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„Neues Ziel kremlfreundlicher Propagandisten“: Russen-Kampagne soll wohl Deutsche gegen Ukrainer aufbringen

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Von: Andreas Schmid

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Falschbehauptungen im Ukraine-Krieg: Hier wurde die Website Ukraine 24 missbraucht, es häuft sich jedoch auch Manipulation in und für Deutschland.
Falschbehauptungen im Ukraine-Krieg: Hier wurde die Website Ukraine 24 missbraucht, es häuft sich jedoch auch Manipulation in und für Deutschland. © IMAGO/Andre M. Chang

Der Ukraine-Krieg ist auch ein Informationskrieg, in dem die Kriegsparteien ihre Ziele mit Propaganda erreichen wollen. Russland hat dafür nun offenbar deutsche Internetnutzer ausgemacht.

München/Moskau – Geht es nach russischen Medien, sorgen geflüchtete Ukrainer in den Aufnahmeländern für regelrechtes Chaos. Verwüstete Züge, Brandstiftung, gezielter Sozialleistungsbetrug, Terror. Auf den ersten Blick wirken solche Berichte authentisch. Das hat System. Seit Jahren setzt der Kreml auf gezielt gesteuerte Propaganda.

„Klar prorussische Propaganda“: Wie Russland Videos von deutschen Medien manipuliert

Zuletzt kursierte ein Video, wonach ukrainische Geflüchtete beim Versuch, eine russische Fahne anzuzünden, ein Haus abgefackelt hätten. Das Video zeigte das Logo der „Bild“. Nur hatte die mit dem Clip überhaupt nichts zu tun. Wie die Faktenchecker von Correctiv recherchierten, war das Video manipuliert. Ähnliches berichtete im Sommer auch t-online. Im Internet kursierten prorussische Videos, die das Logo des Portals verwendeten, berichtet merkur.de.

Technisch würden Codes von deutschen Medien eingebunden und gar ganze Websites nachgebaut. „Nach dem Klick auf einen Link wirkt die Umgebung täuschend echt“, hieß es in dem Bericht. „Die Artikel, die man dort liest, und die Videos, die man dann mit dem Logo der Medienmarken anschauen kann, sind klar prorussische Propaganda.“

Diese Art der Desinformation sind aller Voraussicht nach Teil einer größeren russischen Strategie. „Wir befinden uns in Zeiten hybrider Kriegsführung“, sagte jüngst der österreichische EU-Politiker Lukas Mandl (ÖVP) zu IPPEN.MEDIA. Darunter versteht man eine Art des Krieges, die nicht nur die klassischen militärischen Mittel beinhaltet, sondern auch Angriffe über das Internet, seien es Hackerattacken oder gezielte Desinformationskampagnen.

Russische Propaganda: „Desinformation als Mittel der hybriden Kriegführung“

Das Bundesverteidigungsministerium ist sich dieser Gefahr bewusst. Schon 2016 warnte es vor „Desinformation als Mittel der hybriden Kriegführung“ – und sah eine gezielte russische Kampagne. „Durch sogenannte Internet-Trolle und politisch gesteuerte Medienkampagnen versucht der Kreml, Medien, Politik und öffentliche Meinung in den westlichen Gesellschaften zu beeinflussen.“

Das zeigte sich vor sechs Jahren als russische Medien über ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin berichteten. Die Tochter deutsch-russischer Eltern kehrte einen Tag, nachdem sie als vermisst gemeldet wurde, wieder nach Hause zurück und schilderte ihren Eltern, von drei südländischen Männern vergewaltigt worden zu sein. Wie sich zügig herausstellen sollte, handelte es sich dabei um eine Lüge. Nichtsdestoweniger griffen Russland nahestehende Medien wie RT (früher Russia Today) oder Sputnik die Geschichte auf, schmückten sie nach ihrem Belieben aus und warfen den deutschen Behörden Vertuschung vor.

Russische Desinformationskampagne soll Deutsche gegen Ukraine-Flüchtlinge aufbringen

Aktuell richtet sich die russische Propaganda vor allem gegen Ukrainer, die nach Europa geflüchtet sind. Offiziell sind es 7,9 Millionen Menschen. Die US-Zeitung Washington Post berichtet von einem „neuen Ziel kremlfreundlicher Propagandisten“: Die Europäer gegen die geflüchtete Ukrainer aufbringen. Deutschland stehe „im Mittelpunkt der Moskauer Informationskampagne“. Dabei setze Russland auf gefälschte Internetbeiträge, die Mark Zuckerbergs Tech-Gigant Meta als „die größte und komplexeste Operation russischen Ursprungs seit Beginn des Krieges“ bezeichnet.

Bisher ist unklar, ob dieses Ziel erreicht wird. „Lügen über ukrainische Flüchtlinge und Versuche, aus den Ängsten der Europäer Kapital zu schlagen, haben den öffentlichen Diskurs bisher nicht erfolgreich polarisiert oder geprägt“, heißt es in einer aktuellen, vom Europäischen Parlament unterstützten Studie des European Policy Center. Aber der Anteil der Informationen, die den ukrainischen Flüchtlingen gegenüber feindselig sind, „nimmt zu und erzeugt ein größeres Engagement in den sozialen Medien“, warnte die Studie.

Einige Falschbehauptungen lassen sich rasch widerlegen. So war etwa schnell klar, dass nicht ukrainische Geflüchtete in einer Regionalbahn randalierten, sondern Fans des FC Augsburg. Faktenchecks helfen dabei, Fake News aufzuklären, sind jedoch keineswegs der Weisheit letzter Schluss: Studien zeigen, dass sie a) von deutlich weniger Menschen gelesen werden als die ursprüngliche Falschbehauptung, die wiederum b) auch deshalb so erfolgreich ist, weil Fake News in sozialen Medien tatsächlich vom Algorithmus profitieren. Auch das kommt russischer Propaganda zugute. (as)

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