wutausbruch provoziert hatte, tauchte erst viel später auf: Selenskyj forderte die Freiwilligen auf, ihre Waffen wegzuschaffen, einer konterte: „Von wo? Zeigen Sie mir, wo unsere Waffen sind!“

Kirill Tymoschenko, der stellvertretenden Leiter des Präsidialbüros verkündete später, die Polizei habe die Veteranen entwaffnet. Die Polizei selbst teilte mit, sie habe die Männer kontrolliert, aber kein Kriegsgerät gefunden.

Selenskyjs eigentlich mutiger Gesprächsversuch mit seinen Opponenten in Tarnuniform aber geriet zum PR-Fiasko. Seine Kritiker kreiden ihm vor allem an, dass er einem Veteran, der freiwillig drei Jahre gekämpft hatte, sagte, falls er das Vaterland verteidigen wolle, solle er in der Armee dienen. „Ich schäme mich für den Präsidenten“, schreibt der Filmregisseur Oleh Senzow auf Facebook.

Nach den heftigen Kämpfen 2014/15 um das Donbass, bei denen die Ukrainer es auch mit massiv eingesetzten russischen Panzertruppen zu tun hatten, herrscht in der politischen Öffentlichkeit großer Respekt vor den eigenen Frontkämpfern und enormes Misstrauen gegen Russland. „Nach Selenskyjs Auftritt schmilzt seine Popularität in der Armee, während Bilezkyj politisches Kapital daraus schlägt“, sagt der freiwillige Kämpfer Sergei Zoof der FR. Selenskyj habe sich in seiner Jugend vor dem Wehrdienst gedrückt, besitze aber die Frechheit, Kriegsveteranen anzupöbeln.

Ukraines Außenminister Vadim Pristajko verkündete nun, man habe den Abzug im Abschnitt Solote gestartet. OSZE-Beobachter bestätigten den Rückzug auch der Gegenseite. Trotz der Proteste der Veteranen scheint die Truppenentflechtung voranzukommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion