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Russischer Außenminister Sergej Lawrow: Abstieg vom geachteten Diplomaten zum Paria von Putins Gnaden

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Von: Markus Hofstetter

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Sergej Lawrow erwarb sich in vielen Jahren seiner langen Karriere den Respekt seiner internationalen Kollegen. Inzwischen ist davon wenig übrig geblieben.

Moskau - In vielen Jahren seiner langen Diplomatenkarriere, die 1972 nach einem Abschluss am renommierten Moskauer Staatlichen Institut für internationale Beziehungen (MGIMO) in Sri Lanka begann, hat sich der russische Außenminister Sergej Lawrow den Respekt seiner Amtskollegen erworben. Doch seit der Annexion der Krim durch Russland ist dieser Respekt immer weiter erodiert. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat Lawrow sich mit seinen Aussagen endgültig de­s­a­vou­ie­rt, berichtet merkur.de.

Russischer Außenminister Lawrow: nennt OSZE eine vom Westen dominierte Organisation

Die Liste seiner Missgriffe ist lang. Zuletzt hat sich Lawrow, als er wegen eines verweigerten Visums nicht ins polnische Łódź zu einem OSZE-Ministertreffen reisen konnte, in Tiraden verstiegen. „Geist und Wortlaut der OSZE-Charta sind zerstört“, sagte er bei einer am 1. Dezember im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. Die OSZE werde vom Westen dominiert und habe damit ihre eigene Bedeutung als Vermittlerin verloren.

Die im Gebiet Donezk stationierten OSZE-Beobachter hätten vor Ausbruch des Kriegs die zunehmenden Angriffe der ukrainischen Armee auf die von Moskau unterstützten Separatisten im Osten der Ukraine ignoriert und ihr teilweise sogar geholfen. Es seien Fakten entdeckt worden, dass die OSZE sich an der Lenkung der Feuers auf Donezk und Luhansk beteiligt hätten. Polen „gräbt schon das ganze Jahr ein Grab“ für die Organisation, sagte er.

Russischer Außenminister Sergej Lawrow beim G20-Gipfel in Indonesien
Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist zu einem international vielfach gemiedenen Mann geworden. (Archivfoto) © Bay Ismoyo/dpa/picture alliance

Russischer Außenminister Lawrow: wirft dem Westen vor, sein Land zerstören zu wollen

Ähnlich lief es im Juni, als Lawrow wegen der Sperrung des Luftraums nicht nach Serbien reisen konnte. Der 72-Jährige kritisierte dies als „ungeheuerlich“, als eine „schändliche Bestrafung“ für ein Land, das gemäß seinen nationalen Interessen eigenständig seine Außenpolitik bestimmen wolle.

Im September hat Lawrow in der laufenden Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York dem Westen vorgeworfen, die Welt spalten zu wollen. „Es ist ihnen nicht mal mehr peinlich, offen zu erklären, dass es nicht nur die Absicht gibt, unserem Land eine militärische Niederlage zuzufügen, sondern Russland zu zerstören, zu zerstückeln.“

Russischer Außenminister Lawrow: Adolf Hitler hat jüdisches Blut gehabt

Sogar Papst Franziskus hat sein Fett weggekriegt. Der Heilige Vater hatte in einem Interview gesagt, dass Angehörige zweier ethnischer Minderheiten in Russland zu den „Grausamsten“ in Moskaus Militär in der Ukraine gehören. Diese Äußerung hat Lawrow daraufhin als „unchristlich“ verurteilt.

Steckbrief Sergei Wiktorowitsch Lawrow

Geburtstag: 21. März 1950

Geburtsort: Moskau

Ehefrau: Maria Lawrowa

Tochter: Ekaterina Lawrowa (*1982)

Studium: Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO)

Lawrow behauptete, dass Adolf Hitler jüdisches Blut gehabt hat. „Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind“, fuhr er in einem Interview mit italienischen Fernseher Rete4 fort. Das ging sogar Wladimir Putin zu weit, der sich dafür bei Israel entschuldigte.

Russischer Außenminister Lawrow verteidigt grausame Kriegsführung gegen die Ukraine

Auch die grausame russische Kriegsführung in der Ukraine verteidigt Lawrow vehement. Er rechtfertigt die gezielten Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur. „Diese Infrastruktur stützt die Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte und der nationalistischen Bataillone“, sagte er während einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. Gleichzeitig warf er der Nato und den USA eine ebensolche Kriegsführung in der Vergangenheit in Jugoslawien und im Irak vor. Zudem behauptet er, dass Moskaus Vorgehen auf eine möglichst geringe Anzahl ziviler Opfer abziele.

Lawrow hat ebenso die Vorwürfe gegen die ukrainische Regierung, sie wolle eine atomar verseuchte Bombe zünden, unterstützt. Er erklärte, es gebe „konkrete Informationen zu den Instituten in der Ukraine, die über entsprechende Technologien verfügen, solch eine „schmutzige Bombe“ zu bauen“.

Russischer Außenminister Lawrow: Ex-Bundesinnenminister nennt ihn „notorischen Lügner“

Diese Aussagen stehen im Gegensatz zu den Anfangsjahren seiner Karriere. Zwar galt er laut dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) während seiner Zeit als Ständiger Repräsentant Russlands bei den UN von 1994 bis 2004 als ein harter Vertreter der russischen Politik. Dennoch war er eine respektierte Persönlichkeit, die im Sicherheitsrat oft mit klugen Einlassungen, kantigem Humor und einer schillernden Persönlichkeit brillierte. Teil dieser Persönlichkeit war eine Vorliebe für Wodka und Zigaretten.

Doch anscheinend gab es schon damals Anzeichen, dass Lawrow auch eine andere Seite hat. So sagte der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (1978 - 1982) im März 2022 bei RTL, dass Lawrow „seit Jahrzehnten ein notorischer Lügner“ sei. 

Russischer Außenminister Lawrow: vom geachteten Diplomaten zum Paria

Lawrow wurde 2004 russischer Außenminister. Seine internationalen Kollegen bescheinigten ihm damals laut RND eine hohe Professionalität. Demnach hat er sich auf Verhandlungen akribisch vorbereitet, wählte seine Worte mit Bedacht und seine Erklärungen hatten einen Realitätsbezug. Doch das hat sich im Laufe der Jahre geändert, spätestens seit der Annexion der Krim 2014 ist dieser Wandel sichtbar.

Inzwischen ist Lawrow, der wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine auf der EU-Sanktionsliste steht, zu einem gemiedenen Außenseiter geworden. Er selbst reagiert brüsk darauf, zum Beispiel als er im September nach seiner Rede den Saal des UN-Sicherheitsrat in New York verlässt, ohne sich der Stellungnahmen anderer Länder anzuhören.

Russischer Außenminister Lawrow: für Putin nur noch Mittel seiner Macht

Halt findet er noch im Machtapparat des russischen Präsidenten. Doch wie lange noch? „Es entspricht der Logik des Putinismus, dass alle Mitglieder des Teams eines Herrschers, der seit zwanzig Jahren an der Macht ist, nur noch Mittel seiner Macht sind“, sagt Lilia Schewtsowa, eine frühere Kommilitonin Lawrows zu Studienzeiten, dem RND. Es sehe so aus, als ob Lawrow seinen guten Ruf für andere Vorteile oder Lebensziele geopfert habe.

Dabei scheint Lawrow sich aber verschätzt zu haben. Putin hat sich mit einem engsten Kreis von Vertrauten aus dem Geheimdienst- und Militärmilieu umgeben. Dazu zählen Nikolai Patruschew, Sergej Naryschkin und Alexander Bortnikow – nicht aber Lawrow. Der russische Außenminister soll nicht mal in die militärischen Pläne Putins vor dem Einmarsch in die Ukraine eingeweiht gewesen sein. Nur: Solange Lawrow die Propaganda des Kremls in der Welt hinausposaunt, wird Putin wohl an ihm festhalten.

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