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Ukraine-Krieg: Kippt die Stimmung in Russland? „Putins größte Bedrohung ist er selbst“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Die vorläufige Bilanz des Ukraine-Kriegs ist für Wladimir Putin miserabel. Jetzt wird auch die Kritik im autoritär regierten Russland größer.

Moskau – Lange galt Kreml-Herrscher Wladimir Putin als unantastbar. Nicht ohne Grund: Seit Jahrzehnten zieht er in Russland die Fäden, setzt treue Verbündete in den Schaltstellen der Macht ein, lässt Oppositionelle und regierungskritische Medien unterdrücken. Doch mit dem bisher misslungenen Feldzug gegen die Ukraine wird die Kritik immer lauter. Wird das zur Gefahr für den mit harter Hand regierenden Staatschef?

Grund für die Kritik ist vor allem die erfolgreiche Gegenoffensive des ukrainischen Militärs im Osten und Süden der Ukraine. Innerhalb weniger Wochen konnte die Armee von Präsident Wolodomyr Selenskij große Teile des zuvor besetzten Gebiets zurückerobern.

Sollte Putin Armenien keine militärische Unterstützung zukommen lassen, könnte dies die Schwäche von Russlands Militärbündnis offenbaren.
Der Ukraine-Krieg verläuft für Kreml-Chef Wladimir Putin bisher nicht so wie erhofft. © Alexandr Demyanchuk/dpa

Ukraine-Krieg: Krim-Veteran Girkin übt Kritik an Putin

Sogar unter den größten Putin-Freunden sind mittlerweile Misstöne zu hören. „Die Spezial-Militäroperation ist völlig gescheitert“, sagte schon im Mai Igor Girkin, ein Militärführer in der Separatisten-Region Donezk, in einem Video. Girkin spielte bei der Annexion der Krim eine zentrale Rolle, nach Informationen westlicher Nachrichtendienste soll er Oberst beim russischen Geheimdienst GRU gewesen sein.

„Seit März haben wir einen vollwertigen Krieg. Aber bis jetzt haben sich die russischen Behörden, das Verteidigungsministerium und der Generalstab so verhalten, als gäbe es keinen Krieg“, legte Girkin jetzt noch einmal nach. Der Ukraine-Konflikt sei bereits „komplett verloren“. Er warnte sein Publikum, dass der Krieg bis zur totalen Niederlage Russlands andauern würde.

Girkin selbst ist eine umstrittene Figur in der marginalen, aber zunehmend lautstarken Gruppe rechtsgerichteter Pro-Kriegs-Blogger und Aktivisten, die seit Kriegsbeginn vom Telegram-Messaging-Dienst profitiert haben. Ihre Ansichten laufen traditionell parallel zu den offiziellen Botschaften der staatlichen Medien, stehen aber nicht unter der Kontrolle des Kremls. Da die russischen Streitkräfte auf dem Rückzug sind, werfen sie der Führung immer mehr vor, die Truppen zu verraten.

Popstar teilt gegen Russlands Politspitze aus

Auch die populäre russische Popsängerin Alla Pugatschowa attackierte die Elite Russlands wegen des Angriffskriegs. Da das Justizministerium ihren Ehemann Maxim Galkin als „Auslandsagent“ auf eine schwarze Liste gesetzt habe, bitte sie darum, ebenfalls zu den Auslandsagenten gezählt zu werden, schrieb die 73-Jährige am Sonntag (18.08.2022) auf ihrem Konto bei Instagram.

Der Politologe Abbas Galljamow, einst Redenschreiber von Wladimir Putin, sprach von einer „kräftigen Ohrfeige“ für den Kreml. „Wenn es im Land noch bedeutende Menschen gibt, über die Konsens herrscht, dann ist das natürlich Pugatschowa“ schrieb er auf seinem Telegram-Kanal. Sie habe Politik stets außen vor gelassen. „Ihre plötzliche Politisierung kann in der Gesellschaft das für die Obrigkeit so gefährliche Gefühl: „Jetzt reichts“ erzeugen“, meinte er.

„Putins größte Bedrohung ist er selbst“

Tatiana Stanovaya, Wissenschaftlerin bei der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, glaubt, dass die aktuelle Entwicklung auch Putin nicht kaltlässt. „Die Kriegsbefürworter werden als Verbündete angesehen, sie sind Teil des breiten Pro-Putin-Konsenses in Russland. (...) Der Kreml hat also nur begrenzte Möglichkeiten, mit diesem Lager umzugehen. Er kann sich nicht gegen sie wenden und sie so unterdrücken, wie er es mit der liberalen Opposition getan hat“, sagte Stanovaya NBC News.

„Putins größte Bedrohung ist er selbst“, so die Wissenschaftlerin. „Das Problem ist seine Führung. Die russische Elite ist daran gewöhnt, Putin als starken Mann zu sehen – als jemanden, der mit Herausforderungen umgeht und immer weiß, wohin er das Land führen will. Jetzt wirkt er zögerlich, überhaupt nicht überzeugend und unklar, was die Ziele und Pläne Russlands angeht“, fügte sie hinzu. „Wie will Russland diesen Krieg gewinnen?“ (tvd/dpa)

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