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„Unabhängige Berichterstattung steht nicht im Dienste einer Kriegspartei“

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Von: Katja Thorwarth

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Journalisten im Kriegsgebiet: Kriegsberichterstattung in der Ostukraine.
Journalist:innen im Kriegsgebiet: Kriegsberichterstattung in der Ostukraine. (Archivfoto) © Ilya Pitalev/dpa

Froben Homburger, dpa-Nachrichtenchef, spricht mit der FR über neutrale Kriegsberichterstattung, Framing und Propaganda in den Medien.

Herr Homburger, machen die deutschen Medien derzeit bezüglich des Ukraine-Kriegs einen guten Job?
Ja.

Ist der Begriff „Ukraine-Krieg“ nicht bereits ein Framing?
Es ist nie ohne Risiko, komplexes Geschehen auf ein Schlagwort zu reduzieren. Jede Verkürzung kann Assoziationen wecken, die der Komplexität nicht gerecht werden, die das Geschehen verzerren oder sogar mit einer ganz anderen Bedeutung aufladen. Bei „Ukraine-Krieg“ könnte ein solcher Effekt in einer Täter-Opfer-Verschleierung vermutet werden, weil der Aggressor Russland keine Erwähnung findet. Diese Gefahr sehe ich hier aber nicht. Ein mögliches Framing scheitert nicht zuletzt an Umfang, Dichte und Tiefe der gesamten Berichterstattung, die in keiner einzigen der vielen tausend Meldungen und Analysen einen Zweifel daran lässt, wer Angreifer und wer Verteidiger ist.

Allerdings verwendet die Deutsche Presse-Agentur ohnehin meist präzisere Formulierungen wie „Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine“. Das Kurzwort „Ukraine-Krieg“ setzen wir eher mal in knappen Überschriften ein oder aber erst in der Zweit- oder Drittnennung nach der ausführlicheren Bezeichnung.

Und wie verhält es sich mit „Putins Krieg“?
Auch dieses Schlagwort steht bei dpa nicht auf dem Index, aber natürlich wirft „Putins Krieg“ Fragen auf: Ist eine Reduktion der gesamten Kriegsverantwortung auf einen einzelnen Menschen zulässig? Was ist mit all den anderen direkten und indirekten Kriegsbeteiligten innerhalb und außerhalb des Kremls – vom Militär über den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko und den tschetschenischen Anführer Ramsan Kadyrow bis hin zu weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern in Politik, Oligarchie, Sport und Teilen der russischen Bevölkerung? Natürlich tragen auch sie alle Mitverantwortung. Aber ebenso außer Zweifel steht: Ohne Wladimir Putin hätte es diesen Krieg nicht gegeben.

Können Sie das konkretisieren?
Er ist nicht nur der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sondern er war und ist der alles entscheidende Kriegstreiber. Diese Konzentration der politischen und militärischen Entscheidungsmacht auf eine einzige Person – symbolträchtig dokumentiert in vielen Bildern von Putin am einen Ende eines langen Tisches und seinen Befehlsempfängern versammelt am anderen Ende – gehört zu den Besonderheiten des Ukraine-Kriegs, die ihn von den meisten anderen kriegerischen Konflikten der vergangenen Jahrzehnte unterscheiden. Daher halten wir auch die Formulierung „Putins Krieg“ grundsätzlich für statthaft.

Russischer Angriffskrieg in der Ukraine: Nachrichtensprache stärker hinterfragen

Richtig ist aber auch: In einer Kriegslage müssen wir unsere Nachrichtensprache beständig noch stärker hinterfragen als ohnehin schon. Eine anfangs harmlose Formulierung kann auch erst in der weiteren Entwicklung der militärischen Auseinandersetzungen einen Framing-Effekt entwickeln, der ein falsches Bild vermittelt.

Zur Person

Froben Homburger (56) ist seit zwölf Jahren Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin. Zuvor hat der in Baden-Baden geborene Politologe fast 20 Jahre für den deutschen Dienst der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) gearbeitet.

Froben Homburger (56) ist seit zwölf Jahren Nachrichtenchef der dpa. Mit der FR spricht er über Kriegsberichterstattung.
Froben Homburger (56) ist seit zwölf Jahren Nachrichtenchef der dpa. Mit der FR spricht er über Kriegsberichterstattung. © Privat

Kann bei einem Angriffskrieg eine neutrale Haltung überhaupt eingenommen werden?
Angesichts des ganzen Grauens wirkt der Begriff „Neutralität“ natürlich völlig unangebracht. Wer bei einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg eine „neutrale Haltung“ für sich beansprucht, setzt sich dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber einem kaum fassbaren Verbrechen aus. Und von Gleichgültigkeit zu Mitverantwortung ist kein weiter Weg. Journalistische Neutralität meint aber eben nicht, dass der Krieg distanziert beschrieben wird wie ein offener Wettkampf zweier gegnerischer Teams, dass die Täterschaft nicht klar benannt wird, dass das Grauen nicht dokumentiert und zugeordnet wird, dass behauptete Motive und Ziele der Invasion nicht als Propaganda entlarvt werden, dass die Berichterstattung keine Emotionen wecken darf, dass Kriegsverbrechen nicht als Kriegsverbrechen oder Lügen nicht als Lügen bezeichnet werden – im Gegenteil.

Was wäre dann neutrale Berichterstattung?
Neutrale Kriegsberichterstattung meint vor allem: unabhängige Kriegsberichterstattung. Unabhängige Berichterstattung steht nicht im Dienste einer Kriegspartei. Sie kann zwar den Kriegsverlauf zugunsten oder zulasten einer Kriegspartei beeinflussen – allein schon dadurch, dass sie verlässlich aufzeigt, was wahr und was falsch ist. Aber sie macht sich die Einflussnahme nicht zum Ziel. Denn sonst würde sie selbst zur Kriegspartei, müsste diesem Ziel immer wieder Wahrhaftigkeit und Sorgfalt opfern und verlöre damit jede Glaubwürdigkeit. Abhängige Kriegsberichterstattung ist nicht mehr weit entfernt von Propaganda – auch wenn sie dem Täter schadet und dem Opfer hilft.

Wie verhält es sich diesbezüglich bei der dpa? Immerhin ist sie eine große Bezugsquelle für viele Medien.
All das gilt in besonderem Maße für eine nicht-staatliche Nachrichtenagentur wie die dpa. Ihr Wesenskern ist die Unabhängigkeit gegenüber allen Interessen und Einflüssen von außen, ihr wichtigstes journalistisches Format ist neben Reportagen, Analysen, Interviews, Hintergrundberichten oder Faktenchecks die nüchtern formulierte Nachricht. Und in der Nachrichtenberichterstattung über einen grausamen Aggressor und ein verzweifelt um sein Überleben kämpfendes Land mag es manchmal irritieren, wenn nicht überprüfbare Angaben des Opfers mit den gleichen Vorbehalten und Einschränkungen vermeldet werden wie Behauptungen des Täters.

Berichterstattung im Ukraine-Krieg: Standards gelten unabhängig von Täter-Opfer-Zuordnungen

Aber: Nachrichtliche Standards gelten unabhängig von Täter-Opfer-Zuordnungen und müssen auch dann eingehalten werden, wenn sie in ihrer Nüchternheit der Emotionalität des Geschehens nicht gerecht zu werden scheinen.

Viele Informationen sind nicht überprüfbar?
Tatsächlich wissen wir in vielen Fällen zunächst schlicht nicht, ob ukrainische Angaben zum Kriegsgeschehen zutreffen. Und dieses Nicht-Wissen müssen wir dann ebenso sachlich wie bei unbelegten russischen Behauptungen deutlich machen – etwa mit diesem Standardsatz: „Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden“, idealerweise ergänzt um Hinweise, was für und was möglicherweise gegen die Richtigkeit der Behauptung spricht.

Auch die dpa bietet Faktenchecks an. Wo nehmen Sie die Fakten her?
Factchecking ist eine oft aufwendige, kleinteilige und langwierige Recherchearbeit. Das gilt erst recht für Kriegslagen – schon alleine wegen der schieren Menge an Falschinformationen in Wort und Bild, die gezielt in Umlauf gebracht werden, um nicht nur die öffentliche Meinung, sondern möglichst auch den Kriegsverlauf zu beeinflussen. Manches lässt sich schon mit Standard-Recherchemethoden widerlegen, die zum Handwerk jeder Journalistin und jedes Journalisten gehören sollten. Für manches braucht es aber auch weitergehende Kenntnisse und Fähigkeiten. Auch deshalb hat dpa inzwischen ein eigenes großes Team an Verifikationsspezialistinnen und -spezialisten mit besonders profundem Wissen in digitaler Recherche.

„Ein Krieg ist ohne Zweifel die Hohezeit für selektive Information“

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein gutes Beispiel dafür ist die Geolokalisierung, die oft auch Geolocation genannt wird – also die Überprüfung, ob ein Foto oder Video tatsächlich das behauptete Geschehen am behaupteten Ort zur behaupteten Zeit zeigt. Das ist regelrechte Detektivarbeit, die von der Lupensuche nach verräterischen Details auf den Bildern und der Auswertung von Metadaten über Abgleiche mit Google Maps oder Satellitenaufnahmen bis hin zur Bewertung der abgebildeten Vegetation und zur Bemessung von Schattenlänge und -richtung reicht, um Jahres- und Uhrzeit zu bestimmen.

„Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst“ - wie viel Wahrheit steckt in diesem Satz?
Ein Krieg ist ohne Zweifel die Hohezeit für selektive Information, gezielte Desinformation und Manipulation. Aber auch in Friedenszeiten lebt die Wahrheit immer dann besonders gefährlich, wenn es um die – eben auch nicht-militärische – Durchsetzung von Interessen geht. Und damit werden Journalistinnen und Journalisten täglich konfrontiert. Bei jeder Begegnung mit Menschen und Institutionen, deren Aufgabe die Vertretung und Durchsetzung vor allem politischer und wirtschaftlicher Interessen ist, müssen wir uns bewusst machen, dass wir – wenn überhaupt – höchstens einen bestimmten Ausschnitt der Wahrheit zu sehen und zu hören bekommen und die ganze Wahrheit am Ende eine völlig andere sein kann, als es der Ausschnitt suggeriert.

Kriegsberichterstattung im Ukraine-Krieg: „Wenn etwas offensichtlich ist, ist es lange nicht faktisch“

Das gilt übrigens auch dann, wenn es um Interessen geht, die allgemein für edel und gut befunden werden. Misstrauen und Zweifel sind journalistische Kerntugenden in jeder Lage – und im Kriegsfall müssen sie gegenüber allen Beteiligten Anwendung finden.

Was sollten die Medien anders machen?
Die Frage ist für mich eher, was wir auf keinen Fall anders machen sollten: An erster Stelle müssen wir uns unsere Unabhängigkeit und unser Misstrauen bewahren. Wir dürfen nicht aufhören zu zweifeln, zu prüfen, zu hinterfragen, zu verifizieren. Und wir müssen weiterhin jederzeit deutlich machen, was wir sicher wissen – und vor allem aber: was wir nicht sicher wissen, auch wenn es klar auf der Hand zu liegen scheint. Wenn etwas offensichtlich ist, ist es noch lange nicht faktisch. (Interview: Katja Thorwarth)

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