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Rekrutierung in Russland: Männer von der Straße, aus Hausfluren und aus Cafés geholt

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Von: Sandra Kathe

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Während Wladimir Putin vom baldigen Ende der Teilmobilmachung spricht, offenbaren Berichte aus Russland immer wieder bizarre Rekrutierungstaktiken des Militärs.

Moskau – Mit dem Ziel, 300.000 weitere Soldaten für den Krieg in der Ukraine zu rekrutieren, haben der russische Machthaber Wladimir Putin und sein Militär eine gigantische Fluchtwelle aus Russland ausgelöst. Hunderttausende Russen haben nach der Ankündigung teils mit ihren Familien das Land verlassen, unzählige weitere versuchen sich vor dem Rekrutierungsbescheid zu verstecken. Um dennoch Männer zu finden, die sich in den Krieg schicken lassen, gehen die Offiziellen von Polizei und Militär immer wieder eigenartige Wege.

Das legt auch ein aktueller Bericht der US-Zeitung Washington Post nahe, in dem es heißt, Männer in Moskau seien - kurz vor dem angeblichen Ende der Mobilisierungsaktion – von der Straße, aus Obdachlosenunterkünften, und aus den Eingangsbereichen von Wohnhäusern geholt worden. Bei einer Aktion in einem Bürohaus hätten Einsatzkräfte Augenzeugenberichten zufolge mehrere probende Musiker, einen Kurierfahrer und einen betrunkenen Angestellten mit Gehbehinderung mitgenommen. Auch in Cafés und Restaurants seien „Zugriffe“ erfolgt und die Ein- aus Ausgänge währenddessen blockiert worden.

Mobilmachung in Russland: Wer sich verweigert, landet im Gefängnis.
Von 300.000 geplanten Rekruten seien 222.000 bereits eingezogen, berichtete Wladimir Putin vergangene Woche. (Symbolbild/Archiv) © Alexander Ryumin/dpa

Teilmobilmachung in Russland für den Ukraine-Krieg: Staaten berichten von 300.000 Kriegsflüchtigen

Nach offiziellen Angaben von Ländern, in die Russen vor dem Kriegseinsatz geflüchtet sind, soll es rund 300.000 Männern gelungen sein, sich einer möglichen Rekrutierung zu entziehen. Etliche weitere lebten in Angst, in ihren Verstecken gefunden oder von Nachbarn verraten zu werden. Ein anonymer Mann, mit dem die Washington Post sprach, berichtete davon, dass er in seinem Dorf nicht mehr zum Einkaufen geht und sich nicht ans Steuer seines Autos traut: Zu hoch sei das Risiko, von der Polizei angehalten zu werden.

Andere wendeten sich mit ihrer Angst an Hilfsorganisationen wie „Go by the Forest“ des Aktivisten Grigory Sverdlin, der aus dem Exil in Georgien Männer berät, die sich dem Kriegseinsatz entziehen wollen. Binnen elf Tagen hätten er und sein Team 2700 Männer beraten, 60 Eingezogenen hätte man außerdem Informationen gegeben, wie sie sich in der Ukraine sicher ergeben könnten. Von mindestens acht wisse er, dass der Versuch gelungen sei, sagte er der US-Zeitung.

Ohne Training an die Front: Russische Rekruten sterben im Ukraine-Krieg

Berichte über Männer, die quasi ohne Training nach nur wenigen Tagen an die Front geschickt werden und der Umstand, dass bereits die ersten der in den vergangenen Wochen rekrutierten Russen gefallen sind, sorgt bei manchem für die Sorge, dass sich doch langsam ein Widerstand aus der Bevölkerung gegen den Ukraine-Krieg regt. So betonte der hochrangige russische Politiker und Putin-Parteifreund Andrei Klishas laut einem Bericht der Moscow Times, dass die Rekrutierung von den Straßen sowie die Anweisung diese durchzuführen „rechtlich überprüft“ werden müsse.

Auch der britische Guardian berichtet von ersten Toten, die erst wenige Wochen vor ihrem Kriegseinsatz rekrutiert worden seien. Die Region Chelyabinsk meldete am Donnerstag den Tod von fünf kürzlich Mobilisierten, die Region Krasnoyarsk am Samstag vier. Im Washington Post-Bericht kommt ein Überlebender der Rekruten aus Chelyabinsk zu Wort, der erzählt, wie die Soldaten ohne je einen einzigen Schuss abgegeben zu haben, direkt mit Granatenwerfern in eine Angriffseinheit geschickt worden wären. Hinterbliebene anderer Getöteter erzählten dem Guardian, dass ihnen in den Rekrutierungsbüros mindestens zwei Monate Training versprochen worden wären.

Laut einer aktuellen Stellungnahme des russischen Machthabers Wladimir Putin seien bis vergangene Woche der 222.000 der angestrebten 300.000 Reservisten einberufen worden. In zwei Wochen soll die Teilmobilisierung abgeschlossen sein. Wie die Washington Post berichtet, forderten erste militärische Hardliner bereits eine zweite Rekrutierungsrunde. (ska)

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