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Russland und Belarus: Das Risiko einer Mobilisierung

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Von: Viktor Funk

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Für die Regime in Minsk und Moskau stellt die Ausweitung des Ukraine-Krieges eine Gefahr dar.

Minsk/Moskau – Sowohl in Russland als auch in Belarus versucht die Staatsführung rhetorisch, die Länder auf einen längeren Krieg beziehungsweise im Fall von Belarus auf eine Beteiligung am Ukraine-Krieg vorzubereiten. Erst Ende Mai wies der belarussische Präsident Aleksander Lukaschenko sein Militär an, an der südlichen Grenze „operative Kommandostrukturen“ aufzubauen. „Wir müssen handeln wie in Kriegszeiten“, sagte er, „aber noch ohne Krieg.“ Am 7. Juni begannen belarussische Truppen mit Gefechtsbereitschaftsübungen, meldete das Verteidigungsministerium in Minsk.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar spekulieren westliche Fachleute darüber, welche Rolle Lukaschenko in den Plänen des russischen Präsidenten spielt. Widerspricht er Wladimir Putin und hält er sich ganz heraus? Oder wartet er auf einen günstigen Zeitpunkt?

Russland: Welche Rolle spielt Lukaschenko in Putins Plänen?

Die zunehmend aggressivere Rhetorik in beiden Ländern dient der Vorbereitung auf mögliche Mobilisierungen. Doch genau dies ist für beide Diktatoren ein sensibles Thema.

Putin und Lukaschenko
Lukaschenko und Putin am 25. Juni in St. Petersburg. © Maxim Blinov / Imago Images

In den ersten zwei Monaten des Krieges gab es aus Belarus immer wieder Berichte über Manipulationen an den Bahnstrecken. Und ob die kriegsunerfahrene Armee des Landes tatsächlich in einen Krieg gegen Nachbarn ziehen will, die derzeit relativ erfolgreich Russland Widerstand leisten, ist unklar.

Das britische Internationale Institut für strategische Studien (IISS) gibt die Personalstärke der belarussischen Armee mit 45.350 Aktiven an – ein Viertel der ukrainischen Kräfte, die jedoch seit knapp vier Monaten gegen eine Übermacht bestehen müssen. Minsk muss zudem weitere harte westliche Sanktionen befürchten.

Stimmung in Belarus: Kriegseintritt könnte zu erneuten Protesten führen

Die eigentliche Unbekannte ist aber die Stimmung in Belarus und in Russland selbst. Kriegseintritt, beziehungsweise eine größere Mobilisierung, könnten zu Protesten führen. In Belarus ist der Widerstand gegen das Regime noch nicht sehr lange her (Mai 2020 bis März 2021). Und in Russland kam es in den vergangenen Monaten mehrfach zu Brandanschlägen auf Militärregistrierungsstellen.

Lukaschenko und Putin: Ein Kriegseintritt von Belarus könnte zu erneuten Protesten führen.
Lukaschenko und Putin: Ein Kriegseintritt von Belarus könnte zu erneuten Protesten führen. © MIKHAIL METZEL / afp

Zudem hat die russische Armee massive Probleme, Personal für die „militärische Spezialoperation“ zu rekrutieren – weil die „Fracht 200“ nun doch in zu vielen Regionen angekommen ist. Mit diesem Begriff wird in Russland seit der Zeit des sowjetisch-afghanischen Krieges der Transport der Särge getöteter Militärangehöriger bezeichnet. Tausende sind so bereits in ihre russische Heimat, fast ausschließlich ländliche Regionen, zurückgekehrt.

Russland: Regime schweigt weitgehend über Zahl der Gefallenen

Das russische Verteidigungsministerium hat bisher nur im März die Zahl Gefallener in der Ukraine aktualisiert: 1350. Seitdem schweig das Regime. Russische Journalist:innen, die selbst außerhalb des Landes arbeiten müssen, konnten aus öffentlichen Bekanntmachungen mehr als 3000 Fälle ermitteln. Und das britische Verteidigungsministerium, das eine intensive Analyse des Krieges in der Ukraine vornimmt, spricht von 15.000 bis 30.000 Toten.

Lukaschenko steht unter Druck – und schaltet in den Panikmodus

Bis jetzt können russische Militärangehörige, die hauptberuflich bei der Armee beschäftigt sind, sich der Absendung in die Ukraine verweigern, zum Beispiel durch Kündigungen. Sollte Russland offiziell mobilisieren, was Hardliner wie der nationalistische Donbass-Veteran Igor Girkin fordern, wird es für die Wehrpflichtigen eng – doch genau das könnte zum Widerstand gegen den Krieg führen. (vf)

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