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Kampf gegen gottlosen Westen: Darum kann Putin auf Rückhalt der russischen Kirche zählen

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Von: Stephanie Munk

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Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gottesdienst in Moskau um Frühjahr 2022.
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gottesdienst in Moskau um Frühjahr 2022. © IMAGO/Sergey Fadeichev

Im Ukraine-Krieg kann Putin sich der Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche gewiss sein. Eine Expertin erklärt im Interview, wie der Krieg religiös gerechtfertigt wird.

München/Berlin - Es klingt paradox, aber die russisch-orthodoxe Kirche tritt nicht etwas als Kritiker, sondern als Unterstützer des Ukraine-Kriegs auf. Kirchenoberhaupt Kyrill I. segnet Panzer und Soldaten, die in den Krieg ziehen. Unermüdlich betont er die Einigkeit mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

Theologin und Wissenschaftlerin Dr. Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin ist Expertin auf dem Gebiet der russisch-orthodoxen Kirche. Im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA schildert sie, welche Ideologie hinter der Haltung der Kirche zum Ukraine-Krieg steht.

Theologin Regina Elsner promivierte zum Verhältnis der russisch-orthodoxen Kirche zur Moderne und ist seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin.
Theologin Regina Elsner promivierte zum Verhältnis der russisch-orthodoxen Kirche zur Moderne und ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin. © Privat

Im christlichen Glauben ist Gewalt eigentlich ein Tabu, es gilt das Gebot der Nächstenliebe. Offenbar untermauert die russisch-orthodoxe Kirche den Ukraine-Krieg aber ideologisch. Wie rechtfertigt sie dies? 

Die russisch-orthodoxe Kirche ist grundsätzlich auch gegen Krieg. Sie kennt aber, ähnlich wie die westlichen Kirchen, die Notwendigkeit zur Verteidigung, im Notfall auch mit Waffengewalt. Das militärische Vorgehen Russlands in der Ukraine rechtfertigt sie daher als Verteidigung. Denn die Bevölkerung der Ukraine ist in der Vorstellung der russisch-orthodoxen Kirche ein Teil der russischen Zivilisation. Neue nationale Grenzen sind quasi unerheblich. Die pro-europäischen Entwicklungen der Ukraine sind darum eine Bedrohung, denn sie würden diesen Teil der russischen Zivilisation zwingen, fremde Werte anzunehmen.

Den „Westen“ beschreibt die russisch-orthodoxe Kirche schon seit vielen Jahren als dekadent und gefährlich. Liberale und säkulare Werte bedeuten für sie ein Angriff auf traditionelle Kulturen und sind gleichbedeutend mit einer Absage an das Christentum. Russland ist nach dieser Auffassung der letzte Halt gegen diese Bedrohung, und auf dem Gebiet der Ukraine muss Russland nun Waffengewalt einsetzen, um die eigene Zivilisation vor der Vernichtung zu bewahren. In den Äußerungen der Kirchenleitung wird daher immer wieder betont, dass nicht Russland die Vernichtung und Zerstörung bringt, sondern der Westen. Man betet für den Frieden, für Versöhnung der Glaubensgeschwister und für ein Ende der Bedrohung durch externe Feinde.

Welche Rolle spielt Patriarch Kyrill I.? Wie hat er sich bisher im Ukraine-Krieg positioniert und mit welchen Argumenten?

Patriarch Kyrill war bereits in der Sowjetunion als Mitarbeiter des kirchlichen Außenamtes eine wichtige Person der Kirchenleitung. Dementsprechend war er bereits damals gut mit den politischen Eliten vernetzt. Seit 2009 ist er Patriarch. Er hat aber auch zuvor mit der Regierung Putins eng zusammengearbeitet und zahlreiche Kooperationsverträge zwischen Staat und Kirche initiiert.

Kyrill unterstützt in seinen Predigten und Grußbotschaften die Politik der Regierung ausnahmslos, so auch im Ukraine-Krieg. Er hat außerdem die Kirche intern so stark zentralisiert, dass zumindest unter den Bischöfen kein Widerspruch zu erwarten ist. Priester werden bei öffentlicher Kritik sanktioniert.

Verbündete: Patriarch Kirill I., Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, und Wladimir Putin.
Verbündete: Patriarch Kirill I., Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, und Wladimir Putin. © Mikhail Metzel/Imago

Gibt es innerhalb der russisch-orthodoxen Kirchen dann überhaupt auch Widerstand gegen den Ukraine-Krieg?

Ja, es gibt vor allem unter Priestern und Gläubigen durchaus Widerstand gegen den Krieg und vor allem gegen die religiöse Rechtfertigung des Kriegs. Allerdings ist diese Gruppe sehr klein und durch die vielen Repressionen quasi unsichtbar.

Im März gab es einen offenen Brief von knapp 300 Priestern, die den Patriarchen um eine klare Haltung gegen den Krieg baten. All diese Priester haben Verwarnungen durch ihre Bischöfe oder durch Sicherheitsorgane bekommen. Nur wenige wurden öffentlich abgestraft, aber das reicht als Abschreckung.

Die meisten orthodoxen Priester haben Familien und sind vollständig abhängig von ihrer Gemeindearbeit, sie sind darum leicht erpressbar. Insgesamt gibt es in Russland knapp 39.000 Priester, es ist also auch nur eine sehr kleine Gruppe, die bisher öffentlich aufgetreten ist. Viele versuchen, einfach für ihre Gemeinden da zu sein.

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Wie sind Kirche und Regierung in Russland miteinander verflochten?

Offiziell sind Kirche und Staat getrennt. Die Kirche selbst bezeichnet sich als unpolitisch, allerdings ist ihre äußerst konservative und traditionalistische Auffassung über das private und gesellschaftliche Leben eine deutliche Unterstützung der autoritären Politik. In der Neufassung der russischen Verfassung hat die Kirche drei ihrer wichtigen Anliegen durchsetzen können: die Erwähnung von Gott, die Festlegung der Ehe als den Bund zwischen Mann und Frau, und die Bedeutung der russischen Ethnie für Russland.

Welche Rolle spielt die Kirche und der Glaube allgemein für Russen, gibt es Unterschiede zu Deutschland?

Laut Statistik sagen 70 Prozent der Bevölkerung, sie seien orthodox. Allerdings gehen nur wenige Menschen regelmäßig in die Kirche, empfangen Sakramente oder beten – das ist ganz ähnlich zu Deutschland. Es ist also eher eine kulturelle Identifikation, weniger eine tiefe Religiosität. Darum funktioniert auch die politische Vermischung mit orthodoxen Argumenten so gut: Wenn man an das große orthodoxe Russland glaubt, verfängt die Argumentation der Verteidigung gegen die Gefahr aus dem Westen besser, als wenn es um christliche Botschaften der Nächstenliebe geht.

Zerstört durch russische Bomben: Eine Kirche in der ukrainischen Region Donezk.
Zerstört durch russische Bomben: Eine Kirche in der ukrainischen Region Donezk. © Alexey Kudenko/Imago

Wie reagiert die ukrainisch-orthodoxe Kirche auf die Haltung in Moskau?

Die ukrainisch-orthodoxe Kirche gehört historisch zum Patriarchat von Moskau und hatte nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 eine weitreichende Autonomie von Moskau erhalten. Seit Februar 2022 hat sie sich sehr deutlich von Moskau distanziert. Fast flächendeckend wird Patriarch Kyrill im Gottesdienst nicht mehr als Oberhaupt der Kirche genannt und die Kirchenleitung ist nicht mehr an die Anweisungen aus Moskau gebunden. Die Kirche betet für die ukrainische Armee und für den Frieden in der Ukraine, und die Gemeinden leisten intensive humanitäre Hilfe im ganzen Land.

Die Tatsache, dass Moskau den Krieg unterstützt, und dass das Leid der ukrainischen Gläubigen, die Kirchenzerstörungen und die Verbrechen der russischen Armee verschwiegen werden, reißt einen tiefen Graben zur russisch-orthodoxen Kirche.

Das Interview führte Stephanie Munk.

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