1. Startseite
  2. Politik

Angriff auf die Ukraine: Aktuelle Ereignisse wecken Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Erstellt:

Von: Sandra Kathe

Kommentare

In Charkiw in der Ukraine liegen 2022 ganze Straßenzüge in Schutt und Asche. Menschen die hier den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, erinnert das an eine jahrzehntealte Vergangenheit.
In Charkiw in der Ukraine liegen 2022 ganze Straßenzüge in Schutt und Asche. Menschen die hier den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, erinnert das an eine jahrzehntealte Vergangenheit. (Symbolfoto) © Sergey Bobok/AFP

In Zeiten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine werden Altenheime evakuiert und alte Menschen in Bombenkellern in Sicherheit gebracht. Das weckt Erinnerungen.

Kiew/Charkiw – Seit über zwei Monaten tobt in vielen Städten und Dörfern der Ukraine ein erbitterter Krieg, zahlreiche Zivilpersonen fürchten um ihr Leben, haben Angehörige oder ihre Heimat verloren. Für viele alte Menschen in der Ukraine bedeutet das jedoch auch, dass sie sich zurückversetzt fühlen in eine Zeit, in der ebenfalls Krieg ihren Alltag beherrschte. Doch damals kämpften Menschen aus der Ukraine und Russland Hand in Hand gegen die deutschen Besatzer, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ein regelrechtes Blutbad anrichteten.

Das Gebiet, in dem Laut den Plänen des „Generalplan Ost“ Millionen Deutscher angesiedelt werden sollten, wurde zu einem der Hauptschauplätze des Zweiten Weltkriegs, etwa acht Millionen Menschen verloren während der sechs Kriegsjahre ihr Leben. Unter ihnen waren rund 1,6 Millionen ukrainische Jüdinnen und Juden, und fünf Millionen weitere Zivilpersonen. Dazu wurden Millionen Menschen als Zwangsarbeitskräfte nach Deutschland verschleppt.

Seniorinnen erinnert Ukraine-Krieg an Zweiten Weltkrieg: Erinnerung an Charkiw in den 40ern

Zu ihren Erinnerungen befragt, erzählten zwei Seniorinnen, die heute in einem Altenheim in der Nähe von Kiew leben, der britischen Zeitung The Guardian von Zeiten, die viele Jahrzehnte zurückliegen. Eine von ihnen, die heute 99-jährige Livdmyla Lishtvanonva, berichtet etwa von Hilfseinsätzen für die Rote Armee in Charkiw, bei denen sie als junge Frau mit bloßen Händen Blindgänger aus dem Weg räumte, um die Straßen für die russischen und ukrainischen Soldaten zu sichern. Dienst am Land sei das gewesen, „selbst von den Dächern von Häusern“ hätten sie und ihre Mitstreiterinnen die nicht explodierten Bomben und Munitionsteile heruntergetragen.

Die 94-jährige Valentyna Lits erinnert sich vor allem an die Erzählungen ihres Vaters, der im Artillerie-Korps kämpfte und seiner Familie in einem Brief von der Front von einem Einsatz berichtete. Dabei hätte er einen Befehl ausgeführt, nach dem er ein Gebiet bombardieren sollte, in dem russische Soldaten gegen die deutschen Besatzer kämpften. „Er sagte, er hat nie herausgefunden, ob welche seiner eigenen Leute überlebt haben“, erinnert sich Lits.

Angriff auf die Ukraine: 160 alte Menschen erst im Keller versteckt, dann evakuiert

Die beiden Frauen sowie 160 weitere Bewohnerinnen und Bewohner des Heims in Chaiky im Westen von Kiew verbrachten die ersten Kriegstage in einem Kellerversteck, nachdem russische Soldaten am 08. März in den Vorort von Kiew vorgedrungen waren, wurden sie alle evakuiert und in Sicherheit gebracht. Inzwischen sind sie wieder zurückgekehrt, nicht ohne sich mehrfach zu versichern, dass keine Gefahr mehr bestehe.

Während Lits von zwei Enkeln erzählt, die beide in Russland leben und mit ihr nicht über den Krieg sprechen wollen, sagt Lishtvanonva, dass sie sich ihr Leben lang als Russin bezeichnet habe und jetzt nicht vor habe sich auf eine Seite zu schlagen. Sie betont dennoch, dass die Menschen damals, im Zweiten Weltkrieg einfach nur für den Frieden gekämpft hätten: „Ich will Frieden“, sagt die 99-Jährige. Den aber aufzubauen sei viel schwieriger als ihn kaputtzumachen.

Reaktionen auf den Ukraine-Krieg: „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Russen mal hassen würde“

Die 94-jährige Lits wählt da klarere Worte: „Mein ganzes Leben hatte ich nie ein Problem mit Menschen aus Russland“ sagte sie dem Reportage-Team des Guardian: „Mein Mann kam ganz aus dem Osten von Russland und seine Mutter wollte nicht, dass er eine Ukrainerin heiratet, aber ich kam immer gut mit den Menschen in Russland zurecht. Nun sehe und höre ich was passiert, Geschichten über Morde und Vergewaltigungen, tote Kinder, und ich fühle Hass. Ich bin erfüllt von Hass. Und ich hätte nie gedacht, dass ich die Russen mal hassen würde, niemals!“ (ska)

Auch interessant

Kommentare