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Die Entschlossene

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Von: Stefan Scholl

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Der Krieg schien fern, die Erinnerung war es nicht: Olena Selenska und ihr Mann Wolodymyr im November 2021 in Kiew beim Gedenken an den von Stalin befohlenen Hunger-Genozid in der Ukraine 1933.
Der Krieg schien fern, die Erinnerung war es nicht: Olena Selenska und ihr Mann Wolodymyr im November 2021 in Kiew beim Gedenken an den von Stalin befohlenen Hunger-Genozid in der Ukraine 1933. © afp

Olena Selenska schrieb einst die Witze für ihren Mann Wolodymyr. Als First Lady der Ukraine muss sie jetzt über Tod und Leid reden

Inzwischen seien 1001 Kinder verletzt oder getötet worden, verkündete sie kürzlich auf ihrem Telegram-Kanal. Aber tatsächlich habe jedes ukrainische Kind gelitten. „Sie mussten fliehen, wurden von ihren Eltern getrennt, zitterten in Luftschutzkellern vor Angst.“ Olena Selenska hat keine Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen.

Danach schreibt sie auf Instagram einen „Brief der Liebe“ an die Landsleute in den von den russischen Truppen besetzten Gebieten. „Uns scheidet die Frontlinie, aber unsere Bindung ist nicht zu zerreißen.“ Sie nutze jede Gelegenheit, diesen Ukrainern zu zeigen, dass man für sie kämpfe. Und der TV-Sender TNS kommentiert das Foto, das die Selenska ins Netz gestellt hat: „Die Erste Lady ist in einer schwarzen Bluse zu sehen, mit strenger Frisur und lakonischen Ohrringen.“

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, ist seit dem 24. Februar zum Weltstar geworden. Seine Ehefrau Olena Selenska auch. Das erste mediale Traumpaar der Ukraine, auch wenn der neue Alltag es trennt. Die Präsidentengattin posiert fast immer ohne ihren Mann vor den Kameras von CNN, auf den Titelseiten von „Time“ oder „Guardian“.

Ihre Scheitel sind so streng wie ihre Anzüge, sie lächelt wenig. Olena Selenska, die einst Witzdialoge für ihren Mann schrieb, muss jetzt über leidende und tote Kinder reden, um das Mitgefühl des ausländischen Publikums bitten. Dabei birgt die Berichterstattung über die Präsidentengattin viel Klatsch und Tratsch: Seht, wie schön diese Ukrainerin ist, auch wenn sie leidet!

„Bunte“ oder „Brigitte“ feiern sie als starke Frau, „Bild“ himmelt sie als Opferheldin an: „Putin jagt sie. Ihre Kinder müssen angezogen schlafen gehen. Sie fliehen von Bunker zu Bunker.“ Tatsächlich drohte der Familie Selenskyj nur in den allerersten Tagen Ende Februar Gefangenschaft. Im Gegensatz zu Millionen anderen ukrainischen Frauen und Kindern, die ins Ausland geflohen sind, können Olena Selenska, ihre Tochter Alexandra, 17, und ihr Sohn Kirill, 9, den Gatten und Vater inzwischen wieder regelmäßig sehen.

Aber es war ein wichtiges Zeichen, als nicht nur der Präsident, sondern auch seine Familie nach den ersten russischen Raketeneinschlägen im Land blieb. Selenska wurde zur weiblichen Symbolfigur für die Entschlossenheit der Ukrainer:innen.

Ihr Texte klingen authentisch. „Ich verstehe die Frauen und Männer, die jetzt getrennt sind.“ Ihr Mann leide wie seine Kinder darunter, dass sie sich nur wenig sähen. Die Tochter bräuchte den Vater, um mit ihm zu reden, der Sohn, um sich auf sein Knie zu setzen. Solche Klagen hört man von Millionen Ukrainer:innen.

Die Frauen, sagte Olena Selenska der „Zeit“, kämpften an vorderster Front als Freiwillige, versorgten Verwundete und organisierten humanitäre Konvois. „Wir ukrainischen Frauen wollen ja gar keine Flüchtlinge sein; wir wollen nicht abhängig sein. Wir sind Eigenständigkeit und Eigeninitiative gewohnt.“

Es mangelte der Ukraine nie an starken weiblichen Typen. Julia Timoschenko etwa, die als Geschäftsfrau erst zur millionenschweren Ölprinzessin wurde, dann zur siegreichen Galionsfigur der „Orangen Revolution“ von 2004. Oder die Hubschrauberpilotin Nadja Sawtschenko, noch so eine ukrainische Jeanne d’Arc. Sie geriet als Freiwillige während des ersten Donbass-Konflikts 2014 in russische Gefangenschaft, veranstaltete einen furiosen Hungerstreik, wurde ausgetauscht, ging ebenfalls in die Politik… Wie Timoschenko war sie ein „Ich-Projekt“, besaß nie eine Familie, Timoschenkos Ehe ging ebenfalls in die Brüche.

Selenska dagegen ist auch als Gattin und Mutter ein Marmorfels, Wolodymyr der Mann ihres Lebens. Sie gingen im ostukrainischen Krywyj Rih gemeinsam zur Schule. Aber obwohl er bereits damals den Hansdampf in allen Gassen machte, traute er sich nicht an die Musterschülerin aus der Parallelklasse heran.

Erst als Student begann Selenskyj ihr den Hof zu machen, erfolgreich. Er schloss sein Jura-, sie mit Auszeichnung ihr Architekturstudium ab, danach wurden beide Berufskomödianten, heirateten erst nach acht Jahren. Er war der Witzereißer auf der Bühne, sie gehörte zu den Drehbuchautor:innen seiner Sketche und Filme, auch der TV-Serie „Diener des Volkes“, wo er sich selbst als künftigen Präsidenten spielte. Angeblich erfuhr sie von seinem Entschluss, als Präsident zu kandidieren, erst nach dem Start seines Wahlkampfes. Eine Ehe für einen Hollywoodfilm.

Aber wenn ukrainische Frauen über die Grundsatzentscheidungen ihrer Männer reden, sind sie nicht immer ehrlich. „Öffentlich tun in der Ukraine alle so, als wäre man eine durch und durch patriarchalische Gesellschaft. Aber insgeheim herrscht eher Matriarchat“, erklärt der Politologe und Historiker Ihor Rejtorowitsch. „Die Frauen werden ,Hüterinnen der Familie‘ genannt. Auch, wenn der Mann die Karriere macht, entscheidet oft seine Frau, in welche Richtung es dabei geht.“ Wolodymyr Selenskyj sagt, in den wichtigsten Fragen berate er sich mit seiner Frau.

Olena Selenska steht jetzt ein Vierteljahrhundert an der Seite ihres Mannes – aber lieber im Hintergrund, wie sie betont. Publikum bedeute für sie Stress. Aber jetzt plagt auch sie sich täglich für den Sieg, vor der Kamera, auf Videokonferenzen. Nächste Woche veranstaltet sie in der Ukraine das zweite „Gipfeltreffen der Ersten Ladies und Gentlemen“. Dort möchte sie die Perspektiven der Ukraine und der Welt nach den Kämpfen diskutieren. Ein Gipfel der Sehnsucht.

Die Zahl der 1001 toten und verletzten Kinder ist schon nicht mehr aktuell. Zu den neuen Opfern gehört ein vierjähriges Mädchen, das bei einem Raketenangriff auf das westukrainische Winniza starb. Das Foto der toten Lisa und des Kinderwagens ging um die Welt. Olena Selenska erkannte es: „Ich habe dieses bemerkenswerte Kind während der Dreharbeiten für ein Weihnachtsvideo kennengelernt“, schreibt sie auf Facebook. „Ein strahlendes, offenes, fröhliches Kind, das in Liebe aufwuchs.“ Sie weine mit den Angehörigen. Die Leiden der ukrainischen Mütter gehen weiter. (Stefan Scholl)

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