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Ukraine-Krieg: Studiogast übt seltene Kritik an Russland und wettert gegen „Clowns“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Sendung des russischen Staatsfernsehens
„Es ist wirklich unangenehm, wenn man verspottet und ausgelacht wird“, klagt ein Gast in einer russischen Sendung über den Ukraine-Krieg. © Francis Scarr/Twitter (Screenshot)

Ungewöhnliche Kritik im russischen Staats-TV: Überall werde gelogen, Russlands Armee sei gar nicht so stark wie immer behauptet, poltert ein Gast.

Moskau – Nach der Niederlage in der südukrainischen Stadt Cherson herrscht in Russlands Staatsmedien Tristesse. Erst kürzlich hatte sich Top-Propagandist Wladimir Solowjow in seiner eigenen Talkshow aufgeregt und jammerte regelrecht über die aktuelle Situation im Ukraine-Konflikt. Nun legt ein Gast einer staatlichen TV-Sendung nach – und teilt gegen „Clowns“ aus, die Russlands militärische Fähigkeiten deutlich überschätzt hätten.

In einem Beitrag der Sendung Pravo Znat (zu Deutsch: Recht auf Wissen) bezeichnet der Journalist und Politikwissenschaftler Maxim Jusin den Rückzug der russischen Truppen als „traurigen Verlust“. In dem angegriffenen Land sorgte die Befreiung dagegen für großen Jubel. „Meine Stadt, wo ich geboren bin und mein gesamtes Leben verbracht habe, ist endlich frei“, sagte eine 17-jährige Ukrainerin mit Tränen in den Augen laut der Nachrichtenagentur AFP.

Russlands Staats-TV wundert sich über Optimismus im Ukraine-Krieg

Hochgeladen und übersetzt hat den aktuellen Clip der BBC-Journalist Francis Scarr. In wenigen Stunden sahen sich mehr als 180.000 Menschen das Video an. „Der Verlust von Cherson hat im russischen Staatsfernsehen eine Unzufriedenheit ausgelöst, wie ich sie in diesem Krieg noch nicht gesehen habe“, kommentierte Scarr.

Maxim Jusin erregt sich in der Talkshow über den militärischen Optimismus, den einige in Russland versprüht hätten. Die russischen Besatzer hatten nach der Eroberung große Schilder an Straßen in und um Cherson aufgehängt, auf denen verlautet wurde, dass die Stadt nun „für immer Russland“ angehöre und nie von dem Riesenreich aufgegeben werde. Ukrainer:innen haben die meisten der Plakate nach der Befreiung abgerissen.

„Haben diese Leute nicht gewusst, wie schwierig es sein würde, die Stadt zu halten?“, fragt Jusin empört und verweist auf ukrainische Medien, die sich nun über Russland lustig machen würden. „Es ist wirklich unangenehm, wenn man verspottet und ausgelacht wird“, klagt er, um dann hinzuzufügen, dass es im Ukraine-Krieg „aber noch unangenehmer ist, wenn wir selbst einen Vorwand liefern, um uns lächerlich zu machen.“

Wut auf „Clownerie“ in Russland

Der Politikwissenschaftler habe keinerlei Verständnis für die Zuversichtlichkeit, die insbesondere am Anfang des Überfalls auf die Ukraine geherrscht habe. „Warum hat man das auf diese Weise dargestellt?“, wundert sich Jusin. Der übertriebene Optimismus sei „unbegründetes Vertrauen, das in unserem Land immer wieder im Fernsehen zu hören ist“ – und sämtliche Erzählungen über die ach so überragende Kampfkraft der Kreml-Truppen ein „Märchen“.

„Sogar jetzt, angesichts dieser jüngsten Realitäten, sagen die Leute ‚wir werden die polnische Grenze erreichen. Wir werden Berlin, den Ärmelkanal und Lissabon erreichen‘. Und jetzt sehen die Leute, die das sagen, in der ganzen Welt und auch im Inland wie Clowns aus“, wettert Jusin. Diese „Clownerie“ sei für Russland nicht mehr hinnehmbar. Langsam wache die Bevölkerung auf und merke, dass die russische Armee viel schwächer sei. „Die Leute mögen es nicht, wenn sie wie Schafe behandelt werden.“ (tvd)

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