1. Startseite
  2. Politik

Vergewaltigung als Kriegswaffe: Warten auf Gerechtigkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Tatjana Coerschulte

Kommentare

Die Justiz kann sexualisierte Kriegsgewalt heute einfacher verfolgen als noch vor einigen Jahren. Die Aufarbeitung ist dennoch schwierig.

Berlin - Alle wussten es, kaum jemand sprach darüber: Jahrzehntelang waren die Vergewaltigungen von Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs eines jener Themen, das die Deutschen fast komplett ausblendeten. Bis in unsere Tage hinein würde die deutsche Gesellschaft diese Verbrechen „am liebsten beschweigen und verdrängen“, schreibt die Historikerin Miriam Gebhardt in ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“. Sie legte im Jahr 2015 die erste umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergewaltigungen vor, die alliierte Soldaten an geschätzt mehr als einer Million deutschen Frauen begangen hatten. Damit brach Gebhardt ein doppeltes Tabu, thematisierte sie doch Sex-Verbrechen, denen zivile Gruppen der Täternation des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen waren.

Gut zwanzig Jahre vor Gebhardts Veröffentlichung hatte die Schweizer Ärztin Monika Hauser erstmals ihre Stimme erhoben gegen die Vergewaltigungen im damaligen Jugoslawien-Krieg. Die Gründerin der Hilfsorganisation Medica Mondiale schärfte maßgeblich das öffentliche Bewusstsein dafür, dass es sich bei diesen Taten keineswegs um unvermeidliche Begleiterscheinungen eines bewaffneten Konflikts handelt, sondern um im Krieg und teilweise systematisch begangene Verbrechen. Die Ärztin Hauser wie die Forscherin Gebhardt trugen jeweils auf ihre Art dazu bei, das große Schweigen insoweit zu brechen, dass sexualisierte Gewalt in Kriegen etwa im Ostkongo, in Syrien oder in der Ukraine inzwischen öffentlich als Kriegsverbrechen benannt werden.

Auch Männer unter den Opfern

Ein Tabu-Thema im Zusammenhang mit Vergewaltigungen in Kriegen ist der Umstand, dass auch Männer betroffen sind. Die Historikerin Miriam Gebhardt hat nach eigenen Angaben bei den Recherchen zu ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ vereinzelt Aussagen von Männern darüber gefunden. Sie schätzt, dass es einige Tausend Männer sein könnten, die am Ende des Zweiten Weltkriegs von Soldaten vergewaltigt wurden. Bei weiblichen Opfern gehen Schätzungen von mehr als einer Million aus. Auch aus jüngeren Kriegen ist bekannt, dass es zu Vergewaltigungen von Männern kommt.

Aus Scham schweigen Männer über das ihnen zugefügte Leid, mehr noch als Frauen - so erklärt Gebhardt, warum diese Tatsache weithin kaum bekannt ist. (coe)

Jurist:innen unterscheiden dabei den Kontext, in dem die Taten begangen werden. Das Völkerstrafgesetzbuch, das seit 20 Jahren auch in Deutschland gilt, erkennt geschlechtsspezifische Kriegsgewalt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie als Kriegsverbrechen an. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ beziehe sich auf Taten im Rahmen von systematischen Angriffen gegen eine Zivilbevölkerung, etwa in einem Bürgerkrieg, sagt Antonia Klein, Juristin der Menschenrechtsorganisation „European Center for constitutional and human rights“(ECCHR). „Kriegsverbrechen“ wiederum werden im Zuge von bewaffneten Konflikten begangen. Seitdem das Völkerstrafgesetzbuch im Jahr 2002 in Deutschland in Kraft trat, können solche Verbrechen unabhängig vom Tatort hierzulande angezeigt und verfolgt werden.

Tausende Menschen erlitten während des Krieges im Kosovo sexualisierte Gewalt. Diese Frauen erinnern bei dem Protestmarsch „Be My Voice“ im Juni 2018 daran.
Tausende Menschen erlitten während des Krieges im Kosovo sexualisierte Gewalt. Diese Frauen erinnern bei dem Protestmarsch „Be My Voice“ im Juni 2018 daran. © AFP

Vergewaltigung als Kriegswaffe: Fälle sind schwierig zu verfolgen

Aber: Mit Blick auf sexualisierte Kriegsgewalt sei es sehr schwierig, diese Fälle zu verfolgen, sagt Juristin Klein. Es habe den Anschein, dass sexualisierte Kriegsgewalt als Straftat nicht so im Fokus des Generalbundesanwalts sei wie zum Beispiel Folter, die einfacher nachzuweisen sei. ECCHR beobachtet solche Prozesse und hat selbst Anzeigen gestellt. Auch die Resolutionen 1325 und 1820 der Vereinten Nationen ächten sexualisierte Kriegsgewalt.

Wenn die gesetzliche Grundlage für die Aufarbeitung sexualisierter Kriegsgewalt auch deutlich verbessert wurde, macht diese in der Praxis nur langsam Fortschritte. Um eine Verurteilung wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu erreichen, müssen Ankläger:innen nachweisen können, dass die Taten in Zusammenhang und im Rahmen eines bewaffneten Angriffs erfolgten – das heißt, der Angriff musste genutzt werden, um die Tat zu begehen, so Juristin Klein. Weil eine Vergewaltigung zudem mit einer Stigmatisierung verbunden sei, sei es für Betroffene sehr schwierig, darüber zu sprechen. So hatten im sogenannten FDLR-Verfahren um Kriegsverbrechen im Ostkongo vor dem Oberlandesgericht Stuttgart alle Opfer anonymisiert ausgesagt. Die beiden Angeklagten wurden im Herbst 2015 zwar verurteilt, aber nicht wegen des Vorwurfs sexualisierter Kriegsgewalt. Von den 16 Anklagepunkten wurden zwölf im Laufe des Verfahrens fallengelassen.

Vergewaltigung als Kriegswaffe: Unsichtbare Mauern

Die Aufarbeitung des Syrien-Kriegs markiere in dieser Hinsicht eine Veränderung, sagt Klein. Es seien nun mehr Männer bereit, über Kriegsverbrechen zu sprechen, etwa über Folter. So reichten in dem Verfahren um Foltervorwürfe im Al-Khatib-Gefängnis in Damaskus Zeugenaussagen für eine Verurteilung des 58-jährigen Angeklagten auch wegen sexualisierter Gewalt - ohne medizinische Gutachten, die wegen der Umstände sowieso oft fehlen. Der frühere Gefängnisleiter Anwar R. wurde im Januar vom Oberlandesgericht Koblenz zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Heldinnen“ heißt das Denkmal in Pristina für die während des Kosovo-Kriegs (1998/1999) vergewaltigten Frauen.
„Heldinnen“ heißt das Denkmal in Pristina für die während des Kosovo-Kriegs (1998/1999) vergewaltigten Frauen. © AFP

Hilfen für die Opfer prallen aber manchmal selbst bei klaren juristischen Verhältnissen an unsichtbaren Mauern ab. Das erlebte die Hilfsorganisation Medica Mondiale vor einigen Jahren in Ex-Jugoslawien. In zähen Verfahren hatte die Organisation erreicht, dass in Bosnien, Herzegowina und im Kosovo an die Opfer der Massenvergewaltigungen des Jugoslawien-Kriegs eine monatliche Rente gezahlt werden sollte. Indes: Zahlreiche Frauen mussten erst überzeugt werden, diese Rente auch zu beantragen. Nur wenige meldeten sich von sich aus. Viele der in traditionellen Familienverbänden lebenden Frauen hatten bis dahin über das ihnen zugefügte Leid geschwiegen. Sie fürchteten, von ihren Familien verstoßen und damit auch ins wirtschaftliche Nichts befördert zu werden, falls ihre „Schande“ durch eine Rentenzahlung öffentlich würde. Es lässt sich nur vermuten, wie viele Frauen es vorzogen, weiter zu schweigen statt die ihnen zustehende Entschädigung zu fordern. (Tatjana Coerschulte)

Auch interessant

Kommentare