1. Startseite
  2. Politik

„Putin denkt nicht an das Volk – nur an seine Macht“

Erstellt:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

Der junge Geheimdienstoffizier Wladimir Putin, offizielles KGB-Foto von 1980.
Der junge Geheimdienstoffizier Wladimir Putin, offizielles KGB-Foto von 1980. © Russian Archives / Imago Images

Ex-KGB-Spion und Exilant Sergej Schirnow zeichnet im FR-Interview das Bild eines Starrsinnigen, der auch einen Nuklearkrieg nicht scheut.

Herr Schirnow, Sie sind einer der ganz wenigen russischen Ex-Spione, die sich über ihre frühere Tätigkeit äußern. Warum tun Sie das?

Seitdem ich mein Land verlassen habe, spreche ich auch deshalb, weil ich in Opposition zum Putin-Regime stehe. Es führt heute einen ungerechten und überdies schlecht vorbereiteten Krieg, und der einzige Aggressor ist Putin.

Sie hatten ihn schon kennengelernt, als Sie ein 19-jähriger Student waren. Wie kam es dazu?

Ich arbeitete 1980 als Freiwilliger für die Telefonauskunft der Olympischen Spiele von Moskau. Mit einem Franzosen sprach ich stundenlang an der Strippe. Das kam dem KGB suspekt vor, und einer seine Agenten überführte mich in die Lubjanka, den berüchtigten KGB-Sitz. Der kleine Mann in dem grauen Anzug hieß Wladimir Putin. Er hörte mir nicht einmal zu, sondern wollte mich partout als Systemfeind entlarven. Er genoss seine Macht, mit der er mir Angst zu machen versuchte. Und er war schon damals absolut borniert: Er hatte eine Idee, und die wollte er durchdrücken, obwohl er nicht das geringste Argument hatte.

Putins KGB-Vergangenheit und wie dies heute relevant ist

Also ein wenig wie heute im Ukraine-Krieg?

Genau. Putin sagt, er wolle die Ukraine „entnazifizieren“. Bloß gibt es in Russland zehnmal mehr Neonazis. Mit Raumfahrtminister Dimitri Rogosin sitzt sogar einer in der Regierung. Putin hat keine Argumente. In meinem Verhör ließ er erst dann – und zwar blitzartig – von mir ab, als ich nebenbei angab, ich würde einen Enkel des Parteivorsitzenden Leonid Breschnew kennen.

1984 kreuzten sich Ihre Wege dann erneut?

Ja, denn wir waren im gleichen Ausbildungsgang des Instituts Andropow – der KGB-Ausbildung. Ich sah Putin aber nur kurze Zeit. Nach einem Straßenkampf in Leningrad, bei dem er sich einen Arm brach, fiel er im KGB in Ungnade. Ein Bericht hielt fest, Putin habe insofern ein psychologisches Problem, als er die Folgen seiner Entscheidungen und Taten nicht abzuschätzen vermöge. Für Gefahren habe er kein Gefühl; das berge Risiken für ihn selbst, aber auch für den KGB. Der Geheimdienst will, dass sich ein Agent sofort verzieht, wenn er einem offenen Kampf begegnet. Putin ließ sich aber darin verwickeln. Das tat er sicher auch, weil er Judoka ist und seinen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner Körpergröße von 162 Zentimetern kompensieren will. Der KGB schob ihn jedenfalls nach Leningrad und dann in die DDR ab.

Ex-KGB-Agent: „Putin führt das Land wie ein Politbüro“

Ein Auslandseinsatz in der DDR – kam das nicht einer Beförderung gleich?

Nur scheinbar. In Wirklichkeit war die DDR-Provinz für Sowjetagenten ein Abstellgleis. Ganz anders Westberlin: Das war damals ein internationales Spionagezentrum mit höchstem Prestige unter Agenten. Nicht aber Dresden mit seinem fünfköpfigen Regionalbüro. Putin agierte dort nicht etwa als Geheimagent, sondern offen und unter seinem Namen als Stasi-Kontrolleur. Damit war seine Karriere als naturgemäß klandestiner Spion gescheitert.

Dafür brachte er es in der Politik bis zum Staatspräsidenten. Was hat er im Kreml von der KGB-Mentalität bewahrt?

Alles. Putin ist nie wirklich ein Staatschef geworden, der wie der Ukrainer Wolodymyr Selenskyj sein Land und sein Volk hinter sich geschart hat. In seinem Inneren bleibt er ein Chef der Tscheka, der politischen Polizei. Das Land führt er wie ein Politbüro, mit engsten Vertrauten, darunter Ex-Agenten und -Leibwächtern. Diese Leute infiltrieren die Politik, so wie der KGB früher andere Länder infiltrierte. Demokratisch ist das nicht.

Die Trümmer des am Wochenende von Raketen getroffenen Bahnausbesserungswerks Darnitzjya bei Kiew.
Die Trümmer des am Wochenende von Raketen getroffenen Bahnausbesserungswerks Darnitzjya bei Kiew. © Genya Savilov / AFP

Ex-KGB-Agent: Putin ist kein Staatsmann, sondern berechnender Opportunist

Manche Russland-Fachleute sagen, nur so könne man das riesige Land kontrollieren.

Das stimmt. Aber die Kontrolle durch die Geheimdienste muss im Dienst der Demokratie ausgeübt werden. Putin denkt nicht an das Volk, er denkt nur an seine Macht.

Ist Putin populär?

Leider eher ja. Er ist kein Staatsmann, sondern ein berechnender Opportunist, ein Manipulator, der weiß, „was die Leute wollen“, und danach handelt, um seine Popularität zu steigern. Sein Vorteil ist, das die Russen einen „starken Mann“ wollen, weil ihre Geschichte sie lehrt, dass es schwache Zaren, Parteivorsitzende oder Präsidenten nie weit bringen.

Russland: Sieben Tote Oligarchen in 2022 – Zufall?

Was denken Sie von den „Suiziden“ mehrerer Oligarchen, die Anfang Mai kolportiert wurden?

Ich glaube nicht daran. Es gibt dafür keine Beweise, aber Indizien, und die sieben Fälle ähneln sich auch in ihrer warnenden „Botschaft“ an die Nachwelt. Die Opfer sind nicht unbedingt Oligarchen, sondern stammen eher aus der Kategorie Topmanager. Sergei Protosenya hatte zum Beispiel eine einige Familie, seit jeher die gleiche Frau, keine Mätressen. Obwohl er Frau und Kind mit einer Axt abgeschlachtet haben soll, fand die spanische Polizei nicht den geringsten Blutspritzer auf Protosenyas Hemd. Seltsam.

Haben Sie selber keine Angst, nachdem Sie beim KGB abgesprungen sind und jetzt so frei aus der Schule plaudern?

Mein Abgang war geregelt, ich verließ den Geheimdienst erst, als Michail Gorbatschow auch dessen Auflösung angeordnet hatte. Dass ich heute rede, stört viele, das stimmt. Aber ich folge einer ehernen Regel der Dienste: Wenn du überleben willst, bleib’ im Licht. Ich schreibe Bücher, trete im TV auf, und mein plötzlicher Tod in Paris würde Schlagzeilen machen – wie die Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal. Geheimdienste wägen stets ab: Was gewinnen sie, welchen Preis zahlen sie? In meinem Fall würden sie mehr verlieren. Weniger beruhigend ist, dass viele Agenten irrational handeln, wie Putin.

Ex-KGB-Agent zu Attentaten: „Mein Tod macht mir keine Angst mehr“

Wurden Sie nicht schon selbst Opfer eines Vergiftungsversuchs?

Ja, 2001 in Moskau. Der Geheimdienst wollte, dass ich ihm wieder beitrete, aber ich war nicht bereit dazu und tat das auch kund. Das mochten sie gar nicht. Sie handelten nach allen Regeln der Kunst, so dass man nichts beweisen konnte. Ich verlor massiv an Gewicht, hatte nachts 40 Grad Fieber, lag schon fast im Sterben – doch die Ärzte fanden nichts. Eine Ärztin tippte dann auf Schwermetalle. Da sagte ich ihr am Telefon – das natürlich abgehört wurde –, ich zöge aus meiner Wohnung aus und ginge für Blutproben nach Frankreich. Zwei Tage später gab es in meiner Wohnung „Besuch“, die Beschwerden hörten schlagartig auf.

Macht das vorsichtig?

Eher fatalistisch. Ich bin 61 und habe gut gelebt, meine persönliche Geschichte ist geschrieben. Ich bin nicht suizidal, aber mein Tod macht mir keine Angst mehr.

Ex-KGB-Agent: Umfrageinstitute in Moskau stehen unter Putins einfluss

Es heißt, die russischen Geheimdienste seien heute mächtiger als zu Sowjetzeiten. Stimmt das?

Auf jeden Fall. Stellt man die verdoppelte Beschäftigtenzahl dieser Dienste und die halbierte Bevölkerungszahl Russlands gegenüber der Sowjetunion in Rechnung, ergibt sich, dass allein der heutige Inlandsgeheimdienst FSB viermal stärker ist als früher der KGB. Nur schon der Dienst zum Schutz des Präsidialamtes umfasst 10 000 Personen. Das wirft auch die Frage auf: Warum hat Putin so viel Schutzpersonal nötig, wenn er doch so populär sein soll? Und warum lässt er keine freien Wahlen zu? Entweder ist er völlig paranoid – oder er ist gar nicht so populär.

Ihrer Meinung nach?

Es ist eine Mischung aus beidem. Nicht zu vergessen: Die Umfrage-institute in Moskau stehen unter Putins Einfluss.

Ex-KGB-Agent: Putin steckt in der KGB-Ära fest

Um auf den russischen Geheimdienst zurückzukommen: Haben sich dessen Methoden unter Putin gewandelt?

Die Spione und Spitzel arbeiten wie früher mit ihren „Quellen“. Verändert hat sich hingegen die Technologie. Die sozialen Netzwerke sind für die russischen Geheimdienste FSB (Inland), SVR (Ausland) und GRU (Militär) zum Schlachtfeld eines hybriden Krieges geworden. Sie betreiben Desinformation, Propaganda, Cyber-attacken. Die Hacker der russischen Dienste sind heute dazu in der Lage, das Transportwesen oder die Krankenhäuser eines ganzen Landes außer Gefecht zu setzen. Welch ein Kontrast zu Putin, der bis heute nicht einmal ein Handy hat! Ein Zeichen mehr, dass er mental in der KGB-Ära steckengeblieben ist.

Leidet die russische Armee in der Ukraine nicht auch darunter, dass es den russischen Geheimdiensten an Aufklärungssatelliten mangelt?

Von dem guten Dutzend russischer Beobachtungssatelliten sind nur noch zwei in Betrieb. Dagegen erhalten die Ukrainer Zielauskünfte von den US-Amerikanern. Das erklärt mit, was in der Ukraine abläuft.

Putins Armee: „Hinter den Fassaden hat es nichts“

Und die russischen Überschallraketen, funktionieren die?

Sie existieren, aber es mangelt den Russen an Wissenschaftlern, um die Technologie zu meistern. Putin hat zwei, drei Prototypen dieser Superwaffen, mehr nicht. Sie verschlingen Unmengen an Geld.

Sergej Schirnow war Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB.
Sergej Schirnow war Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB. © Privat

Hat Sie das Steckenbleiben der russischen Übermacht in der Ukraine überrascht?

Überhaupt nicht. Putins Russland ist ein potemkinsches Dorf: Hinter den Fassaden hat es nichts. Die Armee verfügt zwar über mehr Mittel denn je, aber sie erweist sich als unfähig zu einer modernen Kriegsführung. Nicht einmal die Logistik hält Schritt. Putin missachtet die wichtigsten Kriegsregeln. So geht es, wenn sich ein Korporal als General wähnt, siehe Hitler.

Ex-KGB-Agent vergleicht Donbass mit Schlacht um Verdun

Putin scheint nun stärker auf die Armeespitze zu hören.

Er ist dazu gezwungen, seitdem er viele Tausend Mann verloren hat. Aber selbst im Donbass ist der Erfolg des Unterfangens nicht garantiert. Aus strategischer Sicht müsste er eher den schlechter geschützten Süden mit Cherson und dann Odessa angreifen. Aber Putin will den Donbass, auf die Gefahr hin, einen Abnutzungskrieg wie im Ersten Weltkrieg in Verdun zu schaffen.

Die russische Klammerbewegung scheint im Donbass aber doch voranzukommen.

Aber nur, weil den Ukrainern die Mittel fehlen. Wenn sie neue Waffen erhalten, wird die russische Armee nicht mehr weiterkommen. Putin bliebe dann nur noch das nukleare Arsenal.

Sergej Schirnow (61) war von 1984 bis 1992 Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Einberufen wegen seiner Französisch-Kenntnisse, absolvierte er 1984 das Institut Andropow, die Kaderschmiede für Sowjetspione im Moskauer Stadtteil Jassenewo. Er arbeitete in der Abteilung für Auslandsaufklärung, wo er sich um Südamerika kümmerte. 1990 studierte er an der Pariser Eliteschule ENA; zur Tarnung war er Sprecher einer russischen TV-Sendung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Schirnow tatsächlich TV-Journalist und Berater. Nach einem Giftanschlag in Moskau erhielt er Asyl in Paris. Seither arbeitet er dort unter anderem für den Sender LCI. Im Mai erschien seine Autobiographie „L’éclaireur“ (Der Späher).

Könnte er es einsetzen?

Das ist nicht unmöglich. Wie ich vorher sagte: Putin vermag die Folgen seines Tuns nicht abzuschätzen. Das macht es so gefährlich. Zumal Putin wie gesagt starrsinnig ist und sich von nichts abbringen lässt.

Ex-KGB-Agent: Russischer Geheimdienst sehr aktiv in Deutschland

Wie aktiv ist der russische Geheimdienst in Deutschland heute?

Sehr aktiv. In Deutschland gibt es eine starke russische Diaspora mit weit mehr als einer Million Personen. Agenten, Spitzel und Informanten gehen in dieser unbeteiligten Masse problemlos auf. Das Hauptproblem für Deutschland ist allerdings seine energetische Abhängigkeit von Moskau, die es selber bewirkt hat. Heute ist Deutschland von Russland abhängig, nicht mehr umgekehrt. Das ändert alles.

Eine naive Frage zum Schluss: Als Sie für den KGB in Paris waren, traten Sie zur besseren Tarnung als Fernsehjournalist auf. Wer sagt, dass Sie heute nicht weiter für den russischen Geheimdienst arbeiten?

Niemand. Sie müssen mir nicht glauben, dass das alles hinter mir liegt. Ich suche Sie nicht zu überzeugen. Wenn ich das täte, könnten Sie sicher sein, dass ich immer noch ein russischer Spion bin.

(Interview: Stefan Brändle)

Auch interessant

Kommentare