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Abgehörte Telefonate russischer Soldaten offenbaren das Grauen – „Wir sind Wegwerfartikel“

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Von: Johanna Soll

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Die Militärführung interessiere sich „einen Scheißdreck“, ob sie lebend zurückkämen – das berichten russische Soldaten über den Ukraine-Krieg.

Kiew – Seit Russlands Machthaber Wladimir Putin Ende Februar seinen Krieg in der Ukraine begonnen hat, sterben dort russische Soldaten. Allerdings geht deren Todesursache zunehmend mehr auf versehentlichen Eigenbeschuss durch ihre Kameraden zurück, als auf Angriffe der ukrainischen Seite. Dies berichtet die unabhängige russische Nachrichtenwebsite iStories.

Als Gründe für Russlands tödliche Pannen in dem Ukraine-Konflikt werden betrunkene Soldaten, nachlässige Kommandeure und der ungeschickte Einsatz von Waffen genannt. Durch abgehörte Telefonate russischer Soldaten mit Verwandten und Freunden zu Hause wurde offengelegt, wie sie sich über die Gefahren und den Umgang an der Front beklagen.

Russischer Soldat: „Du hast nichts zu essen, du trinkst aus Pfützen“

Der ukrainische Geheimdienst veröffentlichte eine Audiodatei, bei der es sich angeblich um ein Telefonat eines russischen Soldaten mit seiner Mutter handelt. Der Mann berichtet, dass gerade Verstärkung geschickt wurde, weil „20 Leute weg sind“. Diese seien von eigenen Panzern beschossen und getötet worden – „Drecksäcke“. „Ich sage dir, es gibt mehr Verluste durch unsere eigenen [Jungs]“, als durch die Ukrainer, sagte er.

Russische Soldaten bei Schießübung – Videostandbild vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums
Russische Soldaten bei Schießübung – Videostandbild vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums © dpa/Russian Defense Ministry Press

Ein anderer angeblicher russischer Soldat beschwerte sich in einer Tonaufnahme bei einem Freund zu Hause. Ihm zufolge interessiere sich die Militärführung „einen Scheißdreck“, ob ihre Soldaten lebend zurückkämen. „Es ist kein Krieg, es ist ein Desaster. Das ist kompletter Irrsinn“, sagte er. „Die einzige Antwort der Führung: Es gibt 300.000 von euch, im Grunde ist es uns scheißegal.“ Weiter sagte er zu seinem Freund: „Komm bloß nicht hierher, denn du weißt, dass es kompletter Scheiß ist. Nur auf dem [staatlichen] Ersten Kanal gibt es verdammte Panzer, hier ist verdammt noch mal nichts, Bruder. Hier gibt es nichts, du hast nichts zu essen, du trinkst aus Pfützen.“

Dmitri Panow, ein 30-jähriger aus Moskau, sagte gegenüber dem unabhängigen russischen Medium Mediazona, er habe sich im Sommer freiwillig zum Krieg gemeldet, sich dann aber geweigert, weiterzukämpfen, nachdem Kommandeure versehentlich ihre eigenen Männer in Nowoseliwka in der Region Donezk getötet hatten. „Wir sind nur Fleisch. Sie wollen uns nicht kennen, sie behandeln uns wie eine Art Tiere, die zum Schlachten geführt werden“, sagte Panow.

Russische Truppen auf der Krim weigern sich zu kämpfen

Die Kommandeure hätten sich nicht einmal die Mühe gemacht, Panows Einheit darüber zu informieren, dass ihr Standort in der Region Charkiw bereits der Ukraine überlassen worden war. Danach habe man realisiert, „dass wir Wegwerfartikel sind“. Diese Erkenntnis breitet sich innerhalb der russischen Truppen, die in der Ukraine kämpfen, immer weiter aus. Ein ganzes Bataillon auf der Krim hat sich nun geweigert zu kämpfen, weil die Soldaten nicht „umsonst sterben“ wollen, heißt es auf Telegram. In Kiew zeigt man sich optimistisch, die annektierte Halbinsel bald befreien zu können.

Eigenbeschuss kommt laut Fachleuten in jedem Krieg vor, doch, so berichtet iStories, die Anzahl der aus den eigenen Reihen getöteten russischen Soldaten sei in den letzten Monaten stark gestiegen und übertreffe alles bisher Dagewesene. (Johanna Soll)

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