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Russland wird vom Jäger zum Gejagten

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Von: Viktor Funk

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Unter den Teppich gekehrt: Ein ukrainischer Soldat zeigt zurückgelassene russische Granaten in der Region Charkiw.
Unter den Teppich gekehrt: Ein ukrainischer Soldat zeigt zurückgelassene russische Granaten in der Region Charkiw. © dpa

Kiew kann den Kriegsverlauf zunehmend stärker bestimmen. Es stellt sich nun immer dringender die Frage, wie Moskau von neuen Aggressionen abgehalten werden kann.

Kiew – Die russische Öffentlichkeit kann derzeit im TV und anderen Medien Aussagen über den Krieg in der Ukraine hören, die vor kurzem noch undenkbar schienen. So schrieb etwa der russische Nationalist Petr Akopow am Dienstag auf Ria Nowosti, dass das Ziel der „militärischen Spezialoperation“ nicht die „Rückholung der Ukraine in die russische Welt ist, oder die Zerstörung des westlichen Projektes Ukraine als Anti-Russland“, sondern der Aufbau eines „souveränen, starken und gerechten Russlands“. Das neue Russland ist nach Akopows Verständnis größer als das jetzige – im territorialen wie übertragenem Sinne.

In den Talkshows der großen landesweiten TV-Sender ist von einer Niederlage bei Charkiw die Rede, von der Anerkennung der Ukraine als einen eigenen Staat, einer eigenen Kultur, mit eigener Sprache. Solche Aussagen werden selbstredend von anderen Teilnehmern (ausschließlich Männer) in den Talkshows zwar infrage gestellt. Aber allein die Tatsache, dass zum Beispiel öffentlich von „kolonialem Krieg“ gesprochen wird, ist von Bedeutung.

Moskau hatte noch keine Niederlagen im Ukraine-Krieg eingestanden

Seit Kriegsbeginn am 24. Februar dieses Jahres habe Russland noch keine einzige Niederlage im Krieg in der Ukraine zugegeben, betont etwa das US-amerikanische Institute for the Study of War. Das ändert sich offensichtlich. Eine Niederlage rückt in den Bereich des Möglichen.

Dieser neue Ton, ebenso wie der Protest von inzwischen 67 kommunalen Politikerinnen und Politikern in Russland gegen Putin, beeindruckt den Kreml natürlich nicht. Im Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz am Dienstagnachmittag warf Russlands Präsident Wladimir Putin der Ukraine vor, „himmelschreiende Verstöße“ gegen das humanitäre Recht zu begehen.

Ukraine-Krieg: Putin bleibt uneinsichtig, doch die Nervosität im Militär wächst

Putin behauptete außerdem, dass die Ukraine dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) keinen Zugang zu russischen Kriegsgefangenen gewähre – dem das ICRC auf FR-Nachfrage widersprach. Und ferner mahnte Putins Sprecher Dmitri Peskow Anfang der Woche sogar, bei der Kritik an der Staatsführung vorsichtig zu sein.

Das Regime bleibt uneinsichtig, doch es wird nervöser. Dazu hat es allen Anlass. Die offizielle „Umgruppierung“ der russischen Streitkräfte in der Ukraine scheint tatsächlich ein unorganisierter Rückzug zu sein.

Russische Truppen lassen in der Ukraine Technik und Munition zurück

Im Nordosten des Landes sind ukrainische Truppen an die Grenze zu Russland vorgerückt. Pro-ukrainische Telegram-Kanäle veröffentlichen Videos über eingenommene russische Stellungen, wo die Technik und die Munitionsdepots unbeschädigt sind.

Im Süden und Südosten – von Mikolajiw in Richtung Cherson, südlich von Welika Nowosilka – ziehen sich die Kämpfe entlang des gesamten Frontverlaufs. Das irritiert offenbar die russische Armeeführung und die Truppen vor Ort: Aus pro-russischen Telegram-Kanälen wird deutlich, dass gerätselt wird, wo die Ukraine den nächsten größeren Vorstoß wagen wird.

Ukraine-Krieg: Präsident Selenskyj reist in die Nähe der Front

Am Mittwoch veröffentlichte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Fotos vom Besuch der erst kürzlich befreiten Stadt Isjum – einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, kaum 20 Kilometer von der Front entfernt. „Unsere blau-gelbe Fahne weht wieder über dem befreiten Isjum. Und so wird es über jeder ukrainischen Stadt und jedem Dorf sein“, schrieb er zu den Bildern.

Wie schnell die ukrainischen Kräfte vorrücken können, ist unklar. In den vergangenen Tagen gelang es ihnen, teils beeindruckende Geländegewinne zu erzielen. Von mehr als 6000 befreiten Quadratkilometern sprach Selenskyj nun, allerdings halten die russischen Besatzer immer noch gut 110 000 Quadratkilometer.

Motivation der russischen Armee im Krieg in der Ukraine ist sehr niedrig

Doch Moskaus Truppen haben Versorgungsprobleme – und eine deutlich geringere Motivation zu kämpfen. Das sei von Anfang an ein Problem gewesen, beklagt etwa der russische Nationalist Igor Strelkow, selbst Teilnehmer im Donbass-Krieg 2015.

Es kommt ein weiterer Punkt, der für die mittelfristige Entwicklung wichtig ist: Im Gegensatz zu russischen Besatzern müssen ukrainische Kräfte weniger Ressourcen binden, um befreite Gebiete zu sichern. Russische Streitkräfte waren mit Sabotage und lokalem Widerstand beschäftigt.

Ausgewählte Kampfpunkte und Frontverlauf. Die Lage ändert sich derzeit dynamisch.
Ausgewählte Kampfpunkte und Frontverlauf. Die Lage ändert sich derzeit dynamisch. © FR

Zukunft des Krieges: Wie kann Russland abgehalten werden, die Ukraine anzugreifen?

US-Präsident Joe Biden sieht die Ukraine noch auf einem langen Weg, bis es zu einem Kriegsende kommt. Von einem Wendepunkt wollte er noch nicht sprechen, machte er am Dienstag (Ortszeit) klar.

Für die Ukraine und den Westen wird es immer wichtiger zu klären, wie Russland jetzt und auch in Zukunft davon abgehalten werden kann, weitere Angriffe zu starten und die Ukraine von russischem Boden anzugreifen. Denn mehr und mehr setzen die Invasoren auf die Zerstörung dessen, was sie nicht bekommen können: die zivile Infrastruktur.

Neben Charkiw haben russische Truppen in den vergangenen Tagen wieder Slowjansk beschossen. Laut Generalstab der ukrainischen Streitkräfte hat Russland in den vergangenen 24 Stunden mit drei Raketen, 33 Luftangriffen und 58 Schüssen aus Mehrfachraketenwerfern militärische und zivile Ziele angegriffen. (Viktor Funk)

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