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Starlink in der Ukraine: Die kosmischen Launen eines Milliardärs

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Von: Jana Ballweber

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Elon Musk entscheidet allein, wer Zugang zu seinem kriegswichtigen Starlink-Netzwerk erhält – eine einmalige Machtposition im Ukraine-Konflikt.

Kiew - Als Russland im Februar die Invasion der Ukraine begann, war eines der ersten Angriffsziele der US-amerikanische Kommunikationssatellit „KA-SAT 9A“, über den die ukrainischen Streitkräfte große Teile ihrer Kommunikation abwickelten. Prompt fielen ukrainische Waffensysteme aus. In Deutschland merkte man nur etwas davon, als auf einmal Tausende Windräder stillstanden. Wer genau da angriff, ist immer noch nicht eindeutig geklärt. Aufgrund der zeitlichen Verbindung mit dem Invasionsbeginn und der Bedeutung, die der Satellit für die ukrainischen Streitkräfte hatte, gehen viele Fachleute aber von einer russischen Aktion aus.

Die Ukraine hatte nun ein riesiges Problem: Ohne moderne vernetzte Waffensysteme hatte sie dem russischen Heer wenig entgegenzusetzen. Kiews Digitalminister Mykhailo Fedorov bat daraufhin via Twitter den US-Milliardär Elon Musk um Hilfe. Denn Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX unterhält ein eigenes Satellitennetzwerk – „Starlink“ –, das fast überall auf der Welt eine Internetverbindung ermöglichen kann. Zwei Tage nach Invasionsbeginn gab Musk grünes Licht für Starlink in der Ukraine. Schon bald konnten die ukrainischen Streitkräfte das Internet wieder zuverlässig nutzen.

Als Eigentümer von Starlink sitzt Elon Musk an den entscheidenden Hebeln im Ukraine-Krieg.
Als Eigentümer von Starlink sitzt Elon Musk an den entscheidenden Hebeln im Ukraine-Krieg. © AFP

Ukraine-Krieg: Vernetzte Waffensysteme in der Ukraine erhalten Internetverbindung über Starlink

Ein entscheidender Vorteil im Ukraine-Konflikt, meint Thomas Reinhold, der am Lehrstuhl Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit der TU Darmstadt zu gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie und der Militarisierung im Netz forscht. Moderne Waffen tauschen untereinander Daten aus: Wo stehen welche Einheiten? Wie muss eine Abschussrampe ausgerichtet werden, damit die Rakete das beabsichtigte Ziel findet? Um solche Informationen zu verknüpfen, ist eine stabile Internetverbindung notwendig. Und die hatte die ukrainische Armee nach dem Angriff auf den Kommunikationssatelliten nicht mehr, bestätigt Reinhold: „Im Zuge ihres ersten Vorstoßes haben die russischen Streitkräfte sehr viel Infrastruktur zerstört, die der Ukraine nicht mehr zur Verfügung stand. Starlink ist hier in die Bresche gesprungen.“

Denn anders als herkömmliches kabelgebundenes Internet benötigt eine Verbindung via Starlink lediglich Strom und ein Empfangsgerät mit Antennenschirm, der kleiner als eine gewöhnliche TV-Satellitenschüssel ist. Über dieses Gerät wird dann eine direkte Verbindung zu einem Netzwerk aus Satelliten hergestellt, die Musks Firma in die Erdumlaufbahn geschossen hat. Der Vorteil: „Die Geräte sind klein genug, um sie im Kriegsgebiet flexibel zu bewegen“, erklärt Reinhold. Außerdem sei es für den Gegner viel schwerer, die Infrastruktur zu eliminieren, weil es Tausende Schüsseln gibt und nicht einen zentralen Knotenpunkt. „Ich gehe davon aus, dass die Ukraine ohne Starlink längst verloren und Russland den ersten, schnellen Vorstoß hätte durchziehen können“, sagt Reinhold.

Elon Musk: Tweets verunsichern die Ukraine bei der Nutzung von Starlink

Starlink und die Ukraine – eine Erfolgsgeschichte auf ganzer Linie. Wäre da nicht die Launenhaftigkeit des Inhabers.

Denn so prompt Elon Musk zu Beginn des Ukraine-Kriegs seine Unterstützung zugesichert hat, so wankelmütig zeigt er sich in den vergangenen Wochen. Über seinen Twitteraccount übernahm Musk in Vorschlägen zu einer möglichen Friedensordnung zentrale russische Forderungen, wie zum Beispiel die Neutralität der Ukraine und deren Verzicht auf die 2014 annektierte Krim.

Musk weigerte sich, den ukrainischen Streitkräften im Falle einer Offensive zur Rückeroberung der Krim den Zugang zu Starlink dort zu ermöglichen. Gerüchten zufolge fürchtet er eine nukleare Eskalation des Konflikts, sollte der russische Präsident Wladimir Putin die Rückeroberung der Krim als zu große „Provokation“ begreifen. Kurz darauf kündigte er an, die Mitfinanzierung von Starlink in der Ukraine einzustellen, nur um einige Tage später zurückzurudern und doch wieder seine Unterstützung zuzusichern.

Europäische Union: Prüfung der Finanzierung von Starlink für die Ukraine

Mittlerweile wurden Überlegungen der Europäischen Union öffentlich, die Kosten von Starlink für die Ukraine komplett zu übernehmen, um die Finanzierung auf sichere Füße zu stellen und weniger von Musks Launen abhängig zu sein. Doch den Schalter, um den Zugang ganz abzuschalten, könnte Musk natürlich weiterhin betätigen.

Denn in der EU gibt es noch kein eigenes Netzwerk für Satelliten-Internet, das man der Ukraine als Alternative anbieten könnte. In der EU laufen aktuell Planungen, noch in den Markt für Satelliteninternet einzusteigen. Im Februar stellte die EU-Kommission ihre Pläne für ein Programm zur sicheren Konnektivität vor.

Welche Folgen der Ukraine-Krieg innerhalb Russlands hat und zukünftig haben könnte.

Ukraine-Konflikt: EU will mit eigenem Satelliteninternet unabhängig von externen Anbietern werden

Geplant ist ein eigenes Netzwerk aus Satelliten, das Europa unabhängig von externen Anbietern machen soll. Im Fokus steht vor allem, dass die Mitgliedsstaaten selbst auf ein System zurückgreifen können, das mit dem europäischen Datenschutzrecht und anderen Werten und Interessen der EU in Einklang zu bringen ist.

Dieses europäisch geprägte Satelliteninternet könnte man dann auch anderen anbieten. Zum Beispiel denen, die es akut brauchen, um die Zerstörung von Infrastruktur aufzufangen, wie im Fall der Ukraine. Und solchen, die sich nicht von US-amerikanischen Anbietern und ihren wirtschaftlichen Interessen oder von chinesischen Unternehmen und deren staatlicher Zensur abhängig machen wollen. (Jana Ballweber)

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