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Weizen als „stille Waffe“ im Ukraine-Krieg: Putin nutzt Panik vor Welthunger

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Von: Nail Akkoyun

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Als Reaktion auf westliche Sanktionen im Ukraine-Krieg droht Wladimir Putin unter anderem mit Exportverboten von Weizen. Eine „stille Waffe“ oder ein Trugschluss?

Moskau – Nachdem Russland den Angriff auf die Ukraine begonnen hatte, reagierte der Westen mit mehreren Sanktionspaketen. Der russische Präsident Wladimir Putin konterte prompt und drohte mit unterschiedlichen Exportverboten, etwa für Öl, Gas und Düngemittel – aber auch für Weizen. „Wir werden nur noch Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte an unsere Freunde liefern“, schrieb das ehemalige russische Staatsoberhaupt Dmitri Medwedew am 01. April auf Telegram. Dabei nannte Medwedew Lebensmittel eine „stille Waffe“ im Ukraine-Krieg.

Zweifelsohne handelt es sich bei Weizen um einen wertvollen Rohstoff, der praktisch überall auf der Welt gefragt ist. Doch „die wirkliche Gefahr ist nicht eine weltweite Weizenknappheit, sondern eine angstgetriebene Panik, die die Preise in die Höhe treibt und die wirklich Hungernden ausschließt“, zitierte die New York Times einen Agrarökonomen. Bei Weizen stellt sich aktuell die Frage, wer ihn bekommt – und zu welchem Preis. „Wenn alle ruhig bleiben, ist genug für alle da“, sagte Angie Setzer, Mitbegründerin von Consus, einer Beratungsgruppe für Landwirtschaft und Landwirtschaft. „Aber im Moment sind wir im Ausrastermodus.“

Ukraine-Krieg sorgt für hohe Weizennachfrage: „Selbsterfüllende Prophezeiung“

Die Gefahr bestehe darin, dass die Panik die Preise in die Höhe treibt und Brot für alle unerschwinglich wird, die die Marktpreise nicht zahlen können. „Alle sagen, dass der Preis wegen der Inflation steigen muss, die Leute kaufen, weil sie glauben, dass er steigen muss, und er steigt“, erklärte Setzer im Gespräch mit der New York Times. „Und dann sagen alle: ‚Seht ihr, wir haben Inflation‘ - und das ist die schönste selbsterfüllende Prophezeiung der Welt.“

Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auch auf die Macht russischer Exportgüter. Zu Recht? (Archivfoto)
Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auch auf die Macht russischer Exportgüter. Zu Recht? (Archivfoto) © Alexander Zemlianichenko/dpa/AP

Eben jene Prophezeiung erfüllte sich Anfang März selbst, wenige Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Getreidepreise stiegen auf ein Allzeithoch, in einigen Medien war von einer drohenden Lebensmittelknappheit die Rede. Kurz darauf verhängten erste Länder Beschränkungen für die Ausfuhr von Nahrungsmitteln, was den Effekt nur noch verstärkte. Dabei herrschte zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Lebensmittelknappheit, sondern nur die bloße Angst davor.

Bis Anfang April waren die Preise wieder gesunken, auch die Gemüter schienen sich abzukühlen. Doch Wladimir Putin reagierte: Am 05. April deutete der russische Präsident an, dass eine Verknappung von Düngemitteln „unvermeidlich“ sei. Russland müsse die Ausfuhren „in Länder, die uns feindlich gesinnt sind“ daher sorgfältig überwachen. Viele solcher Drohungen und Andeutungen wurden allerdings noch nicht gänzlich in die Tat umgesetzt.

Russische Sanktionen im Ukraine-Krieg würden vor allem ärmere Länder treffen

Dass Putin eine weltweite Nahrungsmittelkrise auslösen kann, ist ohnehin unwahrscheinlich. Treffen würden die Maßnahmen aus Moskau wohl vor allem die Menschen, die bereits hungern. „Die wirkliche Sorge gilt den viel ärmeren Ländern, die nicht mit den reicheren Ländern der Welt konkurrieren können“, sagte Angie Setzer. „Wir wissen, dass dadurch Menschen verhungern werden. Aber das spielt keine Rolle angesichts eines Inflationshandels.“

Schließlich handelt es sich bei Russland seit 2017 um den größten Weizenexporteur der Welt. Im Herbst 2021 schätze die Financial Times, dass das Land bis zu einem Drittel der Weizenimporte für den Nahen Osten und Afrika liefert. Putin verfügt daher durchaus über eine unverhältnismäßige Macht über die Hungernden der Welt. Die wohlhabenderen Staaten können jedoch einiges unternehmen, um diese Macht zu brechen.

Hohe Weizenpreise finanzieren auch Putins Krieg in der Ukraine

Hohe Weizenpreise helfen dabei, den Krieg in der Ukraine zu finanzieren. Je länger Wladimir Putin die Lebensmittelpanik hinauszögern kann, desto mehr Schaden kann er in den Entwicklungsländern anrichten, und desto besser wird seine Verhandlungsposition in der Ukraine sein. „Es wäre ein ziemlich weit hergeholtes Szenario, dass die weltweiten Lebensmittelpreise so stark ansteigen, dass Getreide zu einer Kriegswaffe wird“, sagte Sami Halabi, Politikdirektor eines in Beirut ansässiges Forschungsinstituts, gegenüber der Times. „Aber in vielerlei Hinsicht ist es das bereits.“ (nak)

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