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„Untergang des Imperiums“: Ukraine-Krieg schürt Hoffnung auf Zersplitterung Russlands

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Von: Fabian Hartmann

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Russische Minderheiten sehen sich im Aufwind: Der Ukraine-Krieg befeuert Unabhängigkeitsbestrebungen.

Frankfurt – Russland ist ein Vielvölkerstaat. Und der blutige Krieg in der Ukraine könnte das Land politisch neu ordnen – das zumindest hoffen Vertreter der ethnischen Minderheiten.

„Der Krieg ist Auslöser für ein größeres Nationalbewusstsein“, sagte der baschkirische Aktivist Ruslan Gabbasov der englischsprachigen Moscow Times. Gabbasov stammt aus Baschkortostan, der bevölkerungsreichsten Republik der Russischen Förderation. Die Region liegt am Ostrand Europas.

Wunsch nach Autonomie in Russland: Polit-Aktivisten sehen ihre Chance gekommen

Schon lange vor der Eskalation im Ukraine-Konflikt pochen vor allem nicht-slawische Volksgruppen auf mehr Autonomie im Reich von Präsident Wladimir Putin. Dafür könnte nach ihrer Ansicht die Zeit gekommen sein. Denn: Überproportional viele russische Soldaten, die im Ukraine-Krieg gefallen sind, gehören einer ethnischen Minderheit an. Sie kommen aus Regionen, in denen Armut, Diskriminierung und staatliche Repression zum Alltag gehören. Vor dem Hintergrund blutiger Schlachten und militärischer Rückschläge setzen Polit-Aktivisten darauf, dass die Unzufriedenheit in den Teilrepubliken Russlands steigt – und Unabhängigkeitsbestrebungen weiter Aufwind bekommen.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten in der ukrainischen Stadt Mariupol
Russische Soldaten in Mariupol – viele Armee-Angehörige gehören ethnischen Minderheiten an © dpa

„Es wird ein Zeitfenster geben und wir werden es nutzen, um ein Maximum an Rechten und Freiheiten für unsere Republik Baschkortostan zu erreichen. Wir werden versuchen, ein souveräner Staat zu werden, der im globalen Zeitalter gleichberechtigt ist“, sagte Gabbasov. Der Aktivist weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich separatistische Bestrebungen sind – und wie brutal die Führung in Moskau darauf reagiert. Der Vorwurf lautet in der Regel: „Extremismus“ – es drohen lange Haftstrafen. Daher floh Gabbasov im Jahr 2020 aus Russland und lebt nun in Litauen.

Autonomie für ethnische Minderheiten in Russland: Kongress in Warschau ohne Ergebnis

Anfang Mai trafen sich ethnische Aktivisten auf einem Kongress in der polnischen Hauptstadt Warschau, um darüber zu diskutieren, was der Ukraine-Krieg für ihre Gemeinschaften bedeutet – und wie sie die Kriegslage nutzen können, um mehr Autonomie zu erhalten. Zu den Teilnehmenden zählte auch Rafis Kashapov, der sich seit Jahren schon für die Rechte der Tataren – einer Volksgruppe im östlichen Teil des europäischen Russlands – einsetzt. „Wir glauben, dass die russische Invasion in der Ukraine den Untergang des Imperiums herbeiführen wird“, sagte Kashapov der Moscow Times.

Es sind Worte, die Optimismus versprühen und Kampfesmut beweisen sollen. Doch wie realistisch ist eine politischer Umwälzung in Russland? Schließlich haben Autonomiebestrebungen das Potenzial, einen Staat aus den Angeln zu heben. Grundvoraussetzung für einen Erfolg jedenfalls wäre, dass sich die einzelnen Gruppen auf gemeinsame Forderungen verständigen. Doch wie die Moscow Times weiter berichtet, war in Warschau kein Konsens in Sicht – obwohl die Todeszahlen im Ukraine-Krieg eine klare Sprache sprechen.

Wie das von russischen Investigativjournalisten gegründete Online-Medium istories recherchiert hat, stammen 143 getötete Soldaten aus der Nordkaukasus-Republik Dagestan – so viele wie aus keiner anderen Region. Auf Platz zwei folgt die sibirische Republik Burjatien mit 113 bestätigten Todesfällen. Aus den Metropolen Moskau und St. Petersburg kommt hingegen nur eine Handvoll der Soldaten, die getötet worden. Von einem „offenen Ethnozid“ spricht Ruslan Gabbasov. Offizielle Zahlen von der Regierung in Moskau über die ethnische Zusammensetzung der gefallenen Soldaten gibt es nicht.

Autonomie für Minderheiten: Aktivist äußert sich skeptisch

Die Wut unter den Minderheits-Vertretern ist groß. Doch Einigkeit herrscht selbst bei der Bewertung der aktuellen politischen Lage nicht. Aktivisten wie Pavel Sulyandziga sind skeptisch, ob die Russische Förderation überhaupt vor einem möglichen Zusammenbruch steht. Denn: „Kleinere indigene Völker haben nicht die notwendigen Voraussetzungen für Selbstbestimmung und wir werden gezwungen sein, Minderheiten zu bleiben, egal, wo wir leben“, sagte er.

Was die Sache weiter verkompliziert: Selbst im nicht-slawischen Teil Russlands ist unklar, wie weit die Unterstützung für mehr Unabhängigkeit reicht. In Putins autoritärem Staat gibt es keine Meinungsumfragen oder eine freie Presse, die Stimmungen aufgreifen und kanalisieren kann. Es gibt lediglich Indizien für ein wachsendes Interesse am Erlernen der lokalen Sprachen und der eigenen Geschichte. Die Moscow Times beruft sich auf einen Post in einer geschlossenen Telegram-Gruppe. Darin schreibt ein User: „Ich schäme mich so sehr, dass ich vor dem Ukraine-Krieg nichts über die Kultur wusste, in der ich aufgewachsen bin und die meine Heimat ist. Ich habe nie wirklich meine Muttersprache gesprochen“.

Pavel Sulyandziga, der ebenfalls auf dem Kongress in Warschau dabei war und sich für die Rechte der indigenen Völker im russischen Norden einsetzt, glaubt, dass viele Menschen Angst hätten, ihre Meinung frei zu äußern. Die Zustimmung für mehr Unabhängigkeit wäre viel größer als angenommen. Was fehlt, sei der politische Impuls, der Russland grundlegend verändert. Der Schritt, der aus Teilvölkern souveräne Staaten macht. Ob er jemals kommt? Sulyandziga ist optimistisch: „Die Geschichte lehrt uns, dass früher oder später alle Reiche fallen oder sich verändern“. (fh)

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