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„Schmutzbombe“: Was steckt hinter Moskaus Eskalationsrhetorik?

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Von: Stefan Scholl

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Im Gegensatz zu ukrainischen „Bomben“ ist die russische Iskander-Rakete real und radioaktiv bestückbar. Foto: Imago Images.
Im Gegensatz zu ukrainischen „Bomben“ ist die russische Iskander-Rakete real und radioaktiv bestückbar. Foto: Imago Images. © Imago/SNA

Seit Tagen warnt Russland, die Ukraine wolle eine „schmutzige Atombombe“ bauen und einsetzen. Manche fürchten die Vorarbeit für einen schweren Schlag Moskaus – für andere sind es Verwirrspiele.

Am Montagabend versammelte Igor Kirillow, der Kommandeur der russischen Streitkräfte für die Abwehr atomarer, chemischer und biologischer Bedrohungen, noch einmal die Medien. „Nach unseren Informationen haben zwei Organisationen der Ukraine konkrete Aufträge zur Herstellung einer sogenannten schmutzigen Bombe. Ihre Arbeiten stehen kurz vor der Vollendung.“ Die Ukrainer wollten einen Behälter mit radioaktiven Isotopen in die Luft jagen und so Tausende Quadratkilometer nuklear verseuchen. Kirillows Botschaft klang schrecklich, war aber ohne wirklichen Neuigkeitswert.

Schon am Sonntagmorgen hatte die Staatsagentur RIA Nowosti Gerüchte um schmutzige Atombombenpläne der Ukraine in die Welt gesetzt. Wenige Stunden später wurde bekannt, dass Verteidigungsminister Sergei Schoigu erst seinen französischen, dann seine türkischen und britischen, schließlich den US-amerikanischen Amtskollegen angerufen hatte, um die NATO-Militärs vor dem Einsatz der ukrainischen „Schmutzbombe“ zu warnen.

Warnung vor der mutmaßlichen Teufelsmaschine

Einen Tag später kündigte Außenminister Sergej Lawrow an, man werde den „keinesfalls leeren Vorwurf“ vor die UN und andere internationale Gremien bringen. Und Generalstabschef Waleri Gerassimow klingelte noch einmal bei den Kollegen aus den USA und Großbritannien durch, um die Warnung vor der mutmaßlichen Teufelsmaschine zu wiederholen.

Die multinationalen Telefonrundrufe der russischen Generäle riefen schon deshalb Erstaunen hervor, weil das offizielle Moskau den Nato-Staaten seit Monaten unterstellt, die Ukraine komplett zu kontrollieren und die ukrainischen Soldaten als Kanonenfutter zu missbrauchen. Die Floskel „der Westen kämpft bis zum letzten Ukrainer gegen uns“ benutzen Kremlpolitiker wie Sergei Kirijenko, Kurator der russischen Innenpolitik, oder Nikolai Patruschew, Sekretär des Sicherheitsrates, inzwischen wortgleich. Jetzt aber soll das „faschistische Regime“ in Kiew plötzlich wieder heimtückische Eigeninitiative entwickeln?

Bereitet der Kreml den Einsatz taktischer Atomwaffen vor?

Die Ukraine selbst hat unterdessen Inspektor:innen der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA in die angeblich „schmutzigen“ Forschungsbetriebe in Kiew und Charkiw eingeladen. Und die meisten Fachleute verweisen darauf, dass die Zündung einer schmutzigen Atombombe militärisch eher sinnlos und für eine im eigenen Land kämpfende Armee völlig absurd wäre. Zumal ihre Sprengkraft klein ist und ihre radioaktive Verseuchung von Wind und Wetter abhängt. „Und die Ukrainer haben es angesichts ihrer militärischen Erfolge gar nicht nötig, irgendwelche Massenvernichtungswaffen einzusetzen“, sagt der Moskauer Politologe Juri Korgonjuk der Frankfurter Rundschau.

Manche Beobachter:innen befürchten, der Kreml bereite mit seiner massierten Polemik die Sprengung einer schmutzigen Bombe als Vorwand für den nachfolgenden Einsatz taktischer Atomwaffen vor. Andere wollen eine neue breit angelegte Aktion an der psychologischen Front erkennen, vor allem gegen die europäische Öffentlichkeit. Auch, weil Russlands Erklärungen nach den schon in sowjetischen Lehrbüchern stehenden Regeln der Propaganda durch ihre Widersprüchlichkeit für zusätzliche Verwirrung sorgen.

„Mit Atomwaffen lässt sich trefflich drohen“

„Das ist Informationskrieg“, sagt Korgonjuk. „Mit Atomwaffen lässt sich trefflich drohen, aber ihr Einsatz hätte schreckliche Folgen, die auch dem Kreml bewusst sind.“ Alle Wendungen, die die Wörter „Atom“ oder „Nuklear“ beinhalten, sind bislang Nervenspiel. Ein hoher Nato-Beamter sagte der Agentur Bloomberg, Russland besitze auch konventionell viele Möglichkeiten zu einer weiteren Eskalation, etwa eine Sprengung des Wasserkraftwerks Kachowka, mit der man weite Teile der umkämpften Region Cherson überfluten könnte.

Für Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow ist Eskalation längst militärische Arbeitsgrundlage im Konflikt. Russlands Antwort auf das Artilleriefeuer der Ukraine sei viel zu schwach, sagte der unlängst von Putin zum Generaloberst beförderte Kriegshäuptling jetzt. „Wenn ein Geschoss in unserer Richtung, auf unserem Gebiet gelandet ist, muss man ganze Städte so dem Erdboden gleich machen, dass der Horizont weit dahinter sichtbar wird.“

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