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Putin schickt Soldaten „ohne Socken“ in den Ukraine-Krieg

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Von: Florian Naumann

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Ein russischer Rekrut während einer Schießübung in Stawropol. © Ivan Vysochinsky/ZUMA/dpa

Der Winter könnte den Ukraine-Krieg verändern. Großbritannien sieht verheerende Missstände in Putins Armee – und leitet daraus eine Aufforderung ab.

New York/London – Der erste Winter im Ukraine-Krieg ist da. Schnee, Eis und Kälte werden Auswirkungen auf den weiteren Verlauf haben – doch die Verbündeten der Ukraine kommen zu recht unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Die USA schienen zuletzt in Richtung neuerlicher Verhandlungen zu lenken. Großbritanniens Verteidigungsminister Ben Wallace hingegen fordert den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj jetzt mehr oder minder deutlich zu weiteren Offensiven auf. Eines seiner Argumente: Teile der russischen Armee befänden sich in dramatischen Problemen.

Putins Armee in der Ukraine „ohne Essen und Socken“? Sunaks Minister will „Momentum bewahren“

„Eine russische Einheit wurde unlängst ohne Essen und Socken in den Einsatz geschickt und ohne allzu viele Gewehre. Das ist katastrophal für eine Person, die sich ins Feld begibt“, sagte Wallace dem US-Portal The Daily Beast in einem am Donnerstag (24. November) veröffentlichten Interview.

Ein Großteil der fähigen Soldaten auf russischer Seite sei bereits außer Gefecht, erklärte der Minister von Neu-Premier Rishi Sunak. Die Armee Wladimir Putins sei „ein Fleischwolf“. „Nur eine Nation, die sich nicht um ihre eigenen Leute schert, kann 100.000 von ihnen in Tod, Verletzung oder Desertation senden.“ Auch die USA hatten zuletzt von „echten Problemen“ der Besatzungstruppen im Ukraine-Krieg gesprochen. Bestätigte Verlustzahlen der russischen Streitkräfte gibt es allerdings nicht.

Wallace verknüpfte seine Darstellung dennoch mit einer klaren Forderung: Die Ukraine solle „den Druck hochhalten, das Momentum erhalten“, sagte er in dem Gespräch. „In Anbetracht des Vorteils, den die Ukrainer in Sachen Ausrüstung, Ausbildung und Qualität ihres Personals gegen demoralisierte, schlecht ausgebildete und schlecht ausgestattete Russen haben, wäre es im Interesse der Ukrainer, das Momentum den Winter über zu wahren.“

Ukraine: Russland mit enormen Verlusten? Neue Geheimdienstinfos aus London

Passend zu Wallace‘ Äußerungen veröffentlichte London am Freitagmorgen neue Geheimdienstinformationen über große Verluste unter den von Russland mobilisierten Reservisten. Viele der Verpflichteten würden trotz chronischer gesundheitlicher Einschränkungen in gefährliche Missionen geschickt, hieß es am Freitag im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums.

Unter anderem in der Region Donezk, rund um die Stadt Bachmut, seien mobilisierte Reservisten wohl in hoher Zahl gefallen. Es müsse dem Kreml Sorgen bereiten, dass eine zunehmende Zahl an Familien der Reservisten bereit sei, zu protestieren und sich notfalls deswegen verhaften zu lassen.

Im Herbst waren der Ukraine im Osten und Süden des Landes bedeutende Rückeroberungen gelungen – unter anderem die strategisch wichtige Großstadt Cherson war befreit worden. Allerdings hat das Land nach russischen Angriffen auf die Infrastruktur mit Problemen Gas-, Wärme- und Wasserversorgung zu kämpfen. Zugleich gab es zuletzt wieder russische Bombardements auf Cherson.

Ukraine-News: Johnson erhebt Vorwürfe gegen Deutschland – „Einzigartiges Verhältnis zur Wahrheit“

Die Forderungen aus London werfen auch noch einmal ein Schlaglicht auf unterschiedliche Positionierungen der westlichen Länder im Ukraine-Konflikt. Ein nicht namentlich genannter ukrainischer Militärbeamter lobte im Gespräch mit The Daily Beast den Einsatz Großbritanniens. London engagiere sich „außerordentlich“ – fehle bestimmtes Militärgerät, spüre die Regierung das Gesuchte in den Arsenalen der Verbündeten auf. Auch früh im Kriegsverlauf erfolgte Besuch des damaligen Premiers Boris Johnson lobte der angeblich für internationale Verbindungen zuständige Offizielle.

Andere Länder, etwa auch Deutschland, kritisierte Kiew hingegen wiederholt für Zögern bei der Lieferung bestimmter Rüstungsgüter. Auch Johnson selbst erhob erst in dieser Woche Vorwürfe gegen die Regierung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), aber auch gegen Frankreich. Paris habe vor der russischen Invasion eine bevorstehende Gefahr „geleugnet“, sagte Johnson dem Sender CNN Portugal, Deutschland sei an einem gewissen Punkt davon ausgegangen, dass es vorteilhafter sei, wenn die Ukraine im Falle einer Invasion die Waffen strecke. Die Bundesrepublik habe „ein einzigartiges Verhältnis zur Wahrheit“, klagte der Ex-Premier. Der damalige ukrainische Berlin-Botschafter Andrij Melnyk hatte ähnliche Anschuldigungen erhoben.

London scheint aber auch einer der vehementesten Gegner eines Verhandlungsfriedens in der Ukraine zu sein. US-Generalstabschef Mark Milley hatte zuletzt zwei Mal gesagt, die derzeitigen ukrainischen Rückeroberungen seien möglicherweise eine Gelegenheit für die Aufnahme von Verhandlungen über eine politische Lösung. Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt das allerdings ab. Ein „echter, dauerhafter und ehrlicher Frieden“ könne „nur durch die vollständige Zerstörung der russischen Aggression entstehen“, erklärte er am Freitag vergangener Woche (18. November). (fn mit Material von dpa und AFP)

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