1. Startseite
  2. Politik

Fußbrand, Panik und Burnout: Ukrainische Soldaten berichten von der Not an der Front

Erstellt:

Von: Florian Naumann

Kommentare

In der Ukraine läuft vor dem Winter ein „mentaler Zermürbungskrieg“: Auch die Verteidiger klagen ihre Not. Die Moral könnte den Krieg am Ende entscheiden.

Kiew/Frankfurt – Immer wieder sind im Ukraine-Krieg Klagen russischer Soldaten und ihrer Angehörigen zu vernehmen: Schlechte Ausbildung, miserable Ausrüstung und sogar Himmelfahrtskommandos gehören zu den kolportierten Missständen. Doch auch auf ukrainischer Seite leiden die Kämpfenden. Ein wesentlicher Unterschied könnte die Motivationslage der Menschen in Uniform sein – darauf haben auch Militärexperten immer wieder hingewiesen.

Ein plastisches Beispiel liefert nun womöglich ein offener Brief eines promovierten Historikers im Fronteinsatz für die Ukraine. Über das Schreiben berichtete am Mittwoch (30. November) unter anderem die US-amerikanische Newsweek. Die Echtheit ist gleichwohl nicht verifiziert. Kaum Zweifel gibt es an anderen eindrücklichen Berichten: Etwa über schmerzhafte Begleiterscheinungen des Grabenkampfes. Oder an mentaler Ermattung auch auf ukrainischer Seite.

Ukrainer klagt Leid an der Front – und erklärt die Gründe für angeblich dennoch ungebrochene Moral

Letztere verwies Nazar Raslutskyj, der Autor des Briefes von der ukrainischen Seite der Front, ins Reich der Fabel. Trotz drastischer Schilderungen des Kriegs-Alltags. Er berichtete von Tod und Verlust: Mit-Soldaten seien von Raketen, Gewehrkugeln, Cluster-Bomben oder Phosphor-Munition getötet worden. „Einige von ihnen sind bereits tot. Und einige werden nie mehr in ihre Berufe zurückkehren weil sie ausgebrannt sind“, heißt es in dem Schreiben, das zuerst das Portal Ukraine Frontlines veröffentlicht hatte.

Ein ukrainischer Soldat in einem Schützengraben im Gebiet Saporischschja - das Foto entstand angeblich Anfang November.
Ein ukrainischer Soldat in einem Schützengraben im Gebiet Saporischschja - das Foto entstand angeblich Anfang November. © IMAGO/Dmytro Smolienko

„Aber alle von ihnen werden weiterkämpfen. Weil die Ukraine hinter ihnen steht. Denn wenn sie die Waffen niederlegen, werden ihre Eltern getötet, ihre Frauen und Töchter vergewaltigt und ihre Häuser zerstört und konfisziert werden“, schrieb Raslutskyj den Berichten zufolge. Hinweise von Politikern etwa aus Frankreich oder Deutschland auf die Option einer Kapitulation riefen „Zorn und tiefen Ekel“ hervor, betonte er. Nötig seien „Waffen, Geld, Sanktionen“. Damit unterstreicht der mutmaßliche Front-Augenzeuge Forderungen der Kiewer Regierung.

An Motivation mangele es nicht, heißt es in dem Schreiben weiter: „Wir haben Historiker, die bereit sind, in Verschlägen für fünf Menschen in zwei Stockbetten zu schlafen, und wochenlang in Matsch zu trampeln, ohne Gelegenheit, sich zu waschen.“ Auch „junge Studenten“ seien dabei, „ihre besten Jahre in Todesangst zu verbringen“. Tatsächlich ist der Matsch mehr als ein kosmetisches Problem: Andere Berichte schilderten die Rückkehr von aus dem Ersten Weltkrieg bekannten Erkrankungen in ukrainischen Schützengräben.

Ukraine-Krieg: Fußbrand und ein „Leben im Sumpf“

So erzählten Soldaten der Nachrichtenagentur AFP, viele Einheiten begännen unter Fußbrand zu leiden. Das auch „Grabenfuß“ genannte Leiden entstehe „durch Tragen von nassen, kalten Socken oder Schuhen über mehrere Tage“, ist auf der Medizin-Webseite msdmanuals.com zu lesen. Neben Schmerzen, Blasen und Taubheitsgefühlen könnten auch Infektionen zu den Folgen zählen.

„Die Infanterie“ – die Gruppe der sich zu Fuß bewegenden und kämpfenden Soldaten – sei „das Herz jeder Armee und sie leidet viel“, erklärte ein 24-Jähriger ukrainischer Soldat der AFP im Donbass. „Ihre Schuhe sind immer nass. Sie schlafen nur sehr sporadisch. Manchmal haben sie Probleme mit der Nahrungsversorgung“, sagte er. Ein anderer schilderte: „Ich leide unter dem Regen. Wir leben buchstäblich im Sumpf.“ Diese Probleme könnten sich im Winter verschärfen. Trotzdem versicherte auch der Nachrichtenagentur ein Soldat: „Unsere Moral ist extrem hoch“. Sogar von einer Gegenoffensive hörten die Reporter in der schwer umkämpften Region.

Ukraines Soldaten im Krieg gegen Russlands Angreifer: „Es verletzt meine Seele“

Doch auf lange Sicht könnte es schwierig sein, besagte Moral hoch zu halten. So berichtete es auch Anton Pendukh, ein „Moraloffizier“ der ukrainischen Armee, dem US-Sender NPR in der Ostukraine. Es gebe Bataillone, die mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. „Einige Leute aus diesen Gliederungen benötigen in der Folge psychologische Hilfe. Sehr ernsthafte psychologische Hilfe.“ Auch Pendukh selbst berichtete über Probleme mit dem auf dem Schlachtfeld Erlebten: „Wenn ich das mit meinen eigenen Augen sehe, verletzt es meine Seele. Mir ist klar, dass all das passiert, aber wenn ich es sehe...“ Die Beteiligten würden „niemals mehr die Selben“ sein.

Eine Psychologin aus dem Gebiet Saporischschja erklärte dem Sender zugleich, schlechte Moral sei „ansteckend“. Die Nachfrage von Kommandeuren nach psychologischer Begleitung für die Soldaten sei im Kriegsverlauf angewachsen. Mehr als 100 Kämpfende habe sie betreut. Jüngere Soldaten hätten dabei weniger Skrupel etwa über Panikattacken zu sprechen. Das größte Problem seien aber Selbstvorwürfe, etwa wenn Familienmitglieder sterben. „Ich war am falschen Platz, ich hätte dort sein sollen“, laute eine übliche Selbstanklage.

Ukraine: „Mentaler Zermürbungskrieg“ an der Front – „Angst ist infektiöser als Covid“

Die Washington Post hatte den Ukraine-Krieg in einem Korrespondenten-Bericht aus der Region Cherson bereits Mitte Oktober zu einem „mentalen Zermürbungskrieg“ erklärt. Betroffen sei davon auch die Ukraine – etwa angesichts von Brigaden, die seit Beginn der russischen Invasion durchgängig im Einsatz waren. Soldaten berichteten dem Blatt von hohen Verlusten oder Mangel an Kraft und Ressourcen. Auch auf ukrainischer Seite sei mangelnde Ausbildung ein Thema.

Blick in eine improvisierte Schlafstätte der ukrainischen Armee in einem Schützengraben.
Blick in eine improvisierte Schlafstätte der ukrainischen Armee in einem Schützengraben – im Sommer. © IMAGO/Antonin Burat / Le Pictorium

Am Ende könnten Moral und Motivation den Krieg entscheiden. So erklärte es jedenfalls der Politikwissenschaftler und Golfkriegs-Teilnehmer Jeff McCausland unlängst dem US-Sender CNN. Russland drohe eine „stille Kapitulation“ seiner Soldaten. Entscheidend sei oftmals, ob eine Armee an den Grund ihres Auftrages glaube. In Putins Truppen schien das schon früh in Frage zu stehen.

„Angst und Panik sind infektiöser als Covid“, betonte McCausland zugleich. Dabei könnten wohl auch Berichte über riesige Verluste der russischen Armee eine Rolle spielen. Und ukrainische Soldaten berichteten zuletzt über ihre Gegenüber: „Sie behandeln sie wie Einweg-Soldaten“. Der Ausgang bleibt aber abzuwarten. Russische Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur könnten das gesamte Land im Winter stark beuteln. Oder den Zorn der Kämpfenden sogar noch vergrößern. (fn)

Auch interessant

Kommentare