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G20-Gipfel auf Bali: Warum ein Russland-Rauswurf so unwahrscheinlich ist

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Von: Tim Vincent Dicke

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Russland führt einen blutigen Krieg. Nicht nur die Ukraine fordert daher einen Ausschluss aus der G20. Doch das Vorhaben ist kaum umzusetzen.

Moskau/Denpasar – In zwei Wochen startet der G20-Gipfel auf Bali. Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer treffen sich auf der indonesischen Insel, um sich über Politik- und Wirtschaftsfragen auszutauschen. Eine Frage steht im Raum wie ein Elefant im Porzellanladen: Wird Russland trotz des Überfalls auf die Ukraine teilnehmen?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte vergangene Woche wegen der neuen Blockade von Getreideexporten durch Moskau einen Ausschluss Russlands aus der G20 gefordert. Selenskyj reagierte auf die russische Entscheidung, die Vereinbarung zu den Getreideausfuhren über ukrainische Schwarzmeerhäfen auszusetzen.

G20-Gipfel in Bali: Ukraine fordert Russland-Aus

„Algerien, Ägypten, Jemen, Bangladesch, Vietnam – diese und andere Länder könnten unter einer weiteren Verschärfung der Nahrungsmittelkrise leiden, die Russland bewusst provoziert“, sagte Selenskyj in einer Videoansprache am Samstagabend (29. Oktober). „Warum kann eine Handvoll Personen irgendwo im Kreml entscheiden, ob es Essen auf den Tischen der Menschen in Ägypten oder in Bangladesch geben wird?“

Wladimir Putin lacht
Wird Wladimir Putin in zwei Wochen mit am G20-Tisch in Bali sitzen? (Archivbild) © Denis Balibouse/AFP

Nötig sei eine starke Reaktion der Vereinten Nationen, aber auch der Gruppe wichtiger Industrie- und Schwellenländer. „Russland gehört nicht in die G20“, sagte Selenskyj. Schon seit September verzögere Russland die gemeinsam mit den UN, der Türkei und der Ukraine durchgeführten Kontrollen von Schiffen vor Durchfahrt durch den Bosporus. Dort steckten 176 Schiffen mit etwa zwei Millionen Tonnen Getreide im Stau.

Rauswurf-Idee „ziemlich selbstgefällig von den westlichen Ländern“

Auch der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleg Nikolenko, sprach sich für einen Ausschluss Russlands aus dem Block der Länder aus. „Mit seinen blutbefleckten Händen darf er nicht mit den Staats- und Regierungschefs der Welt an einem Tisch sitzen. Putins Einladung zum Bali-Gipfel muss widerrufen werden, und Russland muss aus der G20 ausgeschlossen werden“, schrieb Nikolenko am Dienstag (1. November) auf Twitter. Die Angriffe auf Zivilist:innen und die Energieinfrastruktur seien verurteilenswert.

Doch Fachleuten zufolge ist ein Ausschluss der Russischen Föderation unwahrscheinlich. Außerhalb der westlichen Hemisphäre habe die Verurteilung des Ukraine-Kriegs keinen allzu großen Widerhall gefunden, erläutert Jonathan Eyal, stellvertretender Direktor der britischen Denkfabrik „Royal United Services Institute“.

„Es war ziemlich selbstgefällig von den westlichen Ländern, auf die Idee zu kommen, Russland aus dem G20-Gipfel herauszuwerfen“, sagte Eyal dem US-Magazin Newsweek. „Die indonesischen Gastgeber des G20-Gipfels haben von Anfang an deutlich gemacht, dass sie keine solche Absicht haben. Es gibt absolut keinen Konsens in der G20 zu diesem Thema“.

Nimmt Putin am G20-Gipfel teil?

Die Abstimmung der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) im März, bei der Russlands Invasion mit großer Mehrheit verurteilt wurde, sei „von westlichen Diplomaten als großer Sieg angepriesen“ worden. Trotzdem hätten es USA, EU und die anderen westlichen Partner versäumt, ihr Narrativ zum Ukraine-Konflikt gegenüber ärmeren Ländern schlüssig zu erklären.

„Im Globalen Süden ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Russland dazu angestachelt, gereizt, provoziert wurde. Es gibt eine tiefe Abneigung gegen den Westen wegen seiner kolonialen Vergangenheit und allem anderen, die definitiv viel stärker ist als jeder Verdacht gegen Russland“, sagte Eyal gegenüber Newsweek.

Nach Kreml-Angaben ist noch nicht entschieden, ob der russische Präsident Wladimir Putin am G20-Gipfel teilnehmen wird. Es wäre auch möglich, dass die russische Führung andere hochrangige Regierungsmitglieder wie Außenminister Sergej Lawrow nach Indonesien schickt. (tvd/dpa)

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