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Ukraine-Krieg: Russlands neue Soldaten klagen über Lügen und inkompetente Vorgesetzte

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Von: Sandra Kathe

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Eine Gruppe junger russischer Rekruten nimmt unweit der Front ein Video zu den Missständen der Armee auf. Ihr Vorwurf: gebrochene Versprechen und fehlende Ausrüstung.

Lyman/Moskau – Über die Video-Plattform Youtube ist ein Video an die Öffentlichkeit gelangt, in dem junge Rekruten aus der Region um Moskau über die Zustände in der russischen Armee klagen. So seien ihnen weder angemessene Waffen noch Training zur Verfügung gestellt worden, auch passende Militärkleidung, Stiefel und Schutzausrüstung hätten sie sich selbst kaufen müssen. Zahlreiche Kommentare unter dem Video enthalten Beileidsbekundungen und lassen darauf schließen, dass mindestens einer der Soldaten zwischen der Aufnahme am 8. Oktober und dem Zeitpunkt des Hochladens am 17. Oktober bereits gefallen ist.

Wie die Männer, die im Video allesamt vermummt sind, in die Kamera erklären, seien die meisten von ihnen aus der Region Moskau und seit ihrer Mobilisierung Ende September Teil des 15. Motorisierten Schützenregiments der Taman-Division. Den Krieg gegen die Ukraine scheinen sie offenkundig zu unterstützen, sie betonen sogar an mehreren Stellen ihrer Ansprache, die sich an die russische Bevölkerung richtet, dass sich keiner von ihnen geweigert hätte, an die Front zu ziehen und sein „Heimatland zu verteidigen“.

In einem Youtube-Video erklären einige von Putins neuesten Rekruten die Probleme in Russlands Armee. Einige von ihnen sollen inzwischen gefallen sein.
In einem Youtube-Video erklären einige von Putins neuesten Rekruten die Probleme in Russlands Armee. Einige von ihnen sollen inzwischen gefallen sein. © Screenshot Youtube

Krieg in der Ukraine: Junge Rekruten machen ihrem Ärger über Putins Armee Luft

Dennoch gäbe es mehrere Probleme, heißt es in der halbstündigen Aufnahme, die vor allem ein längerer Twitter-Thread des britischen Militärexperten Chris Owen in die öffentliche Wahrnehmung gebracht hatte. Auch das Nachrichtenmagazin Focus sowie das russische Nachrichtenportal Ostorozhno Media haben über das Video berichtet. Die erste Hälfte des Films, den man sich bei Youtube mit automatisiert übersetzten Untertiteln ansehen kann, sprechen einige der Soldaten in die Kamera, in weiteren elf Minuten wurde scheinbar mit versteckter Kamera das Gespräch mit einem Vorgesetzten aufgenommen.

So beklagen die Soldaten vor allem die unzureichende Ausbildung, mit der sie von Moskau zunächst in ein Militär-Camp in Russland und von dort immer näher an die ukrainische Grenze gebracht werden. Nachdem man ihnen gesagt hatte, dass ihr Training in der Region Woronesch fortgeführt würde, wurden die jungen Männer nach Belgorod unweit der ukrainischen Grenze gebracht.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten mussten ihre Ausrüstung selbst kaufen

Die Ausrüstung, die sie bis dahin hatten, Militärkleidung, Stiefel, Handschuhe, teils sogar Schutzausrüstung wie schusssichere Westen oder Helme hatten sie sich selbst besorgen müssen, auch Lebensmittel habe man ihnen laut Angaben aus dem Video gesagt, müssten sie sich selbst organisieren. Es habe jedoch Probleme bei der Bezahlung gegeben. Von den versprochenen 250.000 bis 300.000 Rubel (umgerechnet 4100-4900 Euro) sei bislang nichts bei ihnen angekommen. Die Karten, mit denen man an sein Geld käme, seien wegen bürokratischer Fallstricke schwierig zu beantragen und im Kriegseinsatz ohne Banken oder Geldautomaten zudem einigermaßen unsinnig.

In Belgorod angekommen habe es weder Trainingsmöglichkeiten noch eine geeignete Unterkunft gegeben, die Zuständigen räumten sogar ein, man hätte die neuen Rekruten gar nicht erwartet. Dann hätte man ihnen Waffen und Munition gegeben und ihnen am ersten Einsatzort weitere Ausrüstung und Training versprochen. Doch die Ausrüstung sei alt und schwer gewesen, die Waffen matschig und stellenweise verrostet und weder am Schießstand noch physisch seien die Männer auf das vorbereitet worden, was sie an der Front in Lyman erwartete. Der Vorgesetzte im hinteren Teil des Videos nennt die Beschwerden der Männer dennoch „dumm“ und „kindisch“.

Russische Rekruten im Ukraine-Krieg: Zurück an die Front oder ins Gefängnis

Den Rest ihrer Geschichte erzählen nach Abbrechen des Videos, das am 8. Oktober aufgenommen wurde, einige Youtube-Kommentator:innen sowie das Nachrichtenportal Ostorozhno Media. Wenige Tage nach der Aufnahme wurde die Gruppe in die Nähe von Swatowe, einer kleinen Stadt im Oblast Luhansk gebracht, wo sie Schützengräben ausheben sollten. In der Nacht des 12. Oktober wurde ihre Position angegriffen und die Männer flohen unter Beschuss gute 15 Kilometer zu einem Checkpoint, wo den 13 Überlebenden unter ihnen gesagt wurde, sie müssten entweder zurück an die Front oder ins Gefängnis, wie die Ehefrau eines der Überlebenden öffentlich machte.

Während viele der Kommentatorinnen auf Youtube Beileidsbekundigungen teilten und ihre Trauer öffentlich machen („Keine Worte reichen aus, um Angehörigen, Mutter und Ehefrau tröstende Worte zu sagen! Kinder ohne Vater!“), äußern sich andere zynisch: „Der Staat lud zur Hinrichtung ein. Die Leute selbst haben das Seil, die Seife und die Wäsche gekauft...“ (ska)

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