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Krieg in der Ukraine: „Die Kinder wurden vom Raketeneinschlag geweckt“

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Von: Philipp Hedemann

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Eine Mutter hält ihre Tochter im Arm, nachdem sie sich in einen Luftschutzkeller in Kiew haben retten können.
Eine Mutter hält ihre Tochter im Arm, nachdem sie sich in einen Luftschutzkeller in Kiew haben retten können. © Emilio Morenatti/dpa

Der ukrainische Direktor von SOS-Kinderdörfer, Serhii Lukashov, über die Angst im Krieg und den katastrophalen Rückschlag für seine Arbeit in der Heimat.

Kiew – Sie sind nur knapp mit heiler Haut davongekommen: Serhii Lukashov ist Landesdirektor der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine und wurde trotz all der Anzeichen und Vorahnungen wie die meisten anderen Menschen von der russischen Invasion überrascht. Er organisiert mitten in den Kriegswirren neben der Rettung seiner Schützlinge und Mitstreitenden in den Westen des Landes auch ein Soforthilfe-Programm für besonders gefährdete Familien. Und die ganze Zeit weiß er, dass die unsichtbaren Schäden des Krieges sich jetzt schon in der jungen Generation der Ukraine festzusetzen beginnen. Die FR konnte mit ihm nach seiner Flucht aus dem Osten des Landes am Donnerstag per Telefon Kontakt aufnehmen.

Herr Lukashov, wo erreiche ich Sie denn jetzt?

In meiner Wohnung in Kiew. Während wir sprechen, höre ich Explosionen. Irgendwo ganz in der Nähe schlagen gerade Raketen oder Granaten ein.

Warum sind Sie nicht im Luftschutzbunker?

In der Nähe meiner Wohnung gibt es keinen Luftschutzbunker. Ich kann nur hoffen, dass unser Haus nicht getroffen wird.

Haben Sie Angst?

Natürlich. Jeder hat Angst. Ich sorge mich jedoch weniger um mich selbst. Ich habe vor allem Angst um unsere Kinder. Kinder sind die wehrlosesten und unschuldigsten Opfer des Krieges. Ich selbst bin erschöpft, schockiert und niedergeschlagen, wie alle Menschen in unserem Land. Was sich in der Ukraine abspielt, ist eine unglaubliche Tragödie.

Krieg in der Ukraine: Explosion in der Nähe von SOS-Kinderdorf

Wie geht es den SOS-Kindern?

Schlecht! Wie allen Kindern im Land. Heute am frühen Morgen schlug in unmittelbarer Nähe unseres Kinderdorfes in Browary in der Nähe von Kiew eine Rakete ein. Weil wir befürchtet hatten, dass Browary angegriffen werden könnte, hatten wir zum Glück bereits in den letzten Tagen die meisten Kinder aus Browary in den Westen des Landes evakuiert. Aber zwei SOS-Familien wollten unbedingt im Kinderdorf bleiben. Die Kinder wurden heute vom Raketeneinschlag geweckt. Alle Kinder haben geschrien und standen unter Schock. Den Rest des Tages haben die Kinder mit ihren Betreuern im Luftschutzkeller eines nahe gelegenen Krankenhauses verbracht.

Werden die Kriegsparteien humanitäre Organisationen wie SOS-Kinderdörfer verschonen?

Man kann nur hoffen, dass sie so zivilisiert sind. Derzeit glaube ich nicht, dass wir zu einer direkten Zielscheibe werden könnten. Aber der Einschlag der Rakete in unmittelbarer Nähe unseres SOS-Kinderdorfes und eines Krankenhauses in Browary zeigen, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass humanitäre Einrichtungen verschont bleiben werden.

Zur Person

Serhii Lukashov, 49, ist seit 2019 Landesdirektor der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Er studierte Psychologie und Sozialarbeit in Kiew. Er war unter anderem in Kirgisistan, in Tadschikistan, Russland und dem Kosovo am Aufbau psychosozialer Dienste für Kinder und Familien beteiligt und half Familienunterstützungsprogramme und Pflegefamiliennetzwerke zu organisieren.

Die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine unterstützen seit 2003 Kinder und Familien dort. Bis Kriegsbeginn profitierten davon rund 2000 Kinder. 2010 wurde das erste Kinderdorf in Brovary bei Kiew eröffnet. Nach 2014 verstärkte die Organisation ihre Arbeit in der östlichen Region Luhansk. phe

SOS-Kinderdörfer hatte bereits in den letzten Tagen Kinder aus der besonders heftig umkämpften Region Luhansk in den vermeintlich sichereren Westen des Landes gebracht. Wird es weitere Evakuierungen geben?

Nein, vorerst nicht. Evakuierungen wären derzeit mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Das ganze Land befindet sich jetzt im Krieg. Es gibt in der Ukraine keinen sicheren Ort mehr. Wir raten unseren Mitarbeitern und den von uns betreuten Familien derzeit, dort zu bleiben, wo sie sind und möglichst sichere Orte wie Luftschutzkeller aufzusuchen.

Krieg in der Ukraine: SOS-Kinderdorf bringt Nothilfeprogramm auf den Weg

Da es in der Ukraine keinen sicheren Ort mehr gibt: Können die Kinder außerhalb des Landes in Sicherheit gebracht werden?

Wir sind Teil der weltweiten SOS-Kinderdörfer-Familie. Wir werden prüfen, ob wir unsere Kinder teilweise in SOS-Kinderdörfern in den Nachbarländern in Sicherheit bringen können.

Kann SOS-Kinderdörfer nun noch Familien unterstützen?

Ja, wir bringen ein Nothilfeprogramm auf den Weg, das zunächst 15 000 Menschen zugutekommen soll. Wir wollen besonders gefährdete und betroffene Kinder und Familien bei gegebenenfalls doch möglichen und notwendigen Evakuierungen unterstützen und sie mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und Medikamenten versorgen. Außerdem werden unsere Mitarbeiter psychologische Soforthilfe leisten. Wir werden vor allem elternlose und behinderte Kinder sowie Kinder in Pflegefamilien und Heimen unterstützen. Jungs und Mädchen in staatlichen Pflegeeinrichtungen sind besonders gefährdet. Das Personal ist teilweise in Panik davongelaufen. Viele Kinder sind deshalb schon jetzt weitestgehend auf sich selbst gestellt. Wir können unsere Hilfe so ausbauen, dass davon bis zu 45 000 Menschen profitieren, aber dafür sind wir dringend auf Spenden angewiesen.

Ist die Hilfe bereits angelaufen?

Ja, wir haben heute mit vielen Eltern telefoniert, um sie in dieser unglaublich schwierigen Situation zu unterstützen. Sie müssen ihren Kindern Trost und Geborgenheit geben, obwohl sie selbst Angst haben. Wir versuchen, sie dabei zu unterstützen. Andere von uns betreute Familien, die in den letzten Tagen evakuiert wurden, mussten wir in langen Telefongesprächen davon abhalten, in den besonders umkämpften Osten zurückzukehren. Sie wollten dort ihr Hab und Gut verteidigen.

Serhii Lukashov.
Serhii Lukashov. © phe

Krieg in der Ukraine: Viele Mitarbeiter:innen im SOS-Kinderdorf leben in umkämpften Gebieten

Wie kommen Ihre Mitstreitenden mit der Belastung klar?

Heute war ein schlimmer und chaotischer Tag. Wir waren auch damit beschäftigt, unsere rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unterstützen. Sie sind doch auch nur Menschen. Auch sie haben Angst. Viele von ihnen leben in heftig umkämpften Gebieten, viele haben Männer, Söhne und Väter, die in der Armee dienen. Zum Glück ist bislang keines der von uns betreuten Kinder verletzt oder getötet worden. Auch im Team gibt es bislang keine Opfer. Bislang!

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Kinder?

Kinder werden verletzt und getötet werden. Kinder werden ihre Eltern und Geschwister verlieren. Schon bald wird es Hunger geben, und die medizinische Versorgung wird teilweise zusammenbrechen. Es wird lange keinen Schulunterricht geben. Der Krieg schafft eine traumatisierte Generation. Wir haben das bereits in der Ostukraine erlebt. Die Kinder dort leben seit acht Jahren mit dem Krieg. Sie leiden unter Panikattacken und schwersten Depressionen. Das droht jetzt im ganzen Land. Es ist eine Katastrophe! (Philipp Hedemann)

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