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Russland ohne Strategie im Ukraine-Krieg – Experte sieht verzweifelten Putin

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Von: Tim Vincent Dicke

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Putins Verhalten zeigt einen „gewissen Grad an Verzweiflung“, sagt ein Fachmann. Verpuffen die letzten Drohungen des Kreml-Chefs?

Moskau – Im Ukraine-Krieg versucht Kreml-Chef Wladimir Putin das Bild eines Machthabers mit klarer Linie vorzugeben. Angeblich sei seine Strategie in der Ukraine unumstößlich, eine Alternative zu den Handlungen der russischen Führung nicht denkbar. Doch immer wieder fällt der russische Präsident mit einer Hin-und-Her-Politik auf. Die ständigen Drohgebärden – bis hin zur ultimativen Eskalation mit der Atombombe – macht das unglaubwürdig.

Rückblick: Im September drohte Putin dem Westen unverhohlen mit der nuklearen Option. In der Rede, in der er auch die Teilmobilmachung für den Ukraine-Konflikt ankündigte, sagte der Staatschef: „Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht ist, werden wir natürlich alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Russland und unser Volk zu verteidigen“, warnte Putin die Ukraine sowie die westlichen Partner. Um allen klarzumachen, dass Moskau es ernst meine, fügte er hinzu: „Dies ist kein Bluff.“

Russland im Ukraine-Krieg: Putins Atomdrohungen verpuffen

Die Äußerungen waren ein Wink mit dem Zaunpfahl auf die später durchgeführten Annexionen der ukrainischen Oblaste Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Russland sieht die vier Gebiete seit dem 30. September ebenso wie die besetzte Halbinsel Krim als eigenes Staatsgebiet an.

Sofort nachdem Putin die Annexionen verkündet hatte, ging im Westen die Angst um. Was geschieht, wenn die Ukraine diese Gebiete nun attackiert – oder gar massive Gebietsgewinne verzeichnet? Wird Putin dann Atomwaffen einsetzen? Schließlich hatte der Kreml-Chef zuvor unmissverständlich verdeutlicht, dass er russisches Gebiet mit allen Mitteln verteidigen wolle.

Putin
Putin droht und droht – doch seine Ankündigungen verlaufen im Sande. © Alexander Shcherbak/imago

Doch nur kurze Zeit später war klar, dass die Aussage „Dies ist kein Bluff“ vor allem eins war: ein Bluff. In der strategisch und propagandistisch wichtigen Stadt Cherson musste das russische Militär die bisher schwerste Niederlage hinnehmen. Die Ukraine konnte die südliche Hafenmetropole am 11. November befreien. Das Gebiet, das für immer Russland bleiben sollte – wie es auf Plakaten stand und im russischen Staatsfernsehen angepriesen wurde – war plötzlich von den russischen Besatzern befreit. Und was machte Putin? Er nahm die Niederlage nahezu kommentarlos hin, ohne seine schlimmsten Drohungen in die Tat umzusetzen.

„Verhalten Putins zeigt jetzt einen gewissen Grad an Verzweiflung“

Eine chaotische Strategie – wenn es denn überhaupt eine gibt – zeigt sich auch bei den ukrainischen Getreideexporten, die das russische Militär zu Beginn des Ukraine-Kriegs blockierte. Die Vereinten Nationen (UN) und die Türkei hatten im Juli erreicht, dass die Seeblockade ukrainischer Schwarzmeer-Häfen für Getreideexporte aufhoben wird.

Zwischenzeitlich setzte Russland das Abkommen für einige Tage aus und drohte mit einer Nichtverlängerung, was für die weltweite Versorgungslage eine Katastrophe wäre. Doch dann die erneute Rolle rückwärts: Für vier weitere Monate will sich Russland nun an das Abkommen halten.

Der britische Militärexperte Michael Clarke deutet die Entwicklungen als einen Hinweis darauf, dass sich der russische Präsident mehr und mehr in einer hoffnungslosen Lage befindet. „Das Verhalten Putins zeigt jetzt einen gewissen Grad an Verzweiflung. Denn ihm muss klar sein, dass es auf dem Schlachtfeld nicht gut läuft und dass er sich auf einen langen Kampf einstellen muss“, sagte der Gastprofessor für Kriegsstudien am King‘s College in London dem Wall Street Journal.

Kann Russland den Ukraine-Krieg nicht mehr gewinnen?

Clarke zufolge hätten Russlands erklärte Kriegsziele mehrere Phasen durchlaufen. Zur Erinnerung: Zum Beginn der Invasion wollte Putin mit einer „Blitzkrieg“-Taktik die gesamte Ukraine innerhalb weniger Wochen zu Fall bringen. Kiew sollte eingenommen, die ukrainische Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj entmachtet werden. Als dieser Plan scheiterte, fokussierte sich Russland auf den Süden und Osten des Landes – dort sind die Fronten allerdings verhärtet, Geländegewinne auf beiden Seiten nur schwer möglich.

Aktuell setzt die russische Militärführung auf eine Art Terror-Strategie gegen die Energie-Infrastruktur der Ukraine. Blackouts und eiskalte Wohnungen sind die Folge. Das Kalkül dahinter ist es, die Zivilbevölkerung zu brechen. Doch Clarke meint, dass ein militärischer Sieg für Russland nur schwer vorstellbar sei. Das Kriegsziel „läuft darauf hinaus, den Krieg so fortzuführen, dass sie nicht verlieren und dann einfach auf Zeit zu spielen“. (tvd)

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