1. Startseite
  2. Politik

„Angst um mein Leben“: Ex-Wagner-Kommandeur berichtet von „Schock“ im Ukraine-Krieg

Erstellt:

Von: Bedrettin Bölükbasi

Kommentare

Russland im Ukraine-Krieg
Ein Kämpfer der Söldnertruppe „Wagner“, fotografiert in den Straßen von Soledar. © SNA / Imago Images

Ein Ex-Kommandeur von Putins Söldnertruppe „Wagner“ floh vor dem Ukraine-Krieg und beantragte Asyl in Norwegen. Er erzählt von Erschießungen.

München – Während der Ukraine-Krieg von Kreml-Chef Wladimir Putin weiter wütet, desertieren auf russischer Seite immer wieder einfache Soldaten, aber auch Kommandeure. Einer von ihnen ist offenbar Andrej Medwedew, ein Ex-Kommandeur der Wagner-Söldnertruppe, der inzwischen Asyl in Norwegen beantragt hat.

Ukraine-Krieg: Wagner-Kommandeur desertiert – Häftlinge als „Kanonenfutter“ in seiner Einheit

Laut der britischen Zeitung The Guardian überquerte er vergangenen Freitag (13. Januar) in der Nähe des Pasvik-Tals die Grenze zum skandinavischen Land. Medwedew habe nach seiner Festnahme durch Grenzschützer Asyl beantragt, teilte die lokale Polizei mit. Der Fall Medwedew ist dabei bislang einzigartig: Der Ex-Kommandeur ist der erste bekannte Wagner-Söldner, der nach einer Beteiligung am Krieg ins Ausland fliehen konnte, berichtet merkur.de.

Vor seiner Flucht schilderte er gegenüber der Zeitung seine Tage an der Front. Er sei schon im Juli vor dem Krieg geflohen, behauptete Medwedew. Er versteckte sich nach eigenen Angaben monatelang in Russland, ehe er nach Norwegen floh. Bei den Gefechten vor der schwer umkämpften Stadt Bachmut habe er einen Trupp angeführt, betonte der ehemalige Söldner. Seine Einheit habe dabei in erster Linie aus ehemaligen Gefängnishäftlingen bestanden. Der Ex-Kommandeur beschrieb die Rolle der Ex-Sträflinge als „Kanonenfutter“.

Der Ex-Wagner-Kommandeur Andrej Medwedew.
Der Ex-Wagner-Kommandeur Andrej Medwedew. © Screenshot/Twitter/@sternenko

Ukraine-Krieg: Ex-Kommandeur erlebt interne Wagner-Erschießungen mit

„Die Häftlinge werden als Kanonenfutter genutzt, als Fleisch“, sagte er The Guardian. Die Bilanz nach den Gefechten sei äußerst düster ausgefallen: In seinem Trupp seien nur drei von 30 Personen am Leben geblieben. „Dann wurden uns mehr Häftlinge gegeben, wovon auch die meisten gestorben sind“, so Medwedew. Der Ex-Söldner hatte selber wegen Diebstahls vier Jahre im Gefängnis verbracht.

Daneben sprach Medwedew auch von internen Erschießungen bei Wagner wegen Befehlsverweigerung. Er habe mindestens 10 solcher Fälle persönlich miterlebt. „Die Kommandeure haben sie auf ein Erschießungsfeld gebracht und sie wurden vor allen anderen erschossen“, erzählte er. Die grausame Behandlung der Häftlinge durch Wagner habe ihn zum Umdenken gebracht, sagte Medwedew: „Das hat uns bis zum Kern geschockt.“ Nachdem sein Vertrag ohne seine Zustimmung verlängert worden sei, habe er sich schließlich zur Flucht entschieden.

„Putins Koch“ sucht schon nach Ex-Wagner-Kommandeur – doch Medwedew an „sicherem Ort“

Inzwischen dürfte er es in Norwegen sicherer als in Russland haben, doch bei den Gesprächen mit der britischen Zeitung hatte er sich besorgt um sein Leben gezeigt. Immerhin könnte das Schicksal von Jewgeni Nuschin einiges über die Haltung von Wagner gegenüber Deserteuren aussagen. Nuschin war ein Wagner-Deserteur, der schließlich wieder über die Ukraine in die Hände der Söldnertruppe fiel und allem Anschein nach mit einem Schlaghammer brutal hingerichtet wurde. Medwedew enthüllte nun, dass er Nuschins Kommandeur war. Er befürchte dasselbe Schicksal: „Ich habe Angst um mein Leben.“

Seine Besorgnis scheint nicht unbegründet zu sein Der als „Putins Koch“ bekannte Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin erwähnte Medwedew in einem Beitrag im russischen sozialen Netzwerk VK. Auf Anfrage der norwegischen Zeitung Aftenposten bestätigte Prigoschin, dass Medwedew tatsächlich ein Wagner-Kommandeur gewesen sei und aktuell vom „Sicherheitsdienst“ der Söldnertruppe wegen „Misshandlung von Gefangenen“ gesucht werde. „Seid vorsichtig, er ist gefährlich“, hieß es in dem Beitrag weiter.

Medwedew erklärte dem Guardian mit, er sei bereit, jegliche Informationen zu Wagner, den Aktivitäten der Gruppe und Prigoschin preiszugeben. Das bestätigte auch sein norwegischer Anwalt: „Er hat sich dazu bereiterklärt, seine Erfahrungen aus der Wagner-Gruppe gegenüber Personen zu schildern, die Kriegsverbrechen untersuchen.“ Mittlerweile befinde sich der Ex-Kommandeur an einem „sicheren Ort“. (bb)

Auch interessant

Kommentare