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Ukraine ändert Strategie gegen Russland

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Von: Lukas Zigo

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Zunehmende Guerilla-Angriffe in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine zeigen den wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen die Besatzung.

Kiew – Russlands Krieg in der Ukraine hat viele Theorien zur modernen Kriegsführung über den Haufen geworfen. Doch eine Taktik, die bereits viel früher erwartet wurde, beginnt nun sich auszubreiten: Guerilla-Angriffe. Eine vermehrte Zahl solcher Attacken ist zuletzt in den von Russland kontrollierten Gebieten zu beobachten. Dies lässt auf eine wachsende Widerstandsbewegung gegen die russische Besatzung schließen.

In der ukrainischen Stadt Enerhodar stand der vom Kreml unterstützte Bürgermeister auf der Veranda seiner Mutter, als eine große Explosion ihn und seine Mutter schwer verletzte. In der Woche darauf, 120 Kilometer entfernt, erschütterte ein mit Sprengstoff beladenes Auto das Büro eines anderen von Russland ernannten Beamten in der besetzten Stadt Melitopol.

Ukraine-Krieg: Guerilla-Angriffe zeigen wachsenden Widerstand der Bevölkerung

In der Regel ist es eine Seltenheit, dass sowohl ukrainische als auch russische Beamte Explosionen bestätigen, die tief in den von Russland kontrollieren Gebieten stattfinden. Beide Angriffe scheinen das Werk einer wachsenden Widerstandsbewegung zu sein, die durch die Verschlechterung der humanitären Bedingungen angeheizt wird, so die Analysten.

Kulturstaatsministerin Roth besucht Odessa
Ein ukrainischer Soldat sichert den Besuch der deutschen Staatsministerin für Kultur und Medien Roth (Grüne) bei ihrem Besuch der Altstadt der ukrainischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. © Kay Nietfeld / dpa

Bedacht werden müsse jedoch, dass es in der Natur der Sache läge, dass die geheimen Aktivitäten von Aufständischen undurchsichtig und oft nicht unabhängig überprüfbar seien. Es läge im Interesse der Ukrainer, Gerüchte über eine Rebellion hochzuspielen, ebenso wie es im Interesse der Russen läge, sie herunterzuspielen.

Ukraine-Krieg: Russisch besetzte Gebiete sind vermehrt Partisanenangriffen ausgesetzt

Nichtsdestotrotz war die Explosion, die den Bürgermeister von Enerhodar, Andrej Schewtschik, verletzte, eine von mehr als einem Dutzend aufsehenerregender Anschläge in den letzten Wochen. Analysten zufolge ist verstärkte Partisanenaktivität gegen die russischen Besatzungstruppen in den Regionen Cherson und Saporischka zu beobachten.

Diese Regionen gehören zu den ersten von der russischen Armee eingenommenen Gebieten. In den letzten Tagen haben die ukrainischen Streitkräfte eine Reihe von Gegenangriffen in den Regionen gestartet. Ukrainische Partisanen behaupten, Aufständische hätten Dutzende russischer Soldaten getötet sowie die Gegenangriffe des ukrainischen Militärs unterstützt.

Darüber hinaus haben die Partisanen ein virtuelles Zentrum des nationalen Widerstands eingerichtet. Dieses enthält Anleitungen, wie man Hinterhalte legt und was man im Falle einer Verhaftung tun sollte.

Ukraine-Krieg: Militärhistoriker geht von wachsendem Widerstand aus

Alexander Hotyl, Historiker und Ukraine-Experte an der Rutgers Universität in New Jersey, USA, hat öffentlich zugängliche Berichte über mögliche Aktivitäten von Aufständischen ausgewertet. Er sagte, dass die Daten darauf hindeuten, dass diese zunehmen.

„Es ist natürlich möglich, dass ukrainische Spezialeinheiten in einige dieser Aktionen verwickelt waren; es ist auch wahrscheinlich, dass die Daten unvollständig sind“, schrieb er für die Online-Zeitschrift 1945. „Dennoch ist die Zahl der Guerilla-Aktionen beeindruckend und deutet auf einen Trend zu immer stärkeren Partisanenaktivitäten hin.“

Die Explosion in Enerhodar und das darauf folgende Interesse zeigt, wie die russische Aufstandsbekämpfung die Entschlossenheit der Partisanen noch verstärken könnte.

Ukraine-Krieg: Enerhodars Bevölkerung bereitete sich auf Besatzung vor

Enerhodar hatte eine Vorkriegsbevölkerung von 50.000 Einwohnern und war die Heimat vieler Menschen, die im Kernkraftwerk Saporischschja, dem größte Europas, arbeiteten. In der ersten Kriegswoche errichteten die Einwohner Holzbarrikaden auf der Straße, die in die Stadt führte. Diese erweisen sich jedoch als untauglich gegen russische Panzer und Russland übernahm die Kontrolle über die Stadt und ernannte Herrn Schwetschik zum Bürgermeister.

Dmytro Orlow, den die Ukraine als rechtmäßigen Bürgermeister von Enerhodar anerkennt, schrieb auf Telegram, dass die Russen versuchen, den Aufstand zu bekämpfen, indem sie Zivilisten ins Visier nehmen. Im zufolge ist die Zahl der Entführungen von Einheimischen seit der Explosion erheblich zugenommen habe und dass sich die humanitäre Krise verschlimmert habe.

Ukraine-Krieg: Russland versucht den Rubel in besetzten Gebieten zu etablieren

In Enerhodar gebe es fast keine ukrainische Währung mehr, sagte Orlow, und fügte hinzu, dass die Preise für alltägliche Haushaltsprodukte in die Höhe geschossen seien, seit die Besatzungstruppen versuchten, den russischen Rubel als einzige Währung zu etablieren. Berichte über russische Soldaten, die meist verlassene Häuser plündern, nehmen zu, während die Kommunikation in und aus der Stadt unterbrochen wurde, sagte er.

All dies, so Orlow, wird die Reihen der Partisanen wachsen lassen. „Selbst die Bürger, die anfangs eine neutrale Haltung gegenüber den Invasoren eingenommen haben, beginnen, ihre Unzufriedenheit mit der russischen Besatzung zu zeigen“, sagte er.

Ukraine: Russische Besatzungsbürgermeister schützen sich mit Barrikaden

Herr Orlow ist derweil nicht der einzige, der glaubt, dass die Partisanen weiterhin eine Bedrohung für Russlands Stellvertreter darstellen werden.

Der von Russland ernannte Nachfolger von Schwetschik, Ruslan Kirpitschow, errichtete nach Angaben von Energoatom, dem ukrainischen Staatsunternehmen, das für den Betrieb der Kernkraftwerke der Stadt zuständig ist, Betonwände vor dem Hotel, in dem er wohnt. Die Behörde postete ein Foto der Barrikaden auf seinem Telegram-Kanal. (lz)

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