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Kämpfe um die Ostukraine: Ist Soledar von der russischen Armee erobert?

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Von: Peter Rutkowski

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Russlands „Wagner“-Söldner vermelden die Eroberung von Soledar. Kiew dementiert. Eine Kleinstadt bei Bachmut wird entscheidend für russische Kriegsanstrengungen.

Kiew – Seit Tagen frohlocken die „Milblogger“ in Russlands sozialen Netzwerken. Sehen sie sich doch bestätigt in all ihrer Häme und Hass für die Streitkräfte des Kreml, die nach nun 322 Tagen Invasion völlig diskreditiert dastehen. Die militaristische Hoffnung der selbst gekürten Kriegskorrespondenten: der Putin-Intimus und Gastro-Unternehmer Jewgeni Prigoschin mit seiner Söldnertruppe „Wagner“. Die nämlich melden, dass sie sich weiter in Bachmut vorarbeiteten, vor allem aber die Kleinstadt Soledar zehn Kilometer nördlich von Bachmut erobert hätten.

Das erste ukrainische Dementi in der Nacht zu Montag kam postwendend: Ja, die Kämpfe in den beiden Städten – oder vielmehr: Ruinenfeldern – seien schwer, aber die ukrainische Front halte. Präsident Selenskyj dankte den Einheiten in Soledar, dass sie die Lage stabilisiert hätten. Wer den politisch-militärischen Jargon zu dechiffrieren weiß, konnte den Dank als Trost für eine Niederlage lesen.

Ukraine-Krieg: Kiew kann sich keine Rückschläge leisten

Das generell verlässliche britische Verteidigungsministerium und die Geheimdienste der Krone analysierten daraufhin die Lage und befanden mit Stand Dienstagmittag, dass Soledar kaum noch zu halten sei, wenn nicht schnellstens frische Kräfte herangeführt werden. Am Mittwoch konkretisierte London seine Einschätzung dahingehend, dass Soledar gefallen sei – gefolgt von einem Dementi aus Kiew.

Ukrainische Soldaten beobachten den von Soledar aufsteigenden Explosionsrauch. Foto: Libkos/AP/dpa.
Ukrainische Soldaten beobachten den von Soledar aufsteigenden Explosionsrauch © dpa

Das muss auch sein. Zum einen, weil Soledar vielleicht weiterhin umkämpft ist, allen anderslautenden Meinungen zum Trotz. Zum anderen, weil sich die ukrainische Regierung in dieser Phase des Krieges keinerlei größere Rückschläge leisten kann. Das größte Hindernis im ukrainischen Kampf ums schiere Überleben – der deutsche Kanzler – gerät ins Wanken, bedrängt von allen Verbündeten in Nato und EU, konterkariert von seinen eigenen Koalitionspartnern. Käme aus Berlin der Lieferbescheid für eine nicht geringe Anzahl von „Leopard“-Kampfpanzern aus europäischen Arsenalen, die ukrainischen Militärstäbe könnten für Frühjahr und Sommer eine Offensive ins Auge fassen, an dessen Ende man im Osten an der international vereinbarten Grenze zu Russland und im Süden an der Landenge von Perekop, dem schmalen Verbindungssteg zur Krim, steht.

Ukraine-Krieg: Die Putin-Fraktion frohlockt

Aber der schlammige, jedem Panzerkampf abträgliche Herbst 2023 ist noch in sehr weiter Ferne. Zukunftsmusik.

Zurück nach Soledar. Gesichert ist dort erstens nur, dass russische Quellen von der Einnahme des Städtchens sprechen. Russische Quellen sind mindestens zweifelhaft. Zweitens liegt es in der grausamen Natur von Straßen- und Häuserkampf, dass es in einem Moment für die eine Seite gut aussieht, im nächsten für die andere. Ein tödliches Wippen. Entschieden ist nichts, bis nicht eine Seite sich wirklich zurückzieht. Im Sommer 2022 bewies die Ukraine, dass Rückzüge die kluge Vorbereitung von Offensiven sein können. Das Frohlocken der Putin-Fraktion könnte ihr dann bald im Halse stecken bleiben.

Wäre ein Rückzug aus Soledar und dann aus dem in seiner Nordflanke bedrohten Bachmut für die Ukraine eine schwere militärische Niederlage? Nein. Ihre Front würde etwas eingebeult, also auch verlängert und es müssten mehr Truppen zum Halten herangezogen werden. Aber das ukrainische Militär hat seit 2014 schon einige Male bewiesen, dass es eine Verteidigung in der Tiefe (des rückwärtigen Gebietes hinter der vordersten Front) aus dem Effeff beherrscht. Und es stehen alle Anzeichen danach, dass sich die russischen Arsenale an schweren Kalibern immer weiter leeren. Und ohne Artillerie kann auch die angeblich so erfolgreiche „Wagner“-Truppe keinen Fußbreit Boden halten oder erobern. Dann wird Soledar eine Episode bleiben. (rut)

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