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Wie Russland 46 Kleinkinder auf einen Schlag verschwinden ließ

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Von: Nadja Austel

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Russland nutzt im Ukraine-Krieg auch die Jüngsten als Mittel: Wie 46 Kleinkinder unter fünf Jahren aus einem Kinderheim in Cherson verschwinden.

Cherson – „Sie waren wie meine Familie, die Kinder“, berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin des Kinderheims der Stadt Cherson in der Ukraine gegenüber dem Nachrichtenportal The Daily Beast. „Dieser Tag war voller Schrecken – einfach ein Albtraum.“ Als sie am 21. Oktober 2022 bei ihrer Arbeitsstätte ankam, hätten bereits unbekannte Fahrzeuge und Personen vor dem Haus gestanden. Sie habe gerade noch das Gelände verlassen können.

Denn nur kurze Zeit später trafen die russischen Behörden im Kinderheim ein, so die Heimmitarbeiterin weiter. Schließlich trugen mehrere Frauen die insgesamt 46 Kleinkinder, alle unter fünf Jahren und einige mit Behinderungen, aus dem Heim heraus. Sie stiegen mit ihnen in zwei Busse, die sie angeblich nach Simferopol auf der besetzten Krim brachten, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Im Ukraine-Krieg hatte sich zu diesem Zeitpunkt der erneute Kampf um die von Russland besetzte Stadt angedeutet, bei dem die Ukrainer:innen Cherson zurückeroberten.

Russland deportiert im Ukraine-Krieg Kleinkinder – zum Schutz vor „Nazis“

Es sei jedoch unklar, ob nicht eine der beiden Gruppen von Kindern an einen anderen Ort gebracht wurde. Ihr Verbleib sei ungewiss, so die Mitarbeiter:innen des Heims gegenüber dem Nachrichtenportal The Daily Beast. Schon Monate vor der Deportation hätten die russischen Behörden ihnen angedeutet, dass sie die Kinder an einen sicheren Ort bringen wollten, bevor „die Nazis“ – wie die russischen Behörden die Ukrainer:innen nennen – die Stadt unter Beschuss nehmen. Die Mitarbeiter:innen des Kinderheims hätten sich dem jedoch widersetzt und eine Umsiedelung auf die Krim abgelehnt.

Etwa die Hälfte des Heimpersonals habe in der Folge gekündigt, um den russischen Behörden zu entgehen. Die vakanten Stellen seien mit prorussischen Mitarbeiter:innen besetzt worden. Von diesem Zeitpunkt an hätten die ursprünglichen Mitarbeiter:innen kaum noch Mitspracherecht bei den Vorgängen im Heim gehabt.

Ukraine
Nach Kiewer Angaben geht es um mehr als 13.000 ukrainische Kinder, die von Russland deportiert wurden. (Archivbild) © Sergei Grits/AP/dpa

Ukraine-Krieg: Bewaffnete russische Militärs überwachen Kindertransport

Das Kinderheim in Cherson war nach den Angaben der ehemaligen Mitarbeiter:innen kein Waisenhaus, sondern eine Art Pflegefamilie. Einige der leiblichen Eltern würden noch in der Region Cherson leben. Anstrengungen der russischen Behörden, die Kinder zu ihren Familien zurückzubringen, habe es nicht gegeben.

Ein russischer Beamter in Cherson veröffentlichte via Telegram noch am Tag der Deportation der 46 Kleinkinder ein Video des Vorgangs. Dieses zeigt, dass die zwei Busse, in die die Frauen die Kinder brachten, von Krankenwagen und mehreren Männern in Uniform begleitet wurden. Darunter befanden sich mindestens ein schwer bewaffneter Soldat, und ein russischer Parteifunktionär. Das Video zeigt auch, wie ein russischer Beamter in Militärkleidung eines der Kinder auf dem Arm hält.

Cherson-Kinder aus dem Ukraine-Krieg nach Moskau geschickt

Schon zuvor seien zwei Kinder aus dem Heim in Cherson nach Moskau gebracht worden, wie die ehemaligen Mitarbeiter:innen gegenüber The Daily Beast berichten. Im September 2022 habe die von den Russen eingesetzte Heimleiterin die beiden Kinder demnach in ein Krankenhaus geschickt. Nach Angaben der Mitarbeiter:innen hätten die Kinder sich allerdings bei bester Gesundheit befunden. 

Aus dem Krankenhaus seien sie dann zur weiteren Behandlung nach Moskau in ein Sanatorium gebracht worden – mit dem Hinweis, dass sie nach einem Monat zurückgebracht würden. Das sei jedoch nie geschehen, berichten die ehemaligen Heimmitarbeiterinnen gegenüber The Daily Beast. Die Besatzungsbehörden hatten demnach auch bei den 46 Kindern im Oktober behauptet, dass sie nach zwei Wochen nach Cherson zurückgebracht würden. Auch das sei nie geschehen.

Ukraine-Krieg: Russland deportiert 13.000 ukrainische Kinder „nicht aus Liebe“

Deportationen dieser Art sollen in mehreren Teilen der von Russland besetzten Gebiete stattgefunden haben. Nach Angaben der ukrainischen Behörden wurden seit Beginn des Ukraine-Krieges mehr als 13.000 Kinder aus dem Staatsgebiet deportiert. Ziel der Besatzer sei es, ukrainische Kinder in russisch kontrollierte Gebiete oder sogar nach Russland selbst zu bringen, so Jaroslaw Januschewytsch, Gouverneur von Cherson.

Laut Associated Press sollen viele dieser deportierten Kinder die russische Staatsbürgerschaft erhalten und kulturell „russifiziert“ werden, indem sie von neuen, russischen Familien adoptiert werden. Dieses Vorgehen ist nach Ansicht von Expert:innen die Definition von Völkermord und demnach völkerrechtswidrig. „Sie wollen uns und unsere Kinder einfach nur zerstören. Alles, was sie tun, dient dazu, dass wir nicht mehr existieren“, sagte die ehemalige Leiterin des Kinderheims von Cherson gegenüber The Daily Beast. „Sie haben sie nicht aus Liebe genommen.“ (na/dpa)

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