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Statt Angriff auf die Ukraine: Entwarnung in der Sondersendung „Invasionstag“

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Von: Stefan Scholl

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Am Mittwoch herrscht in Moskau Alltäglichkeit – der drohende Krieg bleibt in Russland ein Thema für Fachleute. Foto by Alexander NEMENOV / AFP.
Am Mittwoch herrscht in Moskau Alltäglichkeit – der drohende Krieg bleibt in Russland ein Thema für Fachleute. Foto by Alexander NEMENOV / AFP. © AFP

In Russland reagieren Staatsmedien mit Häme auf den vorerst ausgebliebenen Angriff auf die Ukraine – zuvor war der 16. Februar als „Tag der Invasion“ kolportiert worden.

Moskau - Russlands 16. Februar begann mit Schützenpanzern. Die waren allerdings auf dem Rückzug. Das russische Staatsfernsehen zeigte nächtliche Aufnahmen der Krimbrücke, über die ein Güterzug mit schwerem Kriegsgerät rollte. Nach Angaben der Agentur RIA Nowosti waren es Kampffahrzeuge des Südlichen Militärkreises, die von der Schwarzmeerhalbinsel in ihre Garnisonen zurückkehrten.

Die Botschaft der Frühstücksnachricht war klar: Die russische Invasion, die die US-Geheimdienste, zahlreiche westliche Politiker:innen und Medien für den gestrigen Mittwoch angekündigt hatten, findet nicht statt. Mehrere Nachrichtenportale übersetzten eine Korrektur des britischen Boulevardblatts „Sun“, das den Angriff für gestern, zwei Uhr MEZ, prophezeit hatte. „Der kalte Himmel über Kiew, wo die Leute sich auf ein Bombardement vorbereiteten, blieb ruhig.“

Russland und der Ukraine-konflikt: Die Politszene erwartet Verhandlungen

Schon am Vormittag liefen in Russland die ersten Polit-Talkshows zum Thema an. „Die Ukrainer hat ein echter Schlag getroffen“, verkündete Moderatorin Olessja Lossjewa in der Sondersendung „Invasionstag“. „Russland ist nach Mitternacht nicht in ihr Land eingefallen.“ Und ihr Kollege Anatoli Kusitschew höhnte: „Um mit Holzkalaschnikows vor dem Hintergrund einer ausgedachten Invasion herumzulaufen, müssen sie schon Vollidioten sein.“ Die Diskussion artete immer wieder in wüstes Geschrei aus, Moderator:innen und Studiogäste brüllten mehrfach einen ukrainischen Teilnehmer nieder, der die Russen unter anderem daran erinnerte, dass sie schon seit 2014 auf ukrainischem Boden herumlaufen.

Sonst herrschte am Mittwoch in Moskau Alltäglichkeit. In Privatgesprächen wurde der 3:1-Sieg der russischen Eishockeymannschaft über das dänische Olympiateam wesentlich eifriger diskutiert, als der Nichtangriff auf die Ukraine. „Den Krieg habt ihr euch ausgedacht, also führt ihn selber“, räsonierte der Klempner Sergei. Präsident Wladimir Putin aber empfing zum ersten Mal seit Monaten einen westlichen Staatsgast, der nicht als Krisenparlamentär gekommen war: den brasilianischen Staatschef Jair Bolsonaro.

Der drohende Krieg bleibt in Russland ein Thema für einen eher kleinen Kreis von Fachleuten. Ruslan Lewijew, Leiter der Beobachtergruppe Conflict Intelligence Team, stellte schon am Vorabend den russischen Truppenabzug infrage, im Gegenteil bewege sich gerade wieder ein komplettes Motorschützenregiment Richtung Ukraine. Die Politszene erwartet, dass der Kreml mit dem Westen verhandeln will. Aber dass er dabei die Belagerung des Nachbarlandes fortsetzen wird, um den eigenen Argumenten Nachdruck zu verleihen.

Russland: Auch oppositionelle Journalist:innen diskutierten auf Facebook

Zusehends Gelächter aber ruft das westliche Krisenmanagement hervor. „Das ist Afghanistan zwei“, spottete der Politologe Alexej Muchin über den Abzug von westlichem diplomatischen Personal aus Kiew, bei dem US-Amerikaner:innen laut dem „Wall Street Journal“ sogar Computer zerstörten. „Die Amerikaner und ihre Verbündeten fliehen von einem Schlachtfeld, das sie selbst dazu erklärt haben.“

Auch oppositionelle Moskauer Journalist:innen diskutierten auf Facebook, welche der angeblichen Geheimdienstinformationen, die bisher hochgeschätzte Quellen wie Reuters oder „Financial Times“ veröffentlicht hatten, am peinlichsten gewesen seien. „Ich überlege, wie sich unser Verständnis der Massenmedien bis zum Ende der Krise gewandelt haben wird“, bloggte der russische BBC-Reporter Ilja Barabanow aus dem nicht bombardierten Kiew. „Und wie werdet ihr künftig mit Informationen umgehen, die von Bloomberg oder ähnlichen Medien kommen?“ (Stefan Scholl)

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