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„Putin ist ein Narr“: Telefonate von russischer Soldaten zeigen desolate Moral

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Von: Tim Vincent Dicke

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Niedrige Kampfmoral im Ukraine-Krieg: Abgefangene Telefonate russischer Soldaten zeichnen ein desolates Bild der Armee von Wladimir Putin.

Kiew – Seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine läuft es für das russische Militär nicht so wie von Kreml-Chef Wladimir Putin erhofft. Von dem Scheitern des Angriffs auf die Hauptstadt Kiew zum Start der Militäroperation bis zur erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive – Russlands Ziele wurden seither verfehlt.

Dabei gibt es zwei wichtige Gründe: Zum einen stehen auf der gegnerischen Seite Kämpfer mit einer hohen Moral und westlichen Waffen, allerdings kämpfen die Russen auch gegen massive Probleme in den eigenen Reihen. Die russischen Truppen müssen schwere Verluste hinnehmen, Soldaten sind schlecht ausgerüstet, wissen oftmals nicht, warum sie eigentlich gegen die Ukraine kämpfen sollen.

Ukraine-Krieg: Telefonate russischer Soldaten von der Front

Einen guten Einblick in die Armee von Putin liefert nun die New York Times. Die US-Tageszeitung hat Aufzeichnungen von Tausenden Anrufen erhalten, die russische Soldaten im März tätigten – abgefangen wurden sie in der Region um Kiew. Wie das Medium berichtet, verbrachten Reporter:innen mehr als zwei Monate damit, die Telefonate zu übersetzen und deren Echtheit zu überprüfen. In der Vergangenheit waren bereits Telefonate russischer Kämpfer von der Front aufgetaucht, die ein extrem demoralisiertes Bild zeigten. Meist wurden die Gespräche von der ukrainischen Regierung oder dem Geheimdienst veröffentlicht.

Ukrainische Soldaten bewegen sich auf der Straße in dem befreiten Gebiet in der Region Charkiw, Ukraine.
Die ukrainischen Streitkräfte setzen den russischen Verbänden stark zu. © Kostiantyn Liberov/dpa

Dass viele Kombattanten zu Beginn der Kampfhandlungen überhaupt nicht wussten, dass sie in den blutigen Ukraine-Konflikt geschickt werden, belegen die Aufnahmen eindrucksvoll. „Niemand hat uns gesagt, dass wir in den Krieg ziehen würden. Sie haben uns einen Tag vor unserer Abreise gewarnt“, sagt ein Soldat, den die New York Times als Sergey identifizieren konnte, zu seiner Mutter.

Kämpfer Nikita beschwert sich am Handy bei einem Freund über die Situation: „Wir hatten zwei oder drei Tage Training. Wir wurden verarscht wie kleine Kinder.“ Auch Soldat Aleksey wurde im Unklaren über den bevorstehenden Krieg gelassen. „Ich habe nicht gewusst, was passieren wird. Sie sagten, es würde eine Übung geben. Diese Bastarde haben uns gar nichts gesagt.“

Russland will „den Leuten im Fernsehen nur etwas vormachen“

Die abgefangenen Gespräche geben Einblick in die gescheiterte Offensive auf Kiew, die Ende Februar begann und bis Anfang April andauerte. Im Vorfeld war die russische Militärführung davon ausgegangen, die Hauptstadt innerhalb weniger Tage bis Wochen einzunehmen, um die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj zu beseitigen und mit einer Marionettenregierung zu ersetzen. Auch westliche Geheimdienste und Beobachter:innen hatten diese Befürchtung. Doch die Ukraine konnte die Angriffe abwehren, am 29. März kündigte Russland an, seine Truppen aus der Region Kiew abzuziehen.

Aleksandr erklärt die Situation mit den Worten: „Putin ist ein Narr. Er will Kiew einnehmen? Es gibt für uns keinen Weg, das zu tun.“ Zu seiner Freundin sagt Sergey: „Sie wollen den Leuten im Fernsehen nur etwas vormachen: ‚Alles ist in Ordnung, es gibt keinen Krieg, nur einen Sondereinsatz.‘ Aber in Wirklichkeit ist es ein echter, verdammter Krieg.“

Später spricht Sergey mit seiner Mutter über das Scheitern der Kiewer Offensive. „Unsere Position ist beschissen. Wir fokussieren uns jetzt auf die Verteidigung. Unsere Offensive ist ins Stocken geraten.“ Seinem Vater beschreibt er: „Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sind abgebrannt. Sie haben eine Brücke und einen Damm gesprengt. Die Straßen wurden überflutet. Jetzt können wir uns nicht mehr bewegen.“

Gräueltaten an der Zivilbevölkerung im Ukraine-Krieg

Die russischen Truppen mussten bereits zum Start des Ukraine-Kriegs mit dramatischen Verlusten bei Soldaten und Material umgehen. Soldat Yegor wird von einem Verwandten gefragt, wie viele Kämpfer in seiner Truppe gestorben seien. Er antwortet: „Allein von meinem Regiment ein Drittel.“ Nikita teilt seiner Mutter mit: „Sechzig Prozent des Regiments sind schon weg.“

Die Soldaten aus Russland sprechen nicht nur über die Kampfhandlungen gegen ukrainische Kombattanten, sondern auch über das Grauen, das die Zivilbevölkerung über sich ergehen muss. Aleksandr sagt einem Verwandten: „Wir fuhren durch die Stadt und kehrten zu unserer Position zurück. Die Leichen lagen auf der Straße, niemand hatte sie aufgesammelt. (...) Da liegen Gliedmaßen verstreut herum, schon verdammt aufgedunsen. Niemand hebt sie auf. Es sind nicht unsere, es sind verdammte Zivilisten.“

Eine besonders drastische Szene schildert Sergey seiner Mutter. „Im Wald ist das Hauptquartier unserer Division. Ich bin dort hingelaufen und sah einen See aus Leichen. Zivilisten. Ein See. Ich habe noch nie so viele Leichen in meinem Leben gesehen. Ich konnte nicht mal sehen, wo dieser See endet“, sagt er am Telefon. Seiner Freundin gegenüber erläutert Sergey, dass sie den Befehl bekommen hätten, jeden Zivilisten zu töten, „den wir sehen.“ (tvd)

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