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Prigoschin wird immer mächtiger – Von „Putins Koch“ zur „Stimme des Volkes“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Inmitten des Ukraine-Kriegs baut Wagner-Chef Prigoschin seine Macht in Russland aus. Könnte „Putins Koch“ den Kreml-Chef aus dem Amt drängen?

Moskau – Während Kreml-Chef Wladimir Putin im Krieg gegen die Ukraine weiterhin Niederlagen sammelt, machen sich in seinem Rücken potenzielle Nachfolger bereit. Unter ihnen: Jewgeni Prigoschin, Gründer der berüchtigten Söldnerarmee Gruppe Wagner. Der als „Putins Koch“ bekannt gewordene Unternehmer erlangt in Russland immer größere Beliebtheit. Wird er zur Bedrohung für den russischen Präsidenten?

Trotz des Terrors aus der Luft, mit dem die ukrainische Bevölkerung mürbe gemacht und die Energie-Infrastruktur des Nachbarlandes zerstört werden soll, gelingt es den russischen Verbänden nicht, langfristige Erfolge an der Front zu verbuchen. Für das russische Selbstverständnis wird der Ukraine-Krieg mehr und mehr zur Farce. Die einst stolze russische Armee hat in der Heimat sowie auf internationaler Ebene ihren Ruf als zweitstärkstes Militär verloren, sie wird von zahlreichen Beobachter:innen mittlerweile als Chaos-Truppe angesehen.

„Putins Koch“ wird im Ukraine-Krieg immer mächtiger

Putin setzt das in Russland massiv unter Druck. Nachdem es dem Staatschef in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen war, ein florierendes Wirtschaftssystem auf die Beine zu stellen, begann er seine Herrschaft mit militärischer Größe zu rechtfertigen. Putin führte Reformen beim Militär durch, doch offenbar sickerten viele vom Staat zur Verfügung gestellten Gelder in die Taschen des korrupten Beamtenapparats. Darauf deutet zumindest der desolate Zustand im Ukraine-Konflikt hin.

Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin baut in Russland seine Macht aus. (Archivbild) © imago

Jewgeni Prigoschin wird im Zuge dieser Entwicklungen möglicherweise gefährlich für den Kreml-Chef. Dass der 61-Jährige nach mehr Macht strebt und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, zeigen seine letzten Äußerungen, in der er hart die russische Führung kritisierte. Anfang November sagte der prominente Kreml-Gegner Michail Chodorkowski, dass Prigoschin mittlerweile ungewöhnlich mächtig sei. „Putins Koch“ verfüge über ein „hohes Maß an Einfluss“, erklärte Chodorkowski.

Prigoschin wird in Russland zur „Stimme des Volkes“

Am Samstag (19. November) bekam Prigoschin von dem ehemaligen Putin-Berater Sergei Markow großes Lob. Der Wagner-Gründer sei zur „Stimme des Volkes“ in Russland geworden, schrieb Markow im Messengerdienst Telegram. „Weil er die Wahrheit sagt“, erklärte der frühere Mitarbeiter des Präsidenten.

Prigoschin hatte zuvor schwerreiche russische Oligarchen dazu aufgefordert, den Krieg in der Ukraine tatkräftiger zu unterstützen. „Das Wichtigste, was nicht geschehen ist, ist die Mobilisierung der Eliten. Oligarchen und andere Vertreter der Elite, die im Zustand des unendlichen Komforts lebten und weiterhin leben“, schrieb der Unternehmer vor zwei Wochen in seinem Telegram-Kanal. Auch der Oligarchen-Nachwuchs dürfe nicht auf der faulen Haut liegen. „Solange ihre Kinder nicht in den Krieg ziehen, wird es keine vollständige Mobilisierung des Landes geben“, so Prigoschin.

Sergei Markow findet Gefallen an dieser klaren Kante. „Die russischen Oligarchen haben ihre Milliarden nicht in der Realität verdient, sondern sie bei der Aufteilung des gemeinsamen sowjetischen Vermögens geschickt weggeschnappt. Und jetzt versuchen sie, ihre Staatsbürgerschaft in eine israelische oder armenische oder usbekische umzuwandeln und diese Milliarden zu stehlen.“

Stellt sich der Koch in Russland gegen Putin?

Fachleuten zufolge kommen diese deutlichen Worte auch bei der russischen Bevölkerung an. Iwan Klyszcz, Experte bei der Denkfabrik „International Centre for Defence and Security“ (ICDS), hält es für möglich, dass Prigoschin den Kreml-Chef herausfordern könnte. „Wahrscheinlich wird er versuchen, seinen Einfluss in der landesweiten Politik auszuweiten. In dieser Hinsicht wird Putin gezwungen sein, ihm entgegenzukommen“, sagte Klyszcz dem US-Magazin Newsweek. Andernfalls riskiere Wladimir Putin, „einen mächtigen Verbündeten zu verprellen“. Dann könne sich „Putins Koch“ tatsächlich gegen seinen Chef wenden.

Einen Hinweis, wie angespannt die Situation im Machtapparat ist, gibt zudem eine mutmaßliche E-Mail eines Whistleblowers des russischen Inlandsnachrichtendienstes FSB. „Der FSB ist nicht bereit für den internen Terror, und Prigoschin und Kadyrow glauben, dass ihre Zeit gekommen ist und sie sich jetzt zu profilieren. Beide erkennen, dass sie für Putin nicht mehr notwendig sind, wenn sie aufhören zu kämpfen und einen Dialog beginnen“, schrieb der angebliche Geheimdienstler. (tvd)

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