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Ukraine-Krieg: Ursprünglichen Kriegs-Plan ad acta gelegt – was kommt nach Mariupol?

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Von: Peter Rutkowski

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Ukraine-Krieg: In Mariupol gibt es durch den Ukraine-Krieg großflächige Zerstörungen.
Ukraine-Krieg: In Mariupol gibt es durch den Ukraine-Krieg großflächige Zerstörungen. © Nikolai Trishin/Imago

Der Erfolg im Ukraine-Krieg am Asowschen Meer kann zum Schlüssel werden für die Eroberung der Ostukraine. Aber Kiew ist lange nicht besiegt. Eine Analyse.

Mariupol – „Keine Fliege“ soll aus der Mariupoler Industrieanlage Asowstal herauskommen. So hat es Wladimir Putin am Donnerstag befohlen und sein braver Verteidigungsminister Sergej Schoigu antwortete gehorsamst mit: „Zu Befehl!“ Das (zumindest vorläufige) Ende der Belagerung der strategisch wichtigen Hafenstadt am Asowschen Meer wird an diesem 57. Tag des Krieges mit markigen Worten besiegelt.

Donnerstagmorgen hieß es, noch rund 1800 ukrainische Marineinfanteristen und mehrere Hundert Zivilpersonen würden auf dem elf Quadratkilometer großen Areal ausharren. Der Regimentskommandeur Serhiy Wolyna hatte am Mittwoch noch einen Video-Hilferuf ausgesandt, den in Asowstal Eingeschlossenen die Flucht in ein neutrales Drittland zu ermöglichen – mit anderen Worten: Nach vier ausgeschlagenen Aufforderungen von russischer Seite, die Waffen niederzulegen, sahen die Ukrainer tatsächlich keinen Sinn mehr darin, weiter Widerstand zu leisten. Wolyna sagte, die Belagerer seien ihnen an Mannschaften und Ausrüstung 10:1 überlegen, ihm gehe es jetzt noch darum, seine 500 Verwundeten und die Zivilist:innen zu retten.

Nach den Worten aus dem Kreml wird es dafür aber keine Möglichkeit mehr geben. In einer offenbar gestellten „Lagebesprechung“, die von den Staatsmedien verbreitet wurden, entschied Putin, es sei „nicht praktikabel“, die eigenen Einheiten „in den Kampf um Keller, Korridore und Katakomben“ zu schicken.

Bedeutung von Mariupol für Ukraine-Krieg hat sich gewandelt

Minister Schoigu hatte zuvor versichert, seine Truppen hätten die Kontrolle über Mariupol erlangt und die Eroberung von Asowstal würde „drei bis vier Tage“ brauchen. Nun soll ein lückenloser Ring um das Areal gezogen werden, bis die Menschen darin aus Hunger, Durst sowie Mangel an Medikamenten und Munition von selbst aufgeben. Ein Appell der ukrainischen Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk, doch noch einen humanitären Korridor zum Abzug aus Asowstal einzurichten, stieß in Moskau auf taube Ohren.

Denn Mariupol hat für Moskau seine strategische Bedeutung verändert: Zu Beginn des Ukraine-Krieges war die Kontrolle über die Industrie- und Hafenmetropole mit ihrer Bevölkerung von gut einer halben Million Menschen noch von politischer und maritimer Bedeutung. Mariupol und Berdjansk weiter westlich beherrschten die russische Bucht von Taganrog und damit die Ausfahrt russischer Schiffe aus der Mündung des Don bei Rostow und Asow in das Asowsche und damit ins Schwarze Meer. Beide Städte waren auch die offensichtlichen Bindeglieder zwischen der russischen Grenzregion Rostow und der annektierten Krim. Von dort aus – und mit Hilfe der aus der Krim kommenden Invasionskräfte – sollte die gesamte Schwarzmeerküste über Odessa bis zur rumänischen Grenze besetzt werden. Die Reduzierung der Ukraine zum Binnenstaat hätte sehr wahrscheinlich ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeutet.

Einhergehend mit der Invasion im Norden bei Kiew wäre dann das Einverleiben von drei Vierteln der Ukraine wohl nur eine Frage der Zeit gewesen. So wahrscheinlich sah der originale Kriegsplan aus, der befremdlich viele Ähnlichkeiten mit militärischen Operationen in den Bürgerkriegen 1917 bis 1924 und im Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1944 aufweist. Also Waffengänge, die heute keine Relevanz mehr besitzen. Aber der russische Heerführer ist ein ungedienter ehemaliger KGB-Verwaltungsangestellter.

Ukraine-Krieg: Widerstand der Ukrainer sorgte dafür, dass Russland die Strategie wechselte

Durch den erfolgreichen Widerstand der Ukrainer im Norden und ihren langzeitigen Widerstand in Mariupol und zwischen Cherson und Odessa mussten die optimistischen Eroberungspläne ad acta gelegt werden. Es folgte die offizielle Neuorientierung zur „Befreiung des Donbass“ – im Klartext: zur Einverleibung der schwerindustriellen Zentren der Ukraine und der zwischen Donbas und Dnjepr gelegenen Erdgasreserven. Jeder Quadratkilometer davon wäre ein Bonus in den Augen Moskaus.

Die durch das Ende der aktiven Kämpfe um Mariupol frei werdenden Truppen könnten nun nach Norden schwenken und zusammen mit aus dem Raum Charkiw durchstoßenden Kräften eine „kleinere“ Zangenbewegung vollführen, um die reiche südöstliche Ukraine Russland zuzuschlagen. Aus Charkiw wurde am Donnerstag wieder dauerhafter Artilleriebeschuss gemeldet. (Peter Rutkowski)

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