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General Winter: Russlands größte Stärke könnte zur entscheidenden Schwäche werden

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Von: Christian Stör

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Ukrainische Soldaten gehen zu einer Stellung in der Nähe von Bachmut.
Ukrainische Soldaten gehen zu einer Stellung in der Nähe von Bachmut. © dpa

Die Wintermonate beeinflussen auch den Verlauf des Ukraine-Kriegs. Für Russland könnte die Lage noch schwieriger werden.

Moskau - In Kriegszeiten spielt das Wetter oft eine entscheidende Rolle. In vergangenen Jahrhunderten galt vor allem der Winter in als eine der großen Stärken von Russlands Streitkräften. Als Beispiele seien nur drei Fälle genannt: Das Scheitern von Hitlers Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, Napoleons Rückzug der Grande Armée aus Moskau im Jahr 1812 sowie der misslungene Feldzug des schwedischen Königs Karls XII. im Großen Nordischen Krieg im Winter 1708/1709.

Doch im Ukraine-Krieg scheinen sich die Vorzeichen umzukehren. Militärhistoriker Anthony Beevor ging Ende Dezember in einem Artikel für das US-Magazin Foreign Affairs der Frage nach, ob dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein ähnliches Schicksal blüht wie Napoleon oder Hitler.

Beevors Urteil: Der Winter werde Russland wohl härter treffen als die Ukraine. Der Historiker bezog sich vor allem auf die zahlreichen Berichte über mangelhafte Ausrüstung und Ausbildung russischer Soldaten. Vor allem die geschätzten 300.000 extra für den Ukraine-Krieg rekrutierten Reservisten würden leiden müssen.

Russland im Ukraine-Krieg nicht richtig auf Winter vorbereitet

Andere Fachleute sehen das ähnlich. William Courtley etwa berief sich gegenüber der US-Zeitschrift Newsweek ebenfalls auf historische Vorbilder: „Das Kuriose an den Invasionen von Napoleon und Hitler ist, dass sie beide dachten, sie würden den Sieg erringen, bevor der Winter einsetzt, weshalb sie ihre Truppen nicht richtig auf das Winterklima vorbereiteten“, sagte der ehemalige US-Botschafter in Georgien und Kasachstan. „Unter den gegenwärtigen Umständen sieht es so aus, als würde Russland denselben Fehler machen.“

Der ehemalige Green-Beret-Elitekämpfer Dale Buckner schlug in dieselbe Kerbe: „Wir glauben, dass die Ukrainer bei extrem kaltem Wetter im Vorteil sind und nicht die Russen“, sagte der Chef der internationalen Sicherheitsfirma Global Guardian. Das Unternehmen behauptet, über Geheimdienstinformationen aus der Ukraine zu verfügen.

„Wir glauben, dass die Ukrainer bei extrem kaltem Wetter im Vorteil sind“

Dale Buckner, ehemaliger Green Beret

Unterdessen prognostizierte das Risikomanagementunternehmen Crisis 24, dass das russische Oberkommando nach der Integration seiner mobilisierten Truppen bei einer Offensive im Spätwinter oder Frühjahr versuchen könnte, die ukrainischen Linien zu durchbrechen, höchstwahrscheinlich in den Regionen Donezk oder Luhansk. „Eine solche Operation wird jedoch mit ziemlicher Sicherheit ihre Hauptziele nicht erreichen“, hieß es zugleich. Als Gründe werden die niedrige Truppenmoral sowie die ineffiziente Versorgung und Logistik genannt.

Ukraine braucht noch mehr Hilfe

Etwas anders sieht dies Allan Orr. Der Spezialist für militärische und strategische Studien glaubt, dass der Westen das ukrainische Militär überschätze. Die ukrainischen Truppen seien den russischen Streitkräften noch immer weit unterlegen, sagte Orr Newsweek. „Wenn der Westen nicht in den sauren Apfel beißt und der Ukraine viel mehr Mittel zur Verfügung stellt als bisher, wird jeder Winter für Kiew riskant sein.“

Was die Zukunft bringen werde, sei derzeit nicht vorherzusagen: „General Winter wird im Krieg wieder das tun, was Napoleon widerfahren ist“, so Orr. „Aber niemand kann sagen, ob Putin oder Selenskyj der Bonaparte des 21. Jahrhunderts sein werden.“ (cs)

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