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Russische Soldaten streiken: Wut in Tschuwaschien – Putin bleibt wohl Gelder schuldig

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Von: Felix Durach

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Über 100 russische Rekruten haben auf einem Militärübungsplatz ihre Waffen niedergelegt und gegen den Kriegseinsatz protestiert. Sie fordern die versprochene Bezahlung.

Moskau – Die russischen Streitkräfte könnten im Ukraine-Krieg mittlerweile personell stark geschwächt sein. So haben russische Einheiten Berichten zufolge in der ostukrainischen Region Charkiw nur noch knapp 20 Prozent ihrer vorgesehenen Truppenstärke. Auch deswegen wird die russische Armee immer mehr in die Defensive gezwungen.

Das britische Verteidigungsministerium sieht Russland aktuell nicht einmal mehr in der Lage für eigene offensive Bemühungen. Putin braucht also neue Soldaten und rief deswegen im September die Teilmobilmachung aus, wie tz.de berichtet.

Russische Rekruten rufen zum Streik auf – versprochene Gelder wurden wohl nie gezahlt

Russische Rekruten wurden dabei auch mit hohen Gehältern und Boni gelockt. Doch allem Anschein nach werden diese Gelder teils gar nicht ausgezahlt. Soldaten haben im Trainingslager Uljanowsk in der russischen Teilrepublik Tschuwaschien nun die Waffen niedergelegt und zum Streik aufgerufen. „Wir riskieren unser eigenes Leben und gehen für Ihre Sicherheit und Ihren Frieden in den sicheren Tod. Unsere Regierung weigert sich, uns die 195.000 Rubel zu zahlen, die uns Präsident Wladimir Putin versprochen hat“, zitiert das russische Exilmedium meduza.io aus einem Statement der Soldaten, das der Gefangenenrechtsorganisation gulagu.net vorliegt.

Russische Rekruten hören auf Anweisungen, während einer militärischen Ausbildung auf einem Schießplatz. (Symbolbild)
Russische Rekruten hören auf Anweisungen, während einer militärischen Ausbildung auf einem Schießplatz. (Symbolfoto) © Alexei Alexandrov/dpa

„Wir weigern uns, an der Spezialoperation teilzunehmen und werden Gerechtigkeit suchen, bis wir das Geld erhalten, das uns von der Regierung unter Führung des Präsidenten der Russischen Föderation versprochen wurde“, fordern die Soldaten weiter. Bei den Streikenden soll es sich dem Bericht zufolge um über 100 Rekruten aus Tschuwaschien handeln. Diese werden aktuell in Uljanowsk auf einen Einsatz in der Ukraine vorbereitet.

Russische Soldaten stellen ihre Ausbilder zur Rede – „Klar, dass wir verarscht wurden“

Den Rekruten wurde im Rahmen der russischen Teilmobilmachung ein monatliches Gehalt von 195.000 Rubel (umgerechnet 3.178 Euro) versprochen. Zusätzlich sollten alle Soldaten bereits wenige Tage nach ihrer Rekrutierung eine Einmalzahlung in Höhe von 300.000 Rubel (circa 4.889 Euro) erhalten. Die streikenden Rekruten aus Tschuwaschien erhielten nach eigenen Angaben keine der beiden Zahlungen.

Ein vom Telegram-Kanal „wütendes Tschuwaschien“ veröffentlichtes Video zeigt, wie die Streikenden ihre Ausbilder mit den Vorwürfen konfrontieren. Angesprochen auf die Einmalzahlung in Höhe von 300.000 Rubel erklärt der Ausbilder, dabei habe es sich lediglich um einen Vorschlag in der russischen Staatsduma gehandelt. Dieser sei jedoch kurze Zeit später abgelehnt worden. „Es ist klar, dass ihr uns hier erzählen wollt, dass wir verarscht wurden“, lautet die Reaktion eines wütenden Rekruten. Die Soldaten riefen den Ausbildern ebenso so zu, doch selbst an der Front zu kämpfen.

Den Berichten zufolge sollten daraufhin die Bereitschaftspolizei und die russische Nationalgarde die Situation deeskalieren. Der Telegram-Kanal „wütendes Tschuwaschien“ meldete später, die Rekruten hätten sich „beruhigt“. Weitere Details nannten die Betreiber nicht.

Russische Teilmobilisierung geht wohl im Verdeckten weiter – Trotz offiziellem Ende

Im Rahmen der von Präsident Putin ausgerufenen Teilmobilmachungen wurden nach russischen Angaben insgesamt 300.000 Reservisten für einen Einsatz in der Ukraine herangezogen. Die Soldaten sollen vor allem dabei helfen, die russische Frontlinie zu halten und vor ukrainischen Rückeroberungen zu beschützen. Der Kreml erklärte vor wenigen Tagen, die Mobilisierung sei mittlerweile abgeschlossen. Weitere Mobilisierungen seien zudem nicht geplant.

Wie der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) in seinem täglichen Lagebericht berichtet, melden aber zahlreiche russische Quellen weitere Rekrutierungsmaßnahmen im Land. So hätten Männer in den Städten Tjumen und St. Petersburg noch am 31. Oktober Einzugsbefehle erhalten. Auch in den besetzten ukrainischen Städten Melitopol und Mariupol werden offenbar weiter Ukrainer eingezogen.

Putins Teilmobilisierung per Dekret zu beenden? Kreml-Sprecher lehnt ab

Russische Journalisten haben darüber hinaus erfahren, dass der Central Military District in Jekaterinburg die Mobilisierungsmaßnahmen erst dann stoppen werde, wenn Putin die Teilmobilisierung per Dekret beende. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow stellte mit Blick auf die Berichte am Dienstag klar, dass es kein solches Dekret von Kremlchef Wladimir Putin geben werde: „Wir teilen mit: Ein Erlass ist nicht nötig.“ Die Kreiswehrersatzämter seien per Telegramm informiert worden und dürfen nun keine weiteren Reservisten mehr einziehen.

Der australische Militär-Experte Mick Ryan sieht die Mobilisierung von weiteren Soldaten sogar als eine zentrale Säule der russischen Strategie an. Die zum Teil gelichteten Reihen der russischen Armee sollen somit aufgefüllt und auf weitere Offensivoperationen in der Zukunft vorbereitet werden. Das schrieb der Generalmajor a.D. auf Twitter.

Russlands Teilmobiliserung abgeschlossen – Kreml ruft dennoch 120.000 Wehrpflichtige ein

Unabhängig von der Teilmobilisierung hat zum 1. November auch ein neuer Wehrpflichtzyklus in Russland begonnen. Wie Verteidigungsminister Schoigu erklärte, wurden dabei 120.000 Wehrpflichtige zum Dienst einberufen. Der Leiter der Hauptorganisations- und Mobilisierungsdirektion des russischen Generalstabs, Yevgeniy Burdinsky, betonte jedoch, dass die Wehrpflichtigen nicht an Kampfhandlungen in der Ukraine teilnehmen sollen. Auch Einsätze in den völkerrechtswidrig annektierten Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja wurden zumindest offiziell ausgeschlossen.

Russland konnte seine halbjährlichen Wehrpflichteinberufungen in den letzten Jahrzehnten immer ohne größere Probleme durchführen. Sollte es nun im Herbst zu Problemen kommen, würde das nach Einschätzung des ISW auf einen schlechter werdenden Zustand der russischen Militärstruktur hinweisen. (fd/dpa)

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