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Ukraine und Russland: Vom Kämpfen und Schweigen und Frieren

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Von: Peter Rutkowski

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Eine ältere Frau trauert neben dem Grab eines ukrainischen Soldaten. Es ist der Tag der ukrainischen Armee auf dem Lytschakiw-Friedhof in der westukrainischen Stadt Lwiw.
Eine ältere Frau trauert neben dem Grab eines ukrainischen Soldaten. Der 6. Dezember ist der Tag der ukrainischen Armee auf dem Lytschakiw-Friedhof in der westukrainischen Stadt Lwiw. © Yuriy Dyachyshyn/afp

So wie der Bodenkrieg in der Ukraine winterbedingt zum Erliegen kommt, so gefährlich wird es nun in Russland - dort werden weit entfernt von der Grenze Explosionen auf russischen Militärbasen gemeldet

Dürfen die das? Ganz offensichtlich attackieren Drohnen Flugplätze in Russland, am Montag in Rjasan und Saratow mit – nach russischen Angaben – zwei beschädigten Langstreckenbombern, drei Toten und vier Verwundeten. Am Dienstag geht es gleich weiter auf einer Militärfliegerbasis bei Kursk, wo ein Treibstofflager explodiert; Opfer soll es keine gegeben haben. Die russischen Stellen sind schnell dabei, die Angriffe als „Terrorismus“ zu brandmarken und die Ukraine als Täter. Kiew schweigt dazu.

Wie üblich während dieser nun 286 Tage andauernden russischen Invasion hält die ukrainische Seite das propagandistische Heft des Handelns in der Hand. Was aus Moskau und von seinen westlichen Satelliten links wie rechts dagegengehalten wird, halten nur die für glaubwürdig, die ohnehin schon überzeugt sind. Diesmal ist Russland fix dabei, sich als Opfer auf seinem eigenen Staatsgebiet zu stilisieren – und die Ukraine sagt nix. Braucht sie auch nicht. Die Ergebnisse zählen für sie: weniger Bomber, weniger Piloten und Bodenwarte, weniger Kerosin zum Fliegen.

Ohnehin ist es für Kriegführende eine Unart, sich kriegerischer Handlungen selbst zu rühmen. Notwendig sind diese vielleicht – oder gar unausweichlich. Gefeiert gehören sie niemals.

Aber ist es rechtens, russische Basen anzugreifen? Teils schon weiter hinter dem, was man gemeinhin als „Hinterland“ einer Front benennt. Das ist keine so ganz leicht zu beantwortende Frage. Die Kriegsregeln, die einst in Den Haag und in Genf international vereinbart wurden, kannten noch keinen Krieg aus der Luft. Ballons und Zeppeline waren zum Beobachten da; Flugzeuge aus Holz und Leinwand galten als spleeniges Freizeitabenteuer.

UK stuft Angriffe als bedeutsam ein

Die britischen Geheimdienste werten die jüngsten Angriffe auf russische Militärflughäfen als signifikanten Rückschlag für den Kreml. Sollte Russland die Explosionen, deren Ursache noch unklar sei, als gezielte Attacken einstufen, sei dies wohl ein schweres Versagen beim Schutz der eigenen Truppen, schrieb das britische Verteidigungsministerium am Dienstag in London.

Russland hat die Ukraine für die Angriffe auf die Militärflughäfen „Djagiljewo“ im Gebiet Rjasan und „Engels“ im Gebiet Saratow mit drei Toten am Montag verantwortlich gemacht. Die Briten stufen den Vorfall auch aufgrund der geografischen Lage als bedeutsam ein: „Engels“ sei mehr als 600 Kilometer von ukrainisch kontrollierten Gebieten entfernt. (dpa)

Lang ist das her. Luftschlachten und Bombenkriege hat die Welt seither gesehen. Nach dem Ersten Weltkrieg diskutierte der Völkerbund noch, ob man Kriegsfliegerei nicht als unmenschlich ächten sollte, so wie Flammenwerfer und Kampfgas. Wurde nichts draus.

Das alte Regelpaket reicht nun überhaupt nicht mehr – seit dem Aufkommen der „Luftwaffe des armen Mannes“, der taktischen Nutzung von Drohnen im Gefecht (den Einsatz von beispielsweise US-Drohnen rund um den Erdball muss man demnach als strategisch bewerten). Wo beginnt das Gefechtsfeld, wo endet es? Gibt es im hybriden Krieg (den Russland quasi zu seiner Kriegskunst im 21. Jahrhundert erheben wollte und der sich nun gegen das Land selbst wendet) eigentlich ein „Hinterland“, zivile Räume, gesichert gewaltfrei? ...

Ehrlicherweise muss man konstatieren, dass sich Antworten auf diese durchaus überlebenswichtigen Fragen erübrigen. Denn auf den nun langsam einfrierenden Schlammfeldern der Ukraine wird das Regelbuch des Kriegshandwerks neu geschrieben. Da steht dann jetzt schon drin, dass eine Armee, die gerade eine Feldschlacht schlägt auch gleichzeitig, wechselseitig eine Guerilla sein kann, die überall im Gebiet eines Gegners attackiert – auch fern aller Fronten und jetzt sogar in seinem Luftraum. Die Ukraine scheint das lange schon begriffen zu haben, Russland scheint damit überfordert.

Und ein Krieg wird auch nicht mehr allein mit Waffen und Munition entschieden. In den nächsten Monaten muss man im ukrainischen Kampfgebiet mit Temperaturen 20 Grad unter Null rechnen. Diesen Kriegswinter gewinnt die Armee, die die tieferen und daher wärmeren Erdbunker und die dickeren Jacken hat. Auch da ist die Ukraine dank Textilhilfen aus Kanada, Norwegen, Großbritannien und Deutschland derzeit im Vorteil.

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