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Diskussionsrunde in Putins TV eskaliert – ein Gast verzweifelt

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Von: Florian Naumann

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Politologe Viktor Olewitsch traute im russischen Staats-Sender NTW mehrfach seinen Ohren nicht.
Politologe Viktor Olewitsch traute im russischen Staats-Sender NTW mehrfach seinen Ohren nicht. © Screenshot: Twitter.com/JuliaDavisNews

Mutmaßliche Kriegsverbrechen und militärische Rückschläge versetzen die Gäste eines Talks in Russlands Staats-TV in Rage. Es hagelt vielsagende Thesen.

Moskau/Frankfurt am Main – Neuen Angriffen auf Infrastruktur und Städte wie Cherson zum Trotz: Der Ukraine-Krieg läuft nicht nach den Wünschen und Plänen des Kreml. Das russische Staats-TV debattiert die Lage weiterhin emotional. Eine Diskussion im Staats-Sender NTW über eine Reaktion auf ein mutmaßliches – aber nicht verifiziertes – Kriegsverbrechen der Ukraine wandelte sich zuletzt in eine teils überschäumende Suche nach passenden Racheakten.

Allerdings zeigte der Talk auch erstaunliche Aussagen, die unbeabsichtigten russischen Schuldeingeständnissen nahekamen. Einen Schein der Legalität wollte offenbar keiner mehr aufrechterhalten. Die Runde präsentierte aber auch eine eher nüchterne Stimme: Der Politikwissenschaftler Viktor Olewitsch mahnte wiederholt zu Nüchternheit. Er hatte teils Schwierigkeiten, angesichts wilder Forderungen die Ruhe zu bewahren – und provozierte einen Kontrahenten damit sichtlich. Allein Olewitschs Anwesenheit konnte dabei überraschen: Im selben Kanal war zuletzt sein Mikrofon an einem neuralgischen Punkt eines Streits über die Nato „ausgefallen“.

Putins Staats-TV: Runde sinnt auf Rache – Abgeordneter scheint russische Kriegsverbrechen einzuräumen

Die auf die Beobachtung russischer Medien spezialisierte US-Journalistin Julia Davis hatte am Donnerstag (24. November) den aktuellen Clip aus dem NTW-Programm getwittert. Mehr als sieben Minuten dauert der Zusammenschnitt. Thema war ein vieldiskutierter Vorfall im ostukrainischen Makijiwka: Dort entstandene Aufnahmen hatten zunächst anscheinend die Kapitulation mutmaßlich russischer Soldaten gezeigt, später tote Uniformierte am selben Ort. Russland sah eine „gnadenlose Hinrichtung“, die Ukraine dementierte und verwies auf einen Trick.

Davis‘ Übersetzung zufolge forderte der Duma-Abgeordnete Alexander Kasakow nun bei NTW, den Fall „ohne Rücksicht auf westliche Meinungen“ zu beantworten. Und zwar „extrem hart“. Sein konkreter Vorschlag ließ aber aufhorchen: „Wir haben aktive Kampfeinheiten, die keine Gefangenen machen“, auch „die Führung“ wisse das, sagte Kasakow. In anderen Worten: Mit dem Segen des Kreml verübe die Armee teils Kriegsverbrechen in Form von Erschießungen. Diese Praxis solle ausgeweitet werden.

Olewitsch schritt ein: Es gebe nachweislich Gefangentausche zwischen Russland und der Ukraine. „Was heißt das? Das heißt, dass die Ukraine nicht alle erschießt“, folgerte der Experte. Wenn die russische Armee nun „einfach alle erschießt, wird die Ukraine auch alle der Unseren töten. Ist es das, was Russland braucht?“, fragte Olewitsch entsetzt. Der Journalist Andrei Sidortschik zog unterdessen wilde Grimassen. Olewitsch sollte sich nicht das letzte Mal verwundert äußern.

Ukraine-Russland-Krieg: Talk-Gast denkt an Nowitschok-Rache – Experte bremst Vernichtungs-Fantasien

Die Suche nach Antworten ging zunächst weiter: Könne man nicht jedes Mal den Strom ausfallen lassen, wenn die Ukraine ein Kriegsverbrechen begehe, erkundigte sich Moderator Ivan Truschkin bei den Gästen. „Das passiert doch so oder so!“, lautete die Antwort. Kasakow legte nach: „Wenn Sie keinen Schlag mit taktischen Atomwaffen wünschen“, sagte er, müsse es andere Schritte geben. Etwa ein Strafverfahren in Abwesenheit für mutmaßliche Kriegsverbrecher – und eine Todesstrafe. Die könne „Iwan Iwanowitsch“, also „Max Mustermann“, vollziehen. Oder aber „Boschirow“: „Ruslan Boschirow“ lautete der Name eines der Verdächtigen im von Russland stets abgestrittenen Nowitschok-Mordfall Sergej Skripal.

„Entschuldigen Sie, deuten Sie an, dass wir einen Konflikt mit einem Nato-Staat beginnen sollten?“

Der Politologe und Talk-Gast Viktor Olewitsch traut in Russlands Staats-TV seinen Ohren nicht.

Der sichtlich geladene Sidortschik forderte, die Ukraine schlicht soweit zu eliminieren, dass der Westen nichts mehr unterstützen könne. Ansonsten werde der Westen, um seine Macht zu verteidigen, „seinen eigenen Vater töten, seine Mutter, irgendwen; sie werden dort Konzentrationslager einrichten, sie werden Massenvernichtung veranlassen, Genozid, Holocaust, was auch immer!“, wütete Sidortschik in einer offensichtlichen Aneinanderreihung möglichst drastischer Vorwürfe.

Olewitsch kippte umgehend Wasser in den Wein: Die „militärische Spezialoperation“ stocke, vielmehr gebe es Rückzüge in verschiedenen Regionen. Die Zeit arbeite gegen Russland. Auch die USA wollten nach den Midterms die Unterstützung intensivieren. Es drohe ein „ewiger Krieg“ wie im Falle des sowjetischen Einmarsches nach Afghanistan: „Das ist nicht zu Russlands Vorteil!“, warnte der Politologe.

Russischer Talk spricht Klartext zu Putins Kriegs-Tricks und -Thesen – „Das ist derselbe Müll!“

Die Runde eskalierte daraufhin verbal weiter. Der Militärexperte Alexander Scharkowski forderte in der Folge „Maßnahmen gegen Großbritannien“. London zählt zu den entschiedensten militärischen Unterstützern der Ukraine. Das Schiff Prince of Wales befinde sich nahe der russischen Nordgrenze – „wir sollten etwas damit tun!“ Wieder war es Olewitsch, der eingriff. „Entschuldigen Sie, deuten Sie an, dass wir einen Konflikt mit einem Nato-Staat beginnen sollten?“, erkundigte sich der fassungslose Diskutant. Ein Angriff der russischen Armee werde „automatisch“ zu einem direkten Konflikt führen.

Scharkowski ruderte zurück – woraufhin die Runde begann, offen Tricks, Verbrechen und falsche Zusicherungen des Kreml zu debattieren. „Dann müssen wir eben einen Weg finden, das zu tun, ohne die russische Armee einzusetzen“, erklärte Co-Moderator Andrei Norkin. Die Schläge auf Infrastruktur verstärkten die Flucht, hieß es ebenfalls aus der Runde: „Wenn die EU die Ukraine so liebt, dann sollen sie diese Millionen Flüchtlinge aufnehmen!“

Zuguterletzt verriss der Politikwissenschaftler Anton Kaschenko auch noch nahezu alle offiziellen diplomatischen Positionen Putins in Bausch und Bogen. Dass für Kiew kein Umsturz gewünscht sei, sei „derselbe Müll, wie wenn wir sagen, dass wir offen für Dialog sind“, ärgerte er sich: „Warum sprechen, wenn man sie ersetzen will? All das hat nichts mit unseren Zielen in der Ukraine zu tun!“ (fn)

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