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Ukraine Krieg: Spekulationen um Chinas mögliche Hilfe für Russland – Welche Waffen kämen überhaupt in Frage?

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Von: China.Table

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Drohne auf einem Militärfahrzeug bei Chinas Militärparade zum 70. Jahrestag der Volksrepublik im Oktober 2019
Waffen für Russland? Drohne bei Chinas Militärparade zum 70. Jahrestag der Volksrepublik im Oktober 2019 © VCG/Imago

Die Nato und die USA warnen China vor militärischer Hilfe an Russland. Moskau soll Peking darum gebeten haben. Bislang ist das Thema nur Spekulation, doch es gibt Waffen, die theoretisch in Frage kommen.

Peking/Berlin – Russlands Vormarsch im Ukraine-Krieg* stockt. Zwar sind Moskaus Truppen den ukrainischen Kämpfern zahlenmäßig überlegen, und die Schlinge um Städte wie Kiew, Mariupol oder Charkiw zieht sich immer enger zu. Doch Putins Plan vom schnellen Sieg ist gescheitert. Nun soll China* helfen. Das berichten zumindest renommierte Zeitungen wie die Washington Post, die New York Times oder auch die Financial Times unter Berufung auf US-Offizielle. Demnach soll Moskau militärische und wirtschaftliche Hilfe von Peking angefragt – und China seine Bereitschaft dazu signalisiert haben.

Chinas offizielle Antwort klingt weitaus eindeutiger: alles falsch. Bei den Berichten handele sich um eine gezielte Desinformation* seitens der USA. „China ist in dieser Krise keine Partei“, sagte Außenminister Wang Yi am Montag. Chinas Botschafter in den USA, Qin Gang, bekräftigte in einem Beitrag für die Washington Post, dass China Russlands Invasion nicht unterstützte. Auffällig war, dass der Diplomat dabei von „Krieg“ sprach.

Video: Welchen Einfluss hat China auf Russland?

Bitte an China: Information kam direkt vor Sullivan-Yang-Treffen

Der Vorgang wirft mehrere Fragen auf, zunächst nach dem Zeitpunkt: Wladimir Putins* Armee hat zunehmend Probleme mit Logistik, Organisation und Nachschub. Russland braucht deutlich mehr Waffen, Munition und Personal, als ursprünglich kalkuliert. Die Bitte an den engsten Partner um Unterstützung scheint daher zu diesem Zeitpunkt durchaus plausibel.

Andererseits ist auffällig, dass die Meldung über die russische Bitte um chinesische Hilfe nur wenige Stunden vor dem wichtigen Treffen des US-amerikanischen nationalen Sicherheitsberaters Jake Sullivan mit dem ranghöchsten chinesischen Außenpolitiker Yang Jiechi* in Rom publik wurde. Und so könnte es auch sein, dass Washington den Zeitpunkt der Weitergabe dieser Information gezielt gewählt hat, um die chinesische Delegation in die Defensive zu bringen.

Sullivan stellte jedenfalls klar, die USA* beobachteten genau, in welchem Umfang China materielle oder wirtschaftliche Unterstützung gewähre. Und er warnte: Die USA werden nicht untätig zusehen, sollte ein Land Russland zur Hilfe eilen. Yangs Antwort ist bisher nicht bekannt.

China: Militärische Hilfe für Russland?

Das Thema militärische Unterstützung Russlands* durch China ist ein neuer Faktor in der Debatte um Chinas Rolle – zumal der bilaterale Waffenhandel früher in die entgegengesetzte Richtung lief – von Moskau nach Peking. Aufgrund der amerikanischen und europäischen Waffenembargos nach 1989 hatte sich China bei der Modernisierung seiner Streitkräfte sehr auf russische Militärausrüstung verlassen.

Untersuchungen des „Stockholm International Peace Research Institute“ (Sipri) zeigen, dass zwischen 2017 und 2021 etwa 80 Prozent der gesamten Waffenimporte Chinas aus Russland stammten. Chinas Käufe machen 21 Prozent der gesamten Rüstungsexporte Russlands aus. Peking ist damit Moskaus zweitgrößter Kunde.

Doch die Volksrepublik hat seine eigenen militärischen Produktionskapazitäten zuletzt erfolgreich ausgebaut und modernisiert. Die aktuelle Sipri-Auswertung zum weltweiten Waffenhandel zeigt: China ist inzwischen zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufgestiegen. „Chinas Waffen wurden immer fortschrittlicher. Seine Drohnen zum Beispiel sind ein Bereich, an dem Russland sehr interessiert sein könnte“, sagte Siemon Wezeman von Sipri dem britischen Fernsehsender BBC. Bislang gäbe es allerdings keine Hinweise oder gar Belege dafür, dass China tatsächlich Drohnen an Russland geliefert hätte.

China: Drohnen, Kampfjets und Raketen

Worum also könnte es konkret überhaupt gehen? Der amerikanische Fernsehsender CNN berichtet, Russland habe um vakuumverpackte Feldrationen für seine Soldaten im Kampf gebeten, sogenanntes Meal, Ready-to-Eat (MRE). Offenbar gelingt es Russland nicht, seine Kämpfer in der Ukraine* ausreichend zu versorgen. CNN berichtet von Überfällen und Plünderungen.

Der Militärexperte Peter Layton nennt hingegen im Gespräch mit China.Table auch andere Dinge, an denen Russland Interesse haben könnte: Neben Logistik könnten das vor allem Flugzeuge sein. „Chinas Volksbefreiungsarmee betreibt immer noch eine Flotte von in Russland gebauten Su-27-Jägern.“ Baugleiche russische Flugzeuge scheinen aktuell in der Ukraine im Einsatz zu sein. „China kann für diese Kampfjets Ersatzteile bereitstellen, die es schnell an Russland liefern kann, um seine Flugzeuge am Laufen zu halten“, erklärt Layton. Der Wissenschaftler vom Griffith Asia Institute im australischen Queensland glaubt, dass einzelne chinesische Komponenten auch in den neueren russischen Kampfjets wie der Su-30, Su-35 und vielleicht auch in der Su-34 genutzt werden könnten. 

Zudem habe Russland in den vergangenen Jahren viele Boden-Luft-Raketen an China verkauft – die China theoretisch ebenfalls zurückverkaufen könnte, meint Layton. „Die russischen Lagerbestände könnten zur Neige gehen, und so könnte auch in diesem Bereich eine schnelle Nachlieferung aus China möglich sein.“ Und schlussendlich könnte China bei Munition Russland eine große Hilfe sein. „Eine alte sowjetische Konstruktionsphilosophie bestand darin, neue Ausrüstung in die Lage zu versetzen, die größtmögliche Munitionspalette zu nutzen. Ich wäre nicht überrascht, wenn moderne chinesische und russische Ausrüstung dieser Philosophie treu bleiben würde“, erklärt Militärexperte Layton.

China: Eskalation unwahrscheinlich

Doch das ist bislang eben Theorie. Denn ebenso wie Wezemann weist auch Layton darauf hin, dass es bislang keine Hinweise auf chinesische Waffenlieferungen an Russland für den Ukraine-Krieg gebe.

Klar ist: Es wäre eine dramatische Eskalation, die Peking mit solchen Lieferungen wagen würde. Allen offiziellen Neutralitätsbekundungen zum Trotz wäre China damit plötzlich Kriegspartei. Doch bei aller Nähe zu Wladimir Putin und Beteuerungen, die Partnerschaft zwischen Moskau und Peking sei „felsenfest“ und „ohne Grenzen“ – eine solche Eskalation wird Xi Jinping wohl nicht eingehen.

Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto teurer wird er für Moskau. Eher plausibel wären Wirtschaftshilfen. Damit könnte Peking die Auswirkungen der westlichen Sanktionen auf Russland zumindest begrenzen.

Von Michael Radunski

Michael Radunski berichtete viele Jahre aus Indien und China über Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Besonders prägte ihn sein Aufenthalt in Chinas Hauptstadt Peking. Vor seinem langen Aufenthalt in Asien arbeitete Michael Radunski für die FAZ, wo er unter anderem am Onlineauftritt der Zeitung mitarbeitete. Seit kurzem ist Radunski wieder in Deutschland und arbeitet als Redakteur das China.Table Professional Briefing.

Dieser Artikel erschien am 17. März 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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